Berlin - Eckart von Hirschhausen ist ein deutscher Fernsehmoderator, Arzt, Zauberkünstler, Kabarettist, Comedian und Schriftsteller. Jetzt ließ er sich impfen. Ob er nun wirklich vor Covid-19 geschützt ist, weiß er noch nicht. Sein Fazit: Er musste sich selbst erst überwinden und kann inzwischen verstehen, dass es ein sehr sensibles Thema ist. Die Dokumentation „Hirschhausen als Impfproband“ wird am Montag (1. Februar, 20.30 Uhr) im Ersten ausgestrahlt.  

Herr von Hirschhausen, wie kamen Sie dazu, sich als Proband zu melden?  

Als Arzt in der Kinderheilkunde habe ich schon vor 25 Jahren erlebt, was für ein Segen wirksame Impfungen sind und ich habe auch selber Kinder geimpft. Seitdem verfolge ich die Diskussionen, bin in Fachgremien, begleite Kongresse und bin erschüttert, wie hartnäckig sich viele Mythen halten. Deshalb habe ich überlegt, was mein Beitrag sein könnte, damit wir den Impfstart in Deutschland nicht durch Wissenslücken und Misstrauen in den Sand setzen.

Wie war das Impf-Prozedere?

Ganz schön zeitintensiv. Es gibt lange Aufklärungsgespräche, körperliche Untersuchungen, Bluttests, die beiden Impfungen selber, Nachbeobachtung vor Ort, Symptomprotokolle schriftlich und als App, damit alle Nebenwirkungen erfasst werden und und und. Vor der Phase drei gibt es ja schon lange Tests, in denen die Sicherheit und die richtige Dosierung ermittelt werden. Das ganze Vorgehen ist dokumentiert, megatransparent und gründlich.

Was ging Ihnen vorher durch den Kopf?

Für einen Moment habe ich tatsächlich gezögert, denn logischerweise ist ein Impfstoff, den es schon 20 Jahre gibt, besser verstanden als ein neuer. Deshalb habe ich mit vielen Fachleuten gesprochen, einige kommen auch im Film vor wie Frau Professorin Marylyn Addo, eine der weltbesten Infektologinnen und selber Studienärztin, Volker Stollorz vom Science Media Center oder Karl Lauterbach, der sich wirklich exzellent mit den aktuellen Studien auskennt und auch Cornelia Betsch, die Expertin ist für Impfkommunikation. Auch die Aufklärung an der Uniklinik Köln für alle Studienteilnehmer durch die Professorin Clara Lehmann war sehr gut. Alle haben mir den Prozess erklärt und mit bestem Wissen und Gewissen zugeraten. Ich konnte zu jedem Zeitpunkt Nein sagen. Habe ich aber nicht.

Hatten Sie Nebenwirkungen?

Das kann ich nicht abschließend beurteilen, da ich nicht weiß, ob ich den echten Impfstoff oder das Placebo bekommen habe. Das weiß auch die Ärztin nicht, die mich geimpft hat. Ich weiß nur meine Nummer: Ich bin Proband 20! Das Prinzip der sogenannten doppelten Verblindung ist wichtig, weil viele „Nebenwirkungen“ allein deshalb erlebt werden, weil man vermehrt auf seinen Körper achtet. Ich habe die letzten Wochen Schmerzen an der Schulter und am Oberarm, recht lästig und häufig, nennt sich „Frozen Shoulder“. Die hatte ich auch schon vor der Impfung. Wären die Schmerzen aber zeitlich nach der Impfung aus dem Nichts aufgetaucht, hätte ich sofort die Impfung verdächtigt, dafür ausschlaggebend zu sein. Um solche falschen Zuweisungen zu vermeiden, gibt es drei wichtige Prinzipien bei Studien: möglichst viele Leute, Zufallsverteilung in die Gruppen und Verblindung. Dafür mache ich ja zusammen mit dem WDR und der Produktionsfirma Bilderfest die Sendung, damit viele verstehen, wie viel Aufwand, Detailarbeit und Professionalität hinter einer Studie steht. Außerdem bin ich doch besser zu 50 Prozent an einer guten Sache beteiligt als zu 100 Prozent an einer miesen, sprich einer ungeschützten Corona-Infektion.

Was sagen Sie denjenigen, die Corona leugnen und abraten, sich impfen zu lassen?

Jeder sollte einmal darüber nachdenken, welche Auswirkungen und massiv größere Schäden durch die echte Infektion verursacht werden. Jeden Tag sterben Menschen, oft über 1000, das kann einen doch nicht kaltlassen. Viele haben nach einer durchgemachten Infektion Spätschäden mit Verlust des Geschmacksinns, neurologische Schäden bis zu anhaltender Mattigkeit – das will keiner. Um eine gute Entscheidung für sich zu treffen, müssen wir uns drei Fragen stellen: Was ist der Nutzen, was ist der Schaden und was passiert, wenn ich abwarte und erst mal nichts tue. Der Nutzen der Impfung ist glasklar belegt, ein extrem hoher Schutz vor schweren Verläufen von Covid-19, sogar höher als bei anderen Impfungen. Der „Schaden“ der Impfung ist auch ziemlich klar: zwei Tage Unwohlsein mit Kopfschmerzen, Krankheitsgefühl, Unwohlsein, so wie bei jedem anderen Infekt auch. Und wenn ich nichts tue, riskiere ich die Erkrankung plus die Tatsache, dass ich bevor ich selber um meine Virenlast weiß, schon längst andere angesteckt habe, womöglich sogar meine Allerliebsten in meinem Umfeld. Da habe ich lieber zweimal einen kleinen Pieks, bin keine Gefahr mehr für andere und fühle mich solidarisch und sicher.

Viele zweifeln an der Wirksamkeit, auch weil der Impfstoff so schnell auf dem Markt war – wie sehen Sie das?

Dass die Zulassungen schneller geklappt haben als bei anderen Impfungen, ist keine Schluderei, sondern das Ergebnis von sehr effizienten Abläufen, die ineinandergreifen statt hintereinanderzulaufen wie sonst.

In der Dokumentation treffen Sie einen ehemaligen Corona-Patienten. Wie waren für Sie die Begegnung und die Gespräche?

In der ersten Welle durfte ich eine Woche lang auf der Intensivstation der Uniklinik Bonn eine Doku drehen. Ich habe da niemanden gesprochen, der Corona auf die leichte Schulter nahm, weder bei den Mitarbeitern noch bei den Angehörigen der Patienten. Eine Familie hat mich sehr gerührt, weil sie sich wegen des Besuchsverbotes jeden Tag auf der Wiese vor der Intensivstation versammelte, um ihrem wochenlang beatmeten Mann und Vater nahe zu sein. Der Patient, Jörg Pütz, hat sich gegen alle Erwartungen wieder erholt, kann wieder laufen und sprechen und lachen. Die Familie hat eingewilligt, mit mir noch einmal an diesen besonderen Ort zu gehen, was beide sehr aufgewühlt hat. Ich habe großen Respekt für ihren Mut, ihren Schmerz und ihre Erlebnisse mit anderen zu teilen. Sie tun das aus Überzeugung, um Aufklärungsarbeit zu leisten, und als Dankeschön und aus Mitgefühl heraus für die Menschen, die jetzt gerade auf den Intensivstationen sind, als Patienten oder Mitarbeiter.

Wenn wir so weitermachen, kommt nach HIV, Sars, Ebola und jetzt Corona garantiert bald die nächste Pandemie. Gesunde Menschen gibt es nur auf einer gesunden Erde.

Eckart von Hirschhausen

Schützen Sie sich seitdem mehr oder anders als vorher?

Die Lockdownregeln gelten weiterhin für mich: Abstand halten, Hände waschen, Maske und lüften. Man muss sich weiter so verhalten, als wäre man theoretisch ansteckend für andere. Was man sicher weiß, ist, dass die Impfung vor schweren Verläufen schützt, aber man weiß nicht, ob man für andere infektiös sein kann. Das ist zwar sehr wahrscheinlich, aber sicher ist sicher.

Inwieweit hat sich Ihr Alltag verändert?

Ich bin ja nicht nur Wissenschaftsjournalist, sondern auch Bühnenkünstler. Insofern erlebe ich schmerzlich mit, wie der Wert der Künste und all der Menschen, die in dieser Branche meist freiberuflich arbeiten, vor die Hunde geht. Ich vermisse meine Crew, mein Publikum und natürlich auch, andere Künstler in ihrer Kraft, in ihrem Element zu erleben. Konzerte, Lesungen, Kabarett sind auch systemrelevant, da sind mehr Menschen beschäftigt als in der Autoindustrie, bei deutlich weniger Ressourcenverbrauch. Beim Zuhören oder Lachen wird nicht mehr C02 frei als beim Meckern. Es macht aber bessere Stimmung. Warum „retten“ wir ständig mit kollektivem Steuergeld Jobs in Branchen, die uns kollektiv Schaden zufügen, wie der Braunkohle, der Agrarindustrie und dem Flugverkehr? In welcher Welt wollen wir eigentlich leben? Enkeltauglich. Die Pandemie ist entstanden durch die brutale Zerstörung der Lebensräume von Wildtieren. Darüber sollten wir sprechen, denn wenn wir so weitermachen, kommt nach HIV, Sars, Ebola und jetzt Corona garantiert bald die nächste Pandemie. Gesunde Menschen gibt es nur auf einer gesunden Erde.

Müssen die Menschen noch mehr und besser aufgeklärt werden?

Was fehlt, ist eine Entscheidungshilfe, bei der nüchtern die Zahlen nebeneinandergestellt werden und jeder sich seine Meinung bilden kann, so was wie der Wahl-O-Mat, nur fürs Impfen. Es fehlt an guten Videos, die Falschinformationen geraderücken und die Fragen aufnehmen, die Menschen haben, aber nicht in langen Bleiwüsten und unübersichtlichen Listen, sondern zeitgemäß mit Grafiken, Animationen, bekannten und vertrauenswürdigen Erklärern aus Medizin und Pflege. Vor allem gibt es eine Verantwortungsdiffusion, wer dafür zuständig ist. Ich vermisse auch eine fachgruppenspezifische Ansprache der Pflegefachkräfte. Warum gibt es für diese größte Gruppe im Gesundheitswesen keinen Podcast, bei dem man sich unkompliziert auf dem Weg zur Arbeit aufschlauen kann?