Berlin - Der Neurowissenschaftler Lutz Jäncke ist sich sicher: Irgendwann werden Menschen beschließen, auf soziale Medien vollkommen zu verzichten. Unser Gehirn sei für eine Welt geschaffen, die den physikalischen Kontakt der Mitmenschen voraussetzt. In einer Inkognito-Welt, in der wir heute leben, falle diese Art des Zusammenlebens komplett weg. Ein Gespräch über die Informationsflut, in der wir ertrinken, die Schattenseiten des Internets und Selbstkontrolle, die der Mensch wiedererlangen muss.

Berliner Zeitung: Herr Jäncke, es gibt Hochrechnungen, die besagen, dass der Durchschnittmensch zeitlebens fünf Jahre und vier Monate mit sozialen Medien verbringt. Eine andere Umfrage kommt zum Ergebnis, dass 12- bis 17-Jährige täglich knapp drei Stunden Whatsapp, Snapchat und ähnliches nutzen. Wir schweben zwischen einem Online- und Offline-Leben. Ist der Mensch für diese Art der Welt konstruiert?

Lutz Jäncke: Nein. Davon bin ich fest überzeugt. Bis vor ungefähr 10.000 Jahren lebte der Homo sapiens, also der Mensch, in kleinen Gruppen und hat gemeinsam die Welt erwandert. Wir waren schon immer Sozialwesen gewesen, die jedoch in ständiger Konkurrenz mit anderen Menschen standen und noch heute stehen. Wir sind egoistisch, streben nach Macht und verteidigen unser Revier, wenn es nötig ist, bis aufs Blut. Der größte Feind des Menschen ist der Mensch selbst. Also mussten wir gewissermaßen lernen, Bindung aufzubauen. Und das ist auch heute ein sehr fragiles Unterfangen: Wir müssen immer wieder geben und nehmen und mit der Zeit mühsam und langsam Vertrauen aufbauen. Das erfordert den vollen Einsatz des Körpers. Unser Gehirn ist für eine Welt geschaffen, die den physikalischen Kontakt der Mitmenschen voraussetzt. Auf diese Art des Zusammenlebens sind wir spezialisiert.

Der volle Einsatz des Körpers fällt ja heutzutage ein Stück weit weg, weil Kontakte übers Internet geknüpft werden. Was macht das mit dem Sozialverhalten des Menschen?

Die kognitive Neurowissenschaft hat uns gelehrt, dass wir bei der Interaktion mit anderen Menschen eine besondere Fähigkeit nutzen, die wir als „Theory of Mind“ bezeichnen. Wenn wir miteinander kommunizieren, generiert unser Gehirn im Dialog mit dem Sozialpartner eine Theorie über das Verhalten, das Denken und Fühlen unseres Gegenübers. Und wir passen unser eigenes Verhalten an seiner Gestik und Mimik an. Das fällt in einer Inkognito-Welt, in der wir heute leben, komplett weg.

Privat
Zur Person

Lutz Jäncke ist Neuropsychologe und kognitiver Neurowissenschaftler. Seit 2002 ist er Ordinarius für Neuropsychologie an der Universität Zürich. Jäncke beschäftigt sich vorwiegend mit der funktionellen Plastizität des menschlichen Gehirns.

Der Neurowissenschaftler hat über 400 wissenschaftliche Arbeiten publiziert. Derzeit gehört er zu den ein Prozent der am häufigsten zitierten Forschern weltweit.

Jäncke ist auch Autor und Herausgeber mehrerer Bücher und Buchkapitel. Am 10. Mai 2021 erscheint sein Sachbuch „Von der Steinzeit ins Internet – Der analoge Mensch in der digitalen Welt“, wo er die mögliche Zukunft der Menschen im Zuge der technischen Digitalisierung beschreibt.

Welche Konsequenzen hat das?

Wir sehen unsere Mitmenschen hinter den Bildschirmen nicht und reflektieren unser eigenes Verhalten deshalb auch nicht mehr. Wir „hauen“ unsere Gedanken in die Tasten, ohne richtig darüber nachzudenken. Wir beleidigen Menschen, ohne sie zu kennen und haben sogar die Möglichkeit, Meinungen hundertausendfach zu verbreiten. Mobbing kann vervielfältigt werden. Und drei Wochen später bereut es die Person dann, was sie geschrieben hat. Auf Twitter kann man das oft beobachten, wo Menschen sich im Nachhinein für ihre Aussage entschuldigen.

Hassreden, Mobbing oder Belästigung können in den sozialen Medien gemeldet werden. Aber ob und welche Konsequenzen das für die Person hat, die negativ kommentiert hat, weiß man nicht.

Das übertrieben negative Kritisieren von Menschen gehört ja heute gewissermaßen dazu. Selbst wenn wir tausend Komplimente bekommen, bewerten wir die zehn schlechten Kommentare über uns als „höher“ oder „wertvoller“, weil sie unser Selbstbild angreifen. Deswegen sind Beleidigungen oder Drohungen, selbst wenn man sich versucht, dagegen mental zu erwehren, für den Betroffenen immer extrem unangenehm.

Die Schattenseite des Internets wird von jungen Menschen sicherlich heftiger wahrgenommen als von Erwachsenen.

Ja. Deswegen blicke ich voller Sorge in die Zukunft. Das menschliche Hirn reift ungefähr bis zum 20. Lebensjahr. Die größte Hirnstruktur, der präfrontale Cortex, liegt hinter der Stirn, und dort sind geistige Fähigkeiten wie Selbstdisziplin, Aufmerksamkeit, Motivation oder Emotionskontrolle verortet. Der präfrontale Cortex kontrolliert aufsteigende Impulse aus den Emotionszentren und hemmt diese. Er arbeitet wie ein Top-Down-System. Dieses System ist allerdings bis weit nach der Pubertät noch gar nicht voll ausgereift. Deshalb sind Jugendliche so anfällig für Süchte jeder Form: Fernsehen, Drogen, Computerspiele. Und man muss sich auch vor Augen führen, dass sie zu jeder Zeit an jedem Ort ihre Bedürfnisse mental befriedigen können.

Menschen sind anfällig für Pop-up-Phänomene: Hysterie, Skandale und Dramen

Das bringt eine immense Flut an Informationen mit sich. Ist unser Hirn überhaupt in der Lage damit zurechtzukommen?

Unser Gehirn hat sich spezialisiert auf das Fokussieren der Aufmerksamkeit. 11 Millionen Bit an Informationen treffen pro Sekunde auf das Sensorium unseres Gehirns. Das kann man anhand der Anzahl der Rezeptoren, über die wir verfügen, sehr genau berechnen. Von diesen 11 Millionen Bit nehmen wir nur 11 bis 60 bewusst wahr. Demzufolge muss das Gehirn jene Informationen aus der Informationsflut auswählen, die es bewusst verarbeiten will. Die Frage ist allerdings, welche Informationen finden den Weg ins Bewusstsein?

Tja, welche?

Wir sind anfällig für sogenannte Pop-up-Phänomene und stürzen uns darauf auch immer. Das kann man auch im journalistischen Bereich beobachten: Die Oberfläche zählt. Die Skandale, die Hysterie, Dramen oder das extrem Emotionale. Die werden in Überschriften aufbereitet. Je mehr Informationen vorhanden sind, desto weniger können wir damit umgehen und wir verlassen uns auf die Überschriften.

Was kann passieren, wenn nur die Oberfläche gesehen und gelesen wird?

Wir verarbeiten lediglich Fragmente dessen, was eigentlich übermittelt wird. Das öffnet natürlich Tür und Tor für individuelle Interpretationen und Missverständnisse. Eine große Gefahr besteht auch darin, dass sich solche falsch interpretierten und einsortierten Fragmentinformationen verbreiten. Mit jeder Vervielfältigung und individuellen Interpretation wird die ursprüngliche Intention hinter der Information verwässert und verfälscht. So entstehen zum Beispiel Fake News, verdrehte Falschmeldungen und neue Botschaften, die wiederum zu Shitstorms führen. Es wird abgeschrieben, kopiert, verfälscht, nicht verstanden. Wir erhalten viele Informationen also nicht mehr aus erster Hand, sondern aus zweiter oder fünfter. Ein weiteres Problem ist, dass wir von vorherrschenden Meinungen extrem beeinflussbar sind.

Kinder werden hineingeboren in diese digitale Welt. Es gibt für sie auch kein Entkommen mehr, weil das Internet allgegenwärtig ist. Wie können wir sie schützen?

Wir müssten eine Kultur aufbauen, in der wir uns disziplinieren lernen. Selbstdisziplin geht gerade durch unsere moderne Welt verloren. Wir müssten unseren Kindern beibringen, das Wesentliche, das für uns Wichtige zu finden, uns damit auseinanderzusetzen und uns vor allem darauf zu beschränken. Jeder hat das schon mal erlebt, dass man irgendetwas im Internet recherchierte und nach zwei Stunden surfen sich irgendwo ganz anders wiederfand und sich gar nicht mehr erinnerte aus welchem Grunde die Recherche begann. Dieses metastatische Surfen ist ein typisches Phänomen der heutigen Internetnutzung. Wir verlieren unsere Kontrolle und werden zu Sklaven der Reize. Wir müssen uns selbst und unseren Kindern beibringen, genau dies zu vermeiden. Neben der Selbstdisziplin müssen Kindern auch gesellschaftliche Werte beigebracht werden, wie man sein Leben zu gestalten hat, was man zu tun hat. Diese können als Vehikel benutzt werden, um die Selbstkontrolle zu wahren.

Wenn eine Zehnjährige ihren ganzen Fokus auf TikTok, Instagram und Co. legt – kann es dazu führen, dass sie einen Realitätsverlust erlebt?

Das sehen wir heute schon in vielen Fällen. Krankheiten, wie Bulimie oder Anorexie, haben deutlich zugenommen und werden verstärkt durch merkwürdige Wettbewerbe im Internet, wie man seinen Körper zu formen hat. Aber auch die vielfach verbreiteten vermeintlichen Schönheitsideale, die meistens verfälschte und künstliche Abbilder der Realität sind, sind für Jugendliche eigentlich gefährliche Vorbilder, die von der Realität ablenken. Das nehmen manche zum Anlass, genauso aussehen zu wollen.

Wir sprechen heute von der Look-at-Me-Generation, also von der Generation, wo man sich mit Selfies auf Instagram präsentiert. Wo es lediglich darum geht, zu zeigen, wie schön man ist. Die aktuelle Influencer-Welle ist ein Indiz dafür, dass soziale Medien von jungen Menschen stark rezipiert werden. Die irrealen oder surrealen Internet-Welten führen dazu, dass gerade junge Menschen mit der Realität schlechter zurechtkommen. Es ist auch grotesk, weil es in eine entgegengesetzte Richtung gehen müsste. Eigentlich wollen wir, dass junge Frauen zum Beispiel stark und selbstbewusst im Beruf und im Alltagsleben Fuß fassen. Stattdessen eifern viele traditionellen weiblichen Vorbildern nach und konzentrieren sich auf Äußerlichkeiten.

Wir verlieren Fähigkeiten, weil wir sie nicht mehr nutzen

Werden die Digital Natives von heute oder künftige Generationen irgendwann beschließen, auf soziale Medien gänzlich zu verzichten? Gewissermaßen ein „Back to the roots“?

Wir sehen schon die ersten Ansätze, wie dem „Digital Detox“, wo Menschen sich ganz bewusst dafür entscheiden, für eine bestimmte Zeit eine Instagram-Pause einzulegen oder ihr Twitter-Account zu löschen. Es gibt auch eine Rückkehr zum Analogen und das Haptische. Füllhalter leben wieder auf, in einer Zeit, wo es Tablets gibt. Ich bin mir sicher, dass die Menschen irgendwann das Gefühl bekommen, in der Informationsflut zu ertrinken. Sie werden ein dringendes Bedürfnis haben, zur Ruhe zu kommen und sich auf wesentliche Dinge fokussieren wollen. Eine Art „Back to the roots“ kann es auch geben, weil wir immer mehr mit echten Menschen kommunizieren und uns immer weniger mit Informationen auseinandersetzen wollen. Das sind ja Dinge, die wir in der Evolution in unserem Genmaterial verankert bekommen haben. Die wollen wir befriedigt haben.

Wir laufen tippend durch die Gegend, schielen permanent auf unsere Smartphones. Menschen sind zu Robotern geworden und die Telefone zu unseren mechanischen Augen. Inwiefern beeinflusst diese Entwicklung die menschliche Wahrnehmung?

Unser Gehirn ist ein plastisches Organ und passt sich an die jeweilige kulturelle Umgebung an, die der Mensch sich selbst geschaffen hat. Es passt sich aber auch an die Natur an, in der man lebt. Wir wissen, dass Menschen, die in Steppen, Wüsten, Bergen oder Wäldern leben, andere Wahrnehmungsfähigkeiten entwickeln. Und genauso kann man davon ausgehen, dass man andere Hirnfunktionen entwickelt, wenn man sich ständig mit dem Handy auseinandersetzt. Wie motorische Fingerfertigkeiten. Aber man verliert auch andere Funktionen. Wir bewegen uns mithilfe von Navis durch die Welt. Unsere räumliche Orientierung wird dadurch nicht trainiert und wird schlechter. Das ist logisch: Use it or Lose it. Benutze deine Fähigkeiten oder verliere sie.

Das Internet wird von vielen Menschen auch als Safe Space erlebt, wo Personen zueinander finden und sich virtuell entfalten können. Kann man sozialen Medien auch etwas Positives abgewinnen?

Es gibt sicherlich noch viele weitere positive Aspekte. Das ist keine Frage. Aber um an den Beginn unseres Gespräches anzuknüpfen: Nichts ersetzt die Realität. Das Internet ist eine Alternative. Für Menschen mit einer schweren psychischen Störung zum Beispiel sogar ein Ersatz, weil sie sich nicht für ein reales Leben geeignet fühlen. Aber rein gar nichts kann den menschlichen Kontakt ersetzen. Wir müssen Menschen sehen und wollen sie berühren.

Der reale Bindungsaufbau ist ein Mechanismus, der dazu konstruiert wurde, um unsere Nachkommen aufzuziehen. Der Mensch ist nicht in der Lage, die Nachkommen, die er produziert, anhand äußerer Merkmale oder des Geruchs als zu sich gehörend zu identifizieren. Einige Tierarten können das. Anfassen führt zur Ausschüttung der Hormone Oxytocin, Dopamin und Endorphin. Sie reduzieren Stress, nehmen den Schmerz und beruhigen uns. Primaten fassen sich an, als ein Akt, um Aggressionen minimieren zu wollen. Sie geben sich die Hand, und dann herrscht Frieden. Reales Vertrauen und reale Bindung kann nicht über digitale Nachrichtendienste aufgebaut werden. Der digitale Kontakt ist flüchtig. Man hat Sekunden, Minuten. Und dann ist es vorbei.