Alte Buche: Primärwälder sind Wälder, die sich seit Jahrzehnten ungestört entwickeln können. Sie sind wichtig für die Biodiversität und speichern zudem viel Kohlenstoff.
Foto: Tzvetan Zlatanov

Halle/BerlinEuropas ursprüngliche Wälder sind stark geschrumpft, doch ein Forscherteam hat nun eine Grundlage für ihre Rettung entwickelt. Die Experten von 28 Institutionen präsentieren nach eigenen Angaben erstmals einen Überblick über die Verbreitung und den Schutzstatus von Europas sogenannten Primärwäldern. Das sind naturnahe Wälder, in die der Mensch nie größer eingegriffen hat oder die sich zumindest innerhalb von mindestens 60 bis 80 Jahren ungestört entwickeln konnten.

Sechs von insgesamt 54 Waldtypen in Europa hätten gar keine ursprüngliche Fläche mehr, schreibt das Team im Fachjournal „Diversity and Distribution“. Das betraf vor allem Laubwälder, die in Westeuropa vorkommen, aber auch einen alpinen Mischwaldtyp.

Verschwindend kleine Flächen

Bei 33 der untersuchten Waldtypen registrierten die Forscher nur noch 0,01 bis 1 Prozent Primärwald auf ihrer derzeitigen Fläche. Zu kleine Waldstücke können jedoch ihre Funktion als Ökosystem für die Tiere nicht mehr erfüllen. Fast drei Viertel der Waldtypen haben somit der Studie zufolge keinen oder unter ein Prozent Primärwald. Nur ein Waldtyp – der Erlen-Birken-Espenwald im Norden Europas – sei noch zu mehr als 17 Prozent im ursprünglichen Zustand, schreibt das Team um Francesco Sabatini von der Universität Halle-Wittenberg.

Primärwälder sind nach Angaben der Forscher unersetzbar und tragen nicht nur zur Artenvielfalt bei, sondern auch zum Klimaschutz – weit mehr als Plantagen. Die Bäume und das Totholz verschiedenen Alters seien etwa für die Vielfalt an Insekten, Pilzen und Flechten wichtig, sagt Mitautor Tobias Kümmerle von der Humboldt-Universität Berlin. „Primärwälder speichern erhebliche Mengen Kohlenstoff und kommen oft besser mit dem Klimawandel zurecht als Wirtschaftswälder.“

Insgesamt müssten die europäischen Naturschutzgebiete den Forschern zufolge nur um weniger als ein Prozent ausgeweitet werden, um die meisten verbliebenen Primärwälder effektiv zu schützen. Das entspreche nur 0,2 bis 0,3 Prozent der Landfläche Europas – Russland wurde nicht in die Studie einbezogen.

Eine Frage des Schutzes

Einige Regionen, etwa Skandinavien, Bulgarien, Rumänien oder der Balkan, haben der Studie zufolge noch viel Primärwald. „Dort ist es wichtig, bestehende Wälder zu schützen. Oft wissen lokale Behörden oder Waldbesitzer gar nicht, wie einzigartig und schutzwürdig ihre Wälder aus europäischer Sicht sind“, sagte Mitautor Kümmerle. In den Alpen, den Karpaten und den Bergen des Balkans seien nicht alle Primärwälder ausreichend geschützt. „Gleichzeitig war es schockierend zu sehen, dass von vielen natürlichen Waldtypen überhaupt keine Primärwaldreste mehr übrig sind, insbesondere in Westeuropa.“ Der Studie zufolge gibt es in Großbritannien und auf der Iberischen Halbinsel sowie im Flachland von Deutschland, Frankreich und Polen nur noch sehr wenig oder gar keinen Primärwald mehr.

Deutschland zählt zwar zu den waldreichsten Ländern Europas, knapp ein Drittel der Fläche ist hierzulande mit Wald bedeckt. Doch ein Urwald – ein Wald, in den der Mensch nie eingegriffen hat – fehlt laut Bundesamt für Naturschutz. Auf rund drei Prozent seiner Fläche darf sich der Wald derzeit immerhin wieder natürlich entwickeln – geplant waren dem Bundesamt zufolge bis 2020 eigentlich fünf Prozent.

Die Autoren haben 43 Stückchen Primärwald in Deutschland gefunden, die auf insgesamt 13.000 Hektar wachsen – etwa 0,1 Prozent der deutschen Waldfläche, wie Sabatini erläutert. Das meiste davon seien Buchenwälder (85 Prozent), fast alle Primärwälder seien in irgendeiner Form geschützt. Von einigen Waldtypen wie den Auenwäldern in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen sei kein Primärwald mehr vorhanden. Daher sei es besonders wichtig, sie zu renaturieren. Buchenwälder sollten insbesondere in einigen Gebieten Hessens und Niedersachsens renaturiert werden, ebenso Eichen-Birkenwälder etwa im Osten Brandenburgs oder alpine Nadelwälder in Südbayern.

Zu den geschützten Wäldern, die auf einer Karte erfasst sind, gehören die Granitz auf der Insel Rügen in Mecklenburg-Vorpommern und der Wald von Grumsin in Brandenburg. Beide zählen zum Unesco-Weltnaturerbe „Alte Buchenwälder Deutschlands“, die 2011 in die Welterbeliste aufgenommen wurden und fünf Waldgebiete umfassen.

Das Waldgebiet Grumsin liegt im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. Der Welterbe-Teil ist 590 Hektar groß. In dem einstigen Jagdgebiet - unter anderem für DDR-Funktionäre - wurde sehr wenig in die Struktur des Waldes eingegriffen. Der Wald habe „seit mehreren 100 Jahren nahezu flächendeckend als Laubwald überdauert", heißt es in einer Darstellung zum Weltnaturerbe. Seit 1990 gehört der Grumsin zum Unesco-Biosphärenreservats. Seit mehr als 20 Jahren wird darauf verzichtet, das Holz zu nutzen und zu beseitigen. Höhenzüge wechseln mit tiefen Senken, Mooren und Teichen. Die Gletscher der letzten Eiszeit haben das Gesicht der Landschaft geprägt, die unzähligen Arten Lebensraum bietet, darunter  Seeadlern, Schwarzstörchen und Kranichen. 

Ein Primärwald bedeute nicht, dass ein Wald immer gleich aussehe, sagt Tobias Kümmerle von der Humboldt-Universität. Er könne sich zum Beispiel mit dem Klima wandeln. „Wald kann sich auch entwickeln und Bäume können auch hin und wieder in großer Zahl absterben – wie im Bayerischen Wald durch den Borkenkäfer geschehen.“ Daraufhin seien junge Bäume nachgewachsen. „Da die toten Bäume dort aber im Wald gelassen wurden, hat dies den naturnahen Charakter der Wälder sogar noch verstärkt.“

Das Team um Francesco Sabatini hatte in fünf Jahren aus diversen Waldkarten und Satellitenaufnahmen eine Datenbank erstellt, die europäische Primärwälder und ihren Schutzstatus zeigt. Diese kann nun von Naturschützern, Behörden, Regierungen, der Europäischen Umweltagentur oder der EU-Kommission genutzt werden, um Primärwälder effektiver zu schützen und zu renaturieren.

Sabatini verweist besonders auf die Biodiversitätsstrategie der EU bis 2030, die den unersetzlichen Wert der Primärwälder betone, ohne jedoch besondere Flächen zu nennen. Er sagt: „Unsere Studie bietet nun eine Grundlage für die Umsetzung dieser Strategie in die Praxis.“ (dpa/fwt/BLZ)