Berlin - Als der Frühling begann, waren die Prognosen düster. Die Corona-Fallzahlen würden steigen und steigen, hieß es Anfang März, zu Ostern sei die Lage wahrscheinlich schlimmer als zu Weihnachten. In Nachrichten, Talkshows, Nachrichtenmagazinen ging es um die Modellrechnungen, die das vorhersagten. Die neue Virusvariante B.1.1.7 breite sich rasant aus, auch Schnelltests oder Impfungen könnten das exponentielle Wachstum kaum bremsen. Man sah Kurven, die nur eine Richtung kannten: steil nach oben. Der Physikprofessor Kai Nagel von der TU Berlin berechnete das beängstigendste Worst-Case-Szenario: Anfang Mai könne die Sieben-Tage-Inzidenz in Deutschland bei bis zu 2000 liegen. Sie erreichte nicht einmal den Wert von 200. Seit Mitte April sinkt sie und liegt nun noch bei knapp 100, in Berlin bei 71.

Der Molekularbiologe Emanuel Wyler forscht in Berlin zu Sars-CoV-2 und befasst sich seit Beginn der Pandemie in seinem Blog mit Studien zum Virus. Ein Gespräch über die Grenzen von Modellrechnungen, Impfeffekte und die Herausforderungen der nächsten Wochen.

Berliner Zeitung: Herr Wyler, noch Anfang März sagten viele Experten für Anfang Mai hohe Fallzahlen voraus. Das Gegenteil ist eingetreten, die Fallzahlen sinken seit Ende April. Taugen die Modelle nichts, die den Pandemieverlauf vorhersagen sollen?

Emanuel Wyler: Die Modelle sind nicht falsch. Aber sie stimmen nur unter eng begrenzten Umständen. Sie schreiben gewissermaßen die Gegenwart fort. Sie können kaum einberechnen, wann und wie sich die Umstände ändern werden.

Es hieß im März, in die Modelle sei einberechnet, dass die Impfungen begonnen haben, der Frühling und Schnelltests kommen. Das alles werde aber den steilen Anstieg der Fallzahlen nicht bremsen können, hieß es.

Manche Modelle hatten tatsächlich einen zunehmenden Bremsfaktor eingebaut. Eine Verlangsamung durch Impfungen und wärmeres Wetter. Aber: Es ist einfach, die Ansteckungen hochzurechnen, man wusste ab Februar recht gut, wie schnell sich die Virusvariante B.1.1.7 ausbreitet. Für einige Wochen stimmten die Vorhersagen auch. Sehr schwierig ist es hingegen, die bremsenden Faktoren richtig einzuschätzen, und das sieht man jetzt. Vor allem kann man die wahrscheinlich wichtigste Bremse nicht voraussagen: die Veränderungen im Verhalten der Bevölkerung.

Zu den dramatischen Kurven wurde selten klar gesagt: Ob es wirklich so kommt, ist unsicher.

Man müsste immer dazu sagen: Die Kurve stimmt, solange sich an den Annahmen nichts ändert.

Diesen Zustand gibt es doch aber gar nicht. Es ändert sich ständig etwas.

Ja, und sobald die Impfungen schneller vorangehen, die Leute vorsichtiger werden, sich mehr Menschen regelmäßig testen, der Frühling doch einen stärkeren Effekt hat, stimmen die Modelle nicht mehr. Hinzu kommt die Interaktion zwischen den Modellen und der Gesellschaft. Es könnte sein, dass, wenn es sehr schlimm zu werden droht und die Prognosen entsprechend sind, alle wirklich gut aufpassen. Die dramatische Vorhersage würde gewissermaßen gegen sich selbst arbeiten.

Gibt es dafür Belege?

Nein, wir können diesen Effekt nicht messen. In Berlin läuft die Covsocial-Studie, in der seit Herbst 2020 Menschen regelmäßig ausführlich zu ihrem Verhalten in der Pandemie befragt werden. Ich hoffe, dass sie Erkenntnisse bringt. Die Cosmo-Studie der Uni Erfurt, in der seit Pandemiebeginn die Stimmung der Deutschen erfragt wird, hat nur ergeben, dass mit den steigenden Fallzahlen im März die Zustimmung zu strengeren Maßnahmen gestiegen ist. Aber ging das einher mit vorsichtigerem Verhalten? Das zeigt die Studie kaum. Aber es wird dort zum Beispiel nicht gefragt, ob die Menschen mehr ins Homeoffice gingen.

Manche vermuten nun, dass dramatische Vorhersagen gezielt benutzt werden, um Angst und in der Folge ein vorsichtigeres Verhalten zu erzeugen.

Zur Kommunikation in dieser Pandemie wird es viele Doktorarbeiten geben, glaube ich. Wie mahnt man zur Vorsicht, ohne Menschen in Angst zu versetzen? Es ist ein schmaler Grat. Wir haben ja in verschiedenen Ländern zu verschiedenen Zeitpunkten, in Großbritannien, Irland, jetzt in Indien gesehen: Die Fallzahlen – und auch die Auslastung der Krankenhäuser und die Zahl der Toten – können sehr schnell hochgehen.

In Deutschland passierte das nicht. Nach den Osterferien stiegen die täglich gemeldeten Fallzahlen kaum noch an.

Die Ferien hatten sicher einen Effekt, weil die Schulen zu waren, die Eltern weniger im Büro.

MDC/Felix Petermann
Zur Person

Dr. Emanuel Wyler ist Molekularbiologe am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft in Berlin. Wyler forscht zu Prozessen in Zellen, die mit Corona- oder Herpesviren infiziert sind. Außerdem untersucht er in einem Pilotprojekt das Berliner Abwasser auf Spuren von Coronaviren und anderen Erregern. Seit Beginn der Pandemie veröffentlicht er auf seinem Blog ein regelmäßiges „CoronaInfo“ zu aktuellen Studien.

Aber niemand weiß genau, warum es besser geworden ist?

Es gibt im Moment nur Vermutungen. Waren es die Impfungen? Eher nein, bis Ostern wurden vor allem über 70-Jährige geimpft, und Personal aus Kliniken und Altenheimen. Die Infektionszahlen gingen aber auch bei Jugendlichen oder jungen Erwachsenen zurück. Vielleicht hatte das Gesundheitspersonal vorher einen überdurchschnittlichen Anteil an der Ausbreitung? Auch darüber könnte man spekulieren, ich würde es eher nicht annehmen.

War es doch der Frühling? Es hieß noch Anfang März, auf einen „saisonalen Effekt“ solle man nicht hoffen. Nun, wo die Zahlen gesunken sind, wird auf die Saisonalität verwiesen. Dabei war es nicht mal besonders warm.

Die Saisonalität ist schwierig einzuschätzen, weil sie auf so vielfältige Weise einen Einfluss haben könnte. Wie gut können die Schleimhäute bei bestimmtem Wetter das Virus abwehren, wie wirkt das UV-Licht auf das Immunsystem, ab welcher Temperatur öffnet man öfter das Fenster, trifft sich draußen? Die Jahreszeit kann kleine oder große Effekte auf ganz viele Ebenen haben. Ich würde sagen, es gibt klar einen saisonalen Effekt, die stärkste Evidenz für mich ist, was im Oktober passiert ist, als die Fallzahlen so schnell in die Höhe gingen. So würde man es bei einem Atemwegsvirus auch erwarten. Aber bewiesen ist auch das nicht. Und man kann natürlich auch nicht sagen: Im Mai wird das Wetter besser, dann ist alles wieder gut.

Warum nicht?

Alles, was kommuniziert wird, beeinflusst das Verhalten der Menschen.

Wenn die Menschen vorsichtiger werden, sobald die Fallzahlen steigen, braucht man dann harte Maßnahmen und Verbote?

Das ist auch eine offene und eher eine gesellschaftspolitische Frage: Wirken die konkreten Maßnahmen oder das Sprechen über Maßnahmen? Schon im März 2020 gab es ja diesen Effekt, dass der R-Wert gesunken ist, bevor der Lockdown begonnen hatte. Was letztlich zählt, ist das Verhalten der Menschen. Gerade habe ich gelesen, dass die Leute in Hamburg abends zu Hause bleiben, obwohl die Ausgangsbeschränkung aufgehoben wurde. Die große soziologische Fragestellung ist: Wann, wie und warum ändern Menschen ihr Verhalten so, dass dem Virus die Ausbreitung erschwert wird? Würde es beispielsweise funktionieren, nur mit Aufrufen zu arbeiten?

Eine Auswertung von Bewegungsdaten aus Handys hat gezeigt, dass die Mobilität im Frühjahr nicht stark gesunken ist, auch durch die Bundes-Notbremse nicht.

Aber in den Daten kann man nicht erkennen, ob sich die Menschen treffen, ob sie es drinnen oder draußen tun, ob sie sich vorher testen. Der Schweizer Historiker Philipp Sarasin hat geschrieben: Wir konstruieren die Realität des Virus. Das ist eine wichtige Überlegung. Viren breiten sich entlang von sozialen Praktiken aus, etwa HIV durch ungeschützten Geschlechtsverkehr, Ebola durch nahen körperlichen Kontakt zu Verstorbenen. Atemwegsviren breiten sich aus, wenn man zusammen im Großraumbüro sitzt.

Jetzt sinken die Fallzahlen, viele Menschen entspannen sich, das Schlimmste scheint vorbei. Könnten die Fallzahlen allein dadurch wieder steigen?

Das ist eine Frage, die uns den Sommer über beschäftigen wird. Aber es werden zugleich immer mehr Menschen geimpft, und es ist ja klar, weltweit genug Impfungen sind wie schon bei anderen Viren – Kinderlähmung, Pocken – das Ende der Pandemie.

Mehr als jeder Dritte in Deutschland hat schon die erste Spritze erhalten.

Vor allem bei jüngeren Menschen gibt es einen messbaren Schutz nach der ersten Impfung, das dürfte jetzt schon einen Effekt haben. Diese Bremse zählt jetzt.

Endet die Pandemie?

Die Pandemie ist noch nicht zu Ende, weltweit sowieso nicht, auch in Deutschland nicht, aber die Herausforderungen ändern sich.

Man denkt sofort an die Mutanten. Bedrohen die auch geimpfte Menschen?

Vor allem die mRNA-Impfstoffe wirken gegen alle Virusvarianten, gegen die sie bisher getestet wurden, auch gegen die sogenannte indische Variante. Sie wirken nur nicht mehr ganz so gut. Man wird also vielleicht Symptome haben, aber nicht schwer krank werden. Trotzdem muss man die Entwicklung beobachten, das ist die Aufgabe der nächsten sechs Monate. Wie verändert sich das Virus? Bisher sieht man immer wieder ähnliche Veränderungen. Kommt da noch eine Überraschung?

Weiß man inzwischen, wie lange Menschen immun sind, die Covid-19 durchgemacht haben?

Wir haben jetzt Daten aus etwas mehr als zwölf Monaten, und man sieht, die Immunität hält recht gut an. Es gab zu Beginn der Pandemie oft Berichte über Antikörper, die außergewöhnlich schnell zurückgehen würden. Aber das hat sich nicht bestätigt. Man geht inzwischen eher davon aus, dass die Immunität nach einer Ansteckung langanhaltend ist. Sie besteht nicht nur aus Antikörpern, sondern auch aus T-Zellen. Der Schutz wird vermutlich graduell schlechter, zwei Jahre nach einer erneuten Ansteckung hätte man eventuell einen leichten Husten, fünf Jahre danach würde man wieder schwer krank. Aber das sind bisher wirklich nur Annahmen.

Wie lange hält die Immunität nach einer Impfung?

Mit aller Vorsicht möchte ich sagen: Vor neun Monaten wurden zum ersten Mal viele Menschen geimpft, in klinischen Studien, auch die dadurch erzeugte Immunität sieht stabil aus.

Aus Altenheimen in den USA wurden schwere Erkrankungsfälle bei vollständig geimpften Bewohnern gemeldet.

Ab 70 wird es schwierig, die Immunität ist schwächer und hält nicht so lange an. Für Menschen über 70 kommt es wirklich darauf an, dass sie beide Impfungen bekommen, weil eine zu wenig ist. Bei älteren Menschen wäre auch zu überlegen, ob sie schon im Winter eine Auffrischung bekommen sollten, eventuell mit auf die Varianten abgestimmten Impfstoffen. Dazu gibt es auch schon erste Untersuchungen, von Moderna zum Beispiel.

In Israel sind etwa 60 Prozent der Bevölkerung geimpft, es werden kaum noch Krankheitsfälle gemeldet. Ist das schon die Herdenimmunität?

Soweit ich weiß, gibt es immer noch sehr wenig Reiseverkehr nach Israel beziehungsweise auch Quarantäne- und Testregeln. Es werden also kaum Fälle eingetragen von außen. Man kann theoretisch berechnen, wie viele Menschen geimpft sein müssen für die Gruppenimmunität, es hängt vom R-Wert der Virusvarianten und natürlich auch von der Wirksamkeit der Impfstoffe ab. Praktisch ist wichtig, dass möglichst viele Menschen geimpft werden. Und vor allem alle zweimal. In den USA gehen acht bis zehn Prozent der Menschen, die eine Impfung bekommen haben, nicht zum zweiten Termin.

Müssen Kinder und Jugendliche geimpft werden?

Es wäre für die Eindämmung des Virus gut, wenn viele Jugendliche zwischen 12 und 18 geimpft würden, aber das ist die Entscheidung der Eltern. Nach Umfragen wollen 40 Prozent der Eltern das nicht. Das kann man auch nicht einfach abtun. Kinder haben ein sehr geringes Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken. Es ist auch eine ethische Frage: Kann man sagen, wir müssen Kinder impfen, um Erwachsene zu schützen?

In Deutschland wollen sich laut Umfragen 65 Prozent der Erwachsenen impfen lassen. Werden sich ungeimpfte Menschen unweigerlich früher oder später infizieren?

Das Virus würde sich vor allem unter den Ungeimpften verbreiten, aber es gibt immer Menschen, die man nicht impfen kann, weil sie bestimmte Erkrankungen haben. Auch sie sind weiter bedroht, wenn es keine Herdenimmunität gibt. Es wird die politische und gesellschaftliche Herausforderung des Sommers, möglichst viele Menschen von der Notwendigkeit des Impfens und der Qualität der Impfstoffe zu überzeugen.

Es wird nun auch schon vor dem Herbst gewarnt, einer möglichen vierten Welle. Werden wir wieder Modellrechnungen mit bedrohlichen Kurven sehen?

Wenn es wieder Modellierungen gibt, wird man sie besser darstellen müssen, mit verschiedenen Szenarien. Vielleicht könnte eine Kurve zeigen: So geht es weiter, wenn sich nichts ändert. Und dazu eine andere: So wird es aussehen, wenn alle zu Hause bleiben. Man muss nicht dreißig Szenarien aufzeigen, aber doch mehrere mögliche Entwicklungen.

Welche Corona-Kennziffer sagt was?

Zahl der Neuinfektionen: Die Gesundheitsämter melden an das Robert-Koch-Institut (RKI), wie viele Menschen sich neu mit dem Virus infizieren. Diese tägliche Fallzahl spiegelt somit ein Stück weit das aktuelle Infektionsgeschehen wider. Allerdings unterliegt die Zahl starken Schwankungen, etwa weil es am Wochenende in der Regel einen Meldeverzug gibt.

Neuinfektionen der vergangenen sieben Tage: Indem die Neuinfektionen einer Woche zusammengezählt werden, werden die Schwankungen der täglichen Neuinfektionszahlen weitgehend ausgeglichen. Das RKI gibt diese auf die vergangenen sieben Tage summierten Fallzahlen in seinem Lagebericht an. 

Sieben-Tage-Inzidenz: Diese Inzidenz zeigt die Zahl der Neuinfektionen innerhalb der vergangenen sieben Tage und wird pro 100.000 Einwohner angegeben. Sie wurde von Bund und Ländern mit Blick auf Kreise und kreisfreie Städte als maßgeblich für neue Einschränkungen in der Corona-Pandemie festgelegt. 

R-Wert: Die sogenannte Reproduktionszahl gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter im Schnitt ansteckt. Liegt diese Zahl unter 1, deutet es darauf hin, dass die Epidemie abflaut. Denn dann steckt ein Infizierter im Schnitt weniger als eine weitere Person an. Der R-Wert, der vom RKI berechnet wird, lässt also Rückschlüsse auf die Epidemie-Entwicklung zu. Allerdings ist zu beachten, dass der R-Wert das Infektionsgeschehen von Tagen oder Wochen zuvor abbildet und auch von Tag zu Tag schwankt.

Intensivbetten: Ob es genug Behandlungskapazitäten für schwer kranke Corona-Patienten gibt, hängt vom Platz der Intensivstationen in den Kliniken ab. Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) gibt in einem Register an, wie viele Intensivbetten frei sind. Auf das aktuelle Infektionsgeschehen lässt diese Zahl kaum Rückschlüsse zu. Menschen infizieren sich im Schnitt 14 Tage, bevor sie auf die Intensivstation kommen.