Auf den rechten Bahnen prusten neunjährige Knirpse aus der Grundschule Pusteblume durchs Wasser der Schwimmhalle in Kaulsdorf-Nord. Links absolvieren ein gutes Dutzend Frauen und Männer ihr wöchentliches Training, jeder von ihnen ist über 60 Jahre alt. Die Alten kümmern sich nicht um das Geschrei und Gezappel der Kinder, die wiederum achten darauf, dass sie die Senioren am Beckenrand nicht umrennen.

Mit 78 Jahren 20 Runden schwimmen

Einer dieser schwimmenden Senioren ist Josef Rehak. Er ist 78 Jahre alt, und als er nach einer Stunde aus dem Wasser kommt, hat er etwa 20 Runden gedreht. Seine Frau Karin ist fünf Jahre jünger, hat aber nicht ganz so viele Bahnen geschafft. Josef und Karin Rehak wären gewiss keine Kandidaten für die Werbeindustrie, die mit Fotos von kernigen, schlanken und sonnengebräunten Typen Kreuzfahrten oder Wanderschuhe verkaufen will.

Das Wunderbare ist: Josef und Karin Rehak wissen das und stehen dazu. Er ist klein und rundlich, hat schütteres Haar und Lachfältchen um die Augen. Sie ist genauso groß, wiegt noch einiges mehr als ihr Mann und ist ein sehr fröhlicher Mensch. In Hellersdorf ist sie als „Madam Knöpfchen“ ziemlich bekannt: fast zwei Jahrzehnte lang ist sie als Märchenerzählerin in Kindergärten und Bibliotheken aufgetreten und hat sich mit Knöpfchen bezahlen lassen. Jetzt erzählt sie die Märchen nur noch ab und an während der Adventszeit vor Kindern.

Das Ehepaar ging schon bald, nachdem die Halle 1987 eröffnet worden war, regelmäßig Schwimmen. Seit 2011 sind sie Mitglieder im SC Eintracht, bezahlen 12 Euro im Monat und gehören nun zu der Senioren-Gruppe, die sich jeden Dienstag trifft.

Schwimmgruppe für Senioren und Behinderte sei 1991

Beim SC Eintracht kann man boxen oder kegeln, Volleyball oder Tischtennis spielen und Gymnastik treiben. Der Club betreibt einen Sportkindergarten und bietet seit 1991 auch Gesundheits- und Seniorensport an. „Wegen der demografischen Entwicklung der Bevölkerung“, wie auf der Webseite steht. „Angefangen haben wir 1991 mit zehn Leuten“, erzählt Hans Fuhrmann, der beim SC Eintracht für den Seniorensport zuständig ist. Er hat damals die „Schwimmgruppe für Senioren und Behinderte“ mitinitiiert, er betreut sie seither. Er ist auch schon 79, und wenn er mal nicht mehr kann, ist es fraglich, ob die Schwimmgruppe bleibt. Der Nachwuchs fehlt.

„Inzwischen haben wir 270 Mitglieder beim Senioren- und Behinderten-Schwimmen,“ erzählt Fuhrmann. Manche sind von Anfang an dabei. „Andere fanden den Weg zum Club mit einer Verordnung ihrer Krankenkasse und blieben“, sagt Hanns Fuhrmann. Schwimmen sei für Senioren perfekt: Man könne sich nicht verletzten, es stärke die Rückenmuskulatur, erhöhe die Ausdauer und fördere das Gleichgewichtsgefühl. Allerdings schwimmt Hanns Fuhrmann nicht, dass ist ihm zu nass. Er fährt Rad.

„Als Rentner hat man doch die Zeit dazu"

Das wäre wiederum für Josef und Karin Rehak nichts. Er arbeitete als Mathematiker in einem Institut, sie in einem Büro, und so haben sie also viel Zeit ihres Lebens sitzend verbracht. Auf die Frage, ob sie noch andere Sportarten getrieben oder auch schon früher etwas für die Fitness getan hätten, kommt ein entschiedenes „Nein!“ und ein lautes Lachen von Karin Rehak. „Dafür hatten wir doch gar keine Zeit!“ Schwimmen scheint sie nicht so recht als Sport anzusehen: sie gehen immerhin schon seit 1987 in die Halle, seit zehn Jahren sind sie im Verein und gehen nun einmal in der Woche – immer zusammen – ins Wasser.

„Ich fühle mich fit und wenn ich mich im Vergleich mit manchen Gleichaltrigen sehe, geht es mir prächtig“, sagt der 78-jährige Josef Rehak. Jeden Morgen macht er zudem 15 Minuten Gymnastik. „Das sollte jeder tun,“ empfiehlt er. „Als Rentner hat man doch die Zeit dazu.“ Seine Frau würde gern auch noch Wassergymnastik machen, aber das bietet der Sportclub nicht an, und anderswo müsse man mindestens zehn Euro pro Stunde bezahlen. Das sei ihr zu teuer. Also schwimmt sie, und das sei gut bei ihrem Gewicht, erklärt Karin Rehak. „Der Körper verbraucht sich, das ist normal. Das muss man annehmen. Aber wenn man einmal merkt, wie gut Bewegung tut, dann macht man was.“

„Solange ich mich noch gut bewegen kann, ist alles gut“

Tatsächlich haben zahlreiche Studien mit Senioren belegt, dass körperliche Aktivität die Mobilität und Selbstständigkeit im Alter verbessert. Sogar dann, wenn erst spät damit begonnen wird, wenn der Mensch schon gebrechlich ist. Wer sich bewegt, trainiert Muskulatur, Standfestigkeit und Koordination. Das beugt Stürzen vor und erhöht die Chancen, im Alter länger selbstständig zu bleiben. Bewegung erhöht die Knochendichte und verringert so die Gefahr von Brüchen, stärkt Herz und Kreislauf, beugt Diabetes vor, schützt wahrscheinlich vor Demenz. Und schafft soziale Kontakte. Auch das ist ein Grund für Karin und Josef Rehak, jeden Dienstag zu kommen. „Wir verstehen uns gut, sind eine schöne Gemeinschaft. Manchmal gehen wir anschließend noch Kaffee trinken.“

Margit Pflaume kam erst mit einer Reha-Verordnung vom Arzt hierher und ist dann beim Schwimmen geblieben. „Als ich noch arbeiten ging“, erzählt sie „hatte ich für so was keine Zeit.“ Sie ist wohlproportioniert, jedes Pfund sitzt am rechten Fleck. Sie macht kurz Pause und will eigentlich gleich wieder ins Wasser. Die Badekappe baumelt an der Hand, die blonden Haare hat sie zusammengebunden. Ihre 75 Jahre sieht man Margit Pflaume, die in der Hotelbranche und in Schichten gearbeitet hat, nicht an. Sie treibt mit einer privaten Gruppe noch Gymnastik, was ihr großen Spaß mache. „Solange ich mich noch gut bewegen kann, ist alles gut.“ Aber man sollte nur etwas machen, was einem Spaß mache und nicht, weil man es müsse. Sie habe ihr Leben lang „gemusst“, damit sei es vorbei.

Humor ist die stärkste Waffe gegen das Altern

Anders als für Josef und Karin Rehak und auch Margit Pflaume gehörte für Christa Schmidt Sport zum Leben schon immer dazu. Die 77-Jährige hat zehn Jahre Leistungssport betrieben, sie hat Handball gespielt. Sie ist drahtig, der schwarze Badeanzug sitzt perfekt und ihr graues, kurzes Haar übersteht locker jeden Angriff einer Badekappe. Auch sie kam mit einer Reha-Verordnung zur Gruppe. Nun schwimmt sie einmal in der Woche. Sie macht zudem Wirbelsäulengymnastik, geht einmal im Monat zum Kegeln und meint trotzdem, dass sie noch zu wenig Sport treibe. Sie sei „ein bisschen faul“, sagt sie. „Ich habe durchaus schon so manches Zipperlein. Aber vom Kopf her bin ich noch sehr rege“. Ihre Devise sei „Lachen, lachen, lachen. Humor sei die stärkste Waffe gegen das Altern. Und Bewegung natürlich, fügt sie hinzu, zieht die Badekappe über die Haare und dreht noch ein paar Runden.