„Ich kann es nicht erwarten, dich zu umarmen, wenn das alles vorbei ist“ - So geht es momentan wohl vielen Menschen.
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BerlinWie sehr ich mich an die Schilder gewöhnt habe, merke ich, als mir ein neues auffällt. Beim Gemüsehändler liegen „Flugmangos“ neben der Kasse und auf dem Berg ein Pappschild mit der Aufschrift „Bitte nicht drücken“. Ich finde beides kurz lustig, das Wort „Flugmango“ und die Bitte. Weil die ja gerade auch für die meisten Menschen gilt. Obwohl alle so eine große Sehnsucht danach haben, mal wieder gedrückt zu werden und andere zu drücken. Flugmangos, lese ich später, sind besonders empfindlich, weil sie bereits reif importiert werden, mit dem Flugzeug. Ihre Kollegen, die normalen Mangos, reifen auf der langen Reise nach Europa.

Die anderen, vor ein paar Wochen noch neuen Schilder und Plakate nehme ich gar nicht mehr wahr. Die Aufsteller vor den Geschäften mit den Abstandsregeln. Die Zettel an den Türen, die darüber informieren, wie viele Kunden sich im Laden aufhalten dürfen. Kreidetafeln mit den Worten „Wir sind weiterhin für sie da“. Und das allgegenwärtige „Bleiben Sie gesund“. Auch unter keiner E-Mail fehlt es.

Sie sind zur Normalität geworden, diese Worte und Schilder, wie die Abstandsmarkierungen im Supermarkt. Sie gehören so selbstverständlich zum Stadtbild wie Security-Leute in der Drogerie. Wie Desinfektionsstationen und Plexiglas-Wände. „Spuckschutzscheiben“ werden sie auch genannt. Anders als über „Flugmango“ muss ich über dieses mir im Februar noch unbekannte Wort nicht mehr lächeln. Es gehört zum Alltag. Wie „Niesetikette“.

Wenn mir im Park jemand mit Maske entgegenläuft überkommt mich schon lange kein asiatisches Gefühl mehr. An der Straßenbahnhaltestelle fallen die nackten Gesichter auf.

Auf einem Spaziergang erzähle ich einer Freundin von meinen Beobachtungen. Bis ich merke, dass sie mit den Gedanken ganz woanders ist. In ihren Augen stehen Tränen. Sie erzählt von ihrem Kummer und der Abstand zwischen uns fühlt sich an wie eine Gletscherspalte. Sie nicht in den Arm nehmen zu dürfen, ist unmenschlich. Wie mir gerade ging es einer anderen Freundin eine Woche vorher. Da hatte ich einen schlimmen Tag. Schon die Luftumarmung zur Begrüßung nach so langer Zeit fiel uns beiden schwer. Als ich ihr von meinen Sorgen berichtete, spürte ich förmlich den Kraftaufwand fürs Trösten ohne Anfassen.

Sechs Wochen sind vergangen seit ich an dieser Stelle über Luftküsse schrieb. Noch eine Woche länger ist der Zeitraum in dem ich einzig meinen Mann und die Kinder umarmt habe. Aber wenigstens das. Als das kleine Kind seine erste Videokonferenz mit der Klasse hatte war es am Anfang ganz unglücklich. Saß zusammengesunken auf seinem Stuhl und starrte stumm auf die Bildschirmgesichter. Ich nahm das Kind in den Arm.

Die Konferenz wurde dann doch noch sehr lustig, vor allem am Ende, als die Lehrer sich ausgeloggt hatten. Mehrmals schallten „Ich vermisse euch alle“-Rufe aus dem Kinderzimmer. Mir kamen die Tränen und ich dachte: Wer jetzt Homeschooling, Homeoffice und noch mehr Digitalisierung des Alltags als das ganz große Ding der Zukunft feiert, hat etwas nicht verstanden. Anders als an neue Schilder und Wörter werden wir uns nie daran gewöhnen, einander körperlich nicht nahe sein zu dürfen. Wir sind eben keine Flugmangos.