Berlin - Seit Dezember ist viel die Rede von den neuen Sars-Cov-2-Linien, die mehr als ein Dutzend genetische Veränderungen besitzen und vermutlich ansteckender sind als die zuvor kursierenden Varianten. Zwei der neuen Linien könnten sogar derart mutiert sein, dass die nach Impfung oder Infektion erworbene Immunabwehr nicht mehr so gut wirkt. Anders als zu Beginn wird nun zudem befürchtet, dass zumindest eine der Mutanten – die britische Linie B.1.1.7  – auch stärker krank macht.

Beim Robert-Koch-Institut (RKI) heißt es über die Linie B.1.1.7: „Nach derzeitigem Kenntnisstand ist sie noch leichter von Mensch zu Mensch übertragbar als bisher zirkulierende Varianten und weist eine höhere Reproduktionszahl auf, so dass ihre Ausbreitung schwerer einzudämmen ist.“ Genau dieser derzeitige Kenntnisstand scheint jedoch derzeit zur Debatte zu stehen.

Es ist ja auch verwirrend. Zuerst hieß es, die britische Linie sei bis zu 70 Prozent ansteckender, dann kursierten Werte zwischen 35 und 50. Eine definitive Zahl gibt es bis heute nicht. Dennoch gehen inzwischen etliche Forscherverbünde und Gesundheitsschutz-Institutionen – vom deutschen RKI über das britische Regierungsberatungsgremium Nervtag bis hin zur europäischen Seuchenbehörde ECDC – davon aus, dass B.1.1.7 ansteckender ist.

Was lässt sich aus sinkenden Fallzahlen ableiten?

Während diese Seite zur Vorsicht mahnt – es kursieren Begriffe wie Raketenantrieb und Turboviren – und vor unbedachten Lockerungen warnt, gibt es Experten, die die Sache anders sehen. Zu ihnen zählt Klaus Stöhr und mit ihm die Arbeitsgruppe der Plattform „CoronaStrategie“, die Anfang Februar eine „rationale Bewertung der Sars-CoV-2 Varianten“ veröffentlicht hat.  In einem Interview in dieser Zeitung sagte Klaus Stöhr kürzlich, „die Befürchtung, dass die britische Mutante infektiöser sei, hat sich aus den Beobachtungen in vielen europäischen Ländern bis dato nicht bestätigt“. Dafür spreche die Tatsache, dass in Großbritannien, Irland, Dänemark und auch in der Schweiz, wo die Mutante B.1.1.7 inzwischen einen Anteil von 30 bis 90 Prozent habe, die Fallzahlen weiter ungebrochen zurückgingen oder stagnierten, erläutert er auf Anfrage.

Klaus Stöhr ist Virologe und Epidemiologe. Er war von 1992 bis 2007 bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO), danach arbeitete er bis 2015 in der Impfstoffentwicklung des Pharmakonzerns Novartis im US-amerikanischen Boston, aktuell ist er als Berater tätig. Für ihn zähle neben den Labor- und epidemiologischen Befunden aus England auch die „empirische Datenlage“, sagt er. „Diese scheint nicht für eine höhere Infektiosität zu sprechen, die die Bekämpfung sichtlich behindert.“ Diese Tatsache müsse bei der Bekämpfung mit betrachtet werden. Es seien keine verschärften Maßnahmen notwendig. „Jedes Land kann wie geplant weitermachen in seiner Pandemie-Strategie.“

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Die Sorge vor den Mutanten beruhe auf einem gedanklichen Fehler, erklärt der Virologe, der sich bei der WHO vor allem mit Sars-1 und Influenza befasst hat. „Menschen, die in der Populationsvirologie nicht so bewandert sind, denken, höhere Durchsetzungsfähigkeit bedeute zwangsläufig, dass die neue Variante mehr Menschen ansteckt. Dabei heißt es nur, dass das neue Virus das andere verdrängt.“ Es könne kränker mache, das sei aber nicht zwangsläufig so, und es brauche auch keine geringeren Viruszahlen, um eine Infektion auszulösen. Stöhr hält B.1.1.7 möglicherweise für eine sogenannte Null-Mutante: „Solche Virusvarianten können sich besser durchsetzen, schaden aber auch nicht sichtlich dem Bekämpfungsfortschritt.“

Durchsetzungsfähiger, aber nicht ansteckender?

Hat Klaus Stöhr recht? Wenn aktiv forschende Virologen wie Friedemann Weber, Professor und Leiter des Instituts für Virologie an der Universität Gießen, derartige Aussagen hören, wundern sie sich sehr. Die Aussage, höhere Durchsetzungsfähigkeit bedeute nicht zwangsläufig höhere Ansteckungsfähigkeit, findet Weber mindestens gewagt. „B.1.1.7 steckt unter den gleichen Bedingungen ganz offensichtlich mehr Menschen an als die alte Virusvariante. Genau deswegen setzt sich die Variante ja durch – warum denn sonst?“, sagt der Professor.

Dass Klaus Stöhr seit einigen Wochen weitgehend unwidersprochen seine Sicht auf die Mutanten in TV- und Zeitungsinterviews verbreitet, hat sicherlich damit zu tun, dass die Faktenlage zu den neuen Virusvarianten wackelig ist. Einerseits sind da zahlreiche Epidemiologen, die zum Beispiel in Großbritannien den Aufstieg von B.1.1.7 analysieren, und aus der überdurchschnittlichen Verbreitung die bisher kursierenden Werte einer um 35 bis 70 Prozent erhöhten Infektiosität schlussfolgern.

Hieb- und stichfeste Beweise gibt es bisher nicht

Um diese und die anderen gefürchteten neuen Eigenschaften hieb- und stichfest zu beweisen, müssen jedoch andererseits klare Labordaten her. Erst gründliche vergleichende Versuche unter definierten Bedingungen können zeigen, ob die vermutete höhere Ansteckungsfähigkeit Tatsache ist oder nicht. Dabei wird etwa untersucht, ob Mutanten besser als Nichtmutanten in Zellen eindringen oder ob sie sich darin stärker oder schneller vermehren. Doch diese Arbeit ist langwierig und dauert noch an.

Nichtsdestotrotz findet Friedemann Weber die Argumentation von Klaus Stöhr alles andere als schlüssig. „Das Absinken der Infektionen in einer Zeit, in der Maßnahmen ergriffen werden, kann man doch nicht als Beweis dafür nehmen, dass ein Virus nicht infektiöser geworden ist“, sagt Weber. Es zeige lediglich, dass die Lockdown-Maßnahmen - wie erwartet - auch gegen die neuen Varianten wirken.

Widersprüchlich sei zudem, auf der einen Seite nicht zu bestreiten, dass die Mutante B.1.1.7 in Großbritannien ganz klar dominiere. „Diese Tatsache widerlegt ja zumindest nicht die Annahme der erhöhten Infektiosität“, sagt der Gießener Experte. Auf der anderen Seite nutze Klaus Stöhr jedoch die Tatsache, dass die Zahlen runtergehen, für den Beleg des Gegenteils – also einer nicht erhöhten Infektiosität.

Einfach abzustreiten, dass man bei diesen Mutanten vorsichtig sein muss, hält Weber nicht nur für forsch, sondern auch für gefährlich. „Es gibt mittlerweile so viele unabhängige Hinweise auf erhöhte Infektiosität, dass man das nicht so einfach wegwischen sollte. Und diese Hinweise stammen von Wissenschaftlern, die sich intensiver mit den Daten auseinandergesetzt haben als Herr Stöhr, der zuweilen den Eindruck macht, einfach die Kurven anzuschauen und daraus seine Schlussfolgerungen zu ziehen“, sagt Weber.

Von Schlüsselmutationen und konvergenter Evolution

Und das sind einige der Hinweise: In den drei neuen bedenklichen Varianten – es geht um die britische Linie B.1.1.7, die in Südafrika aufgetauchte Linie B.1.351 sowie P1 aus Brasilien – finden sich sogenannte Schlüsselmutationen. Eine genetische Veränderung mit der Bezeichnung N501Y haben zum Beispiel alle drei Varianten. Aus früheren Laborexperimenten wissen Forscher, dass diese Mutation dazu führt, dass sich Sars-CoV-2 besser an diejenigen Stellen im menschlichen Körper binden kann, durch die es in die Zellen eindringt. Gemeint sind die ACE2-Rezeptoren, die sich unter anderem in der Schleimhaut der Atemwege, in der Innenwand der Blutgefäße und in den Nieren befinden.

Daraus kann man zwar nicht zweifellos auf eine erhöhte Ansteckungsfähigkeit schließen, naheliegend ist das aber durchaus. Und dies umso mehr, wenn man sieht, wie rasant sich alle drei Linien weltweit ausbreiten. „Allein die Tatsache, dass diese eine Schlüsselmutation jetzt rund um den Globus schon mindestens dreimal unabhängig voneinander aufgetreten ist, gibt uns zu denken. Man nennt das konvergente Evolution – und es ist ein starker Hinweis darauf, dass die Mutationen diesen drei neuen Linien einen Vorteil verschaffen“, sagt Weber.

Ohne Replikationen keine Mutationen

Es gibt also Grund genug, extrem wachsam zu sein. Und es spricht auch alles dafür, die Infektionszahlen jetzt so weit wie möglich zu drücken – was Klaus Stöhr, der Inzidenzen unter 50 im Winter als unrealistisch bezeichnet, im Übrigen auch anders sieht. „Man befürchtet, dass die drei Linien sich weitere Mutationen zulegen. Und je mehr wir davon einschleppen, desto wahrscheinlich wird das“, sagt der Gießener Virologe. Das ist leicht zu verstehen: Mutationen entstehen rein zufällig bei der Vermehrung (Replikation) der Viren. Es handelt sich um Fehler beim Kopieren des Erbguts. Ohne Replikation also auch keine Mutation. So einfach - und zugleich schwierig - ist die Angelegenheit.

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Doch auch so bereiten die drei neuen Linien schon genug zusätzliche Probleme. Denn die Varianten aus Südafrika tragen beide zwei weitere Schlüsselmutationen: E484K und K417. Beide Veränderungen bewirken einen sogenannten Immun-Escape. Das bedeutet, dass die Immunzellen, die der Körper nach einer Impfung oder Infektion parat hat, diese Virusvarianten weniger effektiv bekämpfen können. Aus Brasilien ist bereits von zahlreichen Zweitinfektionen zu hören, in Südafrika zeigt sich, dass Covid-19-Impfstoffe weniger gut wirken. Brasilien und Südafrika sind weit weg. „B.1.1.7 legt sich einer dieser Schlüsselmutationen, E484K, aber auch gerade zu, wie Gensequenzierungen in Großbritannien zeigen“, sagt Weber.

Fazit: Auf Englisch werden die drei neuen Linien Variants of Concern (VOC) genannt, also Varianten der Besorgnis. Es gibt viele Gründe, sie als ansteckender zu betrachten und auf der Hut zu sein. Solange, bis Experimente die Befunde der Epidemiologen untermauern, sollte man nicht warten. Vielleicht stellt sich ja am Ende heraus, dass alles doch anders ist. Bis jetzt zeichnet sich das jedoch nicht ab. In dieser Woche ist hierzulande die Ansteckungsrate, der über sieben Tage gemittelte R-Wert, erstmals seit Anfang Januar wieder über 1 gestiegen. Mit der Ausbreitung von B.1.1.7 – der Anteil liegt hierzulande mittlerweile bei 30 Prozent – nehmen derzeit also trotz Lockdowns die Fallzahlen wieder zu.