Notfallübung am Flughafen Tegel im September 2019: Es wurde der Umgang mit einem Passagier geübt, der Symptome einer hoch ansteckenen Krankheit zeigt.
Foto:  Anikka Bauer/ Flughafen Berlin Brandenburg GmbH

BerlinDer Moment, in dem es mit dem neuen Coronavirus auch in Berlin ernst wird, rückt näher. Kurz nachdem sich in Bayern der erste Fall in Deutschland bestätigt hatte, wurde in Berlin erneut ein begründeter Verdachtsfall bekannt. Eine Frau aus dem Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf habe nach einem Aufenthalt in China Symptome entwickelt, die für eine Infektion mit dem neuen Coronavirus typisch sind, berichtete Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) bei einer Pressekonferenz am Dienstag. Die Patientin sei isoliert untergebracht worden.

Am Abend teilte eine Senats-Sprecherin mit, der Test in dem Verdachtsfall sei negativ verlaufen. Das heißt, die Frau hat sich nicht mit dem Virus infiziert. Damit gibt es in Berlin vorerst weiter keinen bestätigten Fall einer Infizierung mit dem Coronavirus. Es sei aber weiter damit zu rechnen. Für Panik gebe aber keinen Anlass.

Notfallübung am Flughafen Tegel

Vor fünf Monaten sei im Flughafen Tegel eine Übung mit der Berliner Feuerwehr, der Polizei und der Charité durchgeführt worden für das Szenario, dass ein hochansteckender Passagier eintrifft, berichtete Dilek Kalayci. Beim Thema Isolation und Einhaltung von infektionshygienischen Regeln sei das Personal geschult und der sichere Transport bis hin zu einer Isolierstation gesichert. „Das ist aus meiner Sicht die beste Vorbereitung, die man haben kann“, sagte Kalayci.

Patrick Larscheid, Amtsarzt in Reinickendorf, warnte vor Panikmache. In Ballungsgebieten wie der Großstadt Berlin gebe es naturgemäß mehr Sozialkontakte - für die Verbreitung von Krankheiten könne das ein Nachteil sein. „Aber wir sind kein nennenswerter Zielflughafen für Flüge aus China“, sagte Larscheid. „Wir rechnen mit sehr, sehr wenigen Erkrankungen.“ Es gebe in Berlin nur sehr wenige Leute, die überhaupt für eine Ansteckung infrage kommen. „Die Rentnerin in Pankow oder der Kassierer in Moabit sind in ihrem Alltag nicht gefährdet“, sagte der Experte.

An beiden Flughäfen der Stadt gibt es seit einigen Tagen besondere Informationsmaßnahmen. Und die Senatsverwaltung für Gesundheit schaltete am Dienstagmorgen unter der Telefonnummer 030/9028-2828 eine Hotline für Verdachtsfälle. Als begründet gilt ein Verdacht auf das neue Coronavirus, wenn Symptome wie Lungenentzündung, Husten, Fieber und Atemnot auftreten und die Betroffenen in der Risikoregion in China waren oder Kontakt mit Menschen aus dieser Region hatten.

Telefonhotline für Coronavirus-Verdachtsfälle

Die Senatorin appellierte, in solchen Fällen die Hotline zu kontaktieren oder sich telefonisch an die nächstgelegen Notaufnahme beziehungsweise den Hausarzt zu wenden. Die vorherige Kontaktaufnahme per Telefon ist wichtig, damit die Ärzte Vorbereitungen treffen können, um die Ansteckungsgefahr für andere Menschen möglichst gering zu halten.

In der Nacht zu Dienstag hatte sich der erste Fall in Deutschland bestätigt. Es handelt sich um einen 33 Jahre alten Mann aus Bayern, der sich bei einem chinesischen Gast seiner Firma angesteckt hat. Derweil ist in China die Entwicklung weiterhin rasant: Am Dienstagnachmittag europäischer Zeit waren es 4 500 Infizierte und 106 Todesfälle. Rund 60 Nachweise wurden bisher unter anderem aus den USA, Japan, Südkorea, Kanada, Thailand und Australien gemeldet.

Neu ist: Während die Erkrankten im Ausland vorher meist in China waren, wurde wie in Deutschland auch in Japan erstmals ein Fall bekannt, bei der die Infektion direkt im eigenen Land passiert sein muss.

In Frankfurt ist das Importrisiko höher als in Berlin

Dass in Deutschland die erste Infektion mit dem neuen Coronavirus im Raum München aufgetreten ist, passt in die Berechnungen, die der Berliner Physiker Dirk Brockmann für das Robert-Koch-Institut erstellt und jetzt veröffentlicht hat. Mit seinem Team hat er ein spezielles Modell entwickelt, mit dem sich die weltweite Ausbreitung von Seuchen anhand des weltweiten Flugnetzes simulieren lässt. „Daraus ergeben sich Importwahrscheinlichkeiten“, erläutert der Experte für komplexe Systeme. „In Deutschland zum Beispiel ist an den Flughäfen Frankfurt und München das Importrisiko mit Abstand am höchsten“, sagt er. An dritter Stelle stehe Berlin-Tegel. „Dort ist das Risiko aber viermal geringer als an den anderen beiden Flughäfen“, sagt Brockmann.

Für Tegel hat der Forscher eine Importwahrscheinlichkeit von 0,013 Prozent berechnet. „Das bedeutet: Von 10 000 Infizierten, die China verlassen, landen statistisch etwa 1 bis 2 in Tegel“, erläutert Brockmann.

Insgesamt ist die Gefahr in der Hauptstadt – wie auch im Rest der Republik – also weiterhin gering. Trotzdem läuft die Maschinerie der Vorbereitung für den Ernstfall an. In Berlin wurden Krankenhaus-Notaufnahmen und Rettungsdienste für den Umgang mit Verdachtsfällen instruiert. Begründete Verdachtsfälle sind entweder in Isolierzimmern unterzubringen oder in Einzelzimmern mit eigener Nasszelle. Das Personal muss Schutzkleidung tragen.

Sonderisolierstation mit 20 Betten

Die Sonderisolierstation des Landes Berlin an der Charité spielt bei derartigen Seuchen eine wichtige Rolle. Sie befindet sich auf dem Campus Virchowklinikum und ist deutschlandweit die größte ihrer Art. Die Isolierstation werde in Abhängigkeit von der weiteren Entwicklung des Ausbruchs für positiv getestete Einzelpersonen verwendet, teilte die Charité auf Anfrage mit. Es gebe dort 20 Betten. Es gebe aber weitere Kapazitäten. „Auch in anderen Stationsbereichen ist eine Behandlung unter Isolationsbedingungen möglich“, sagte eine Sprecherin.

Solange nicht klar ist, ob eine als Verdachtsfall eingestufte Person das Virus in sich trägt, empfiehlt das Robert-Koch-Institut eine Isolierung im Krankenhaus. Der Betroffene wird dann in einem Einzelzimmer untergebracht und das Klinikpersonal muss Schutzkleidung tragen. Fällt das Testergebnis positiv aus, bleibt die Isolierung bestehen. Zusätzlich müssen dann auch die Menschen für 14 Tage beobachtet werden, mit denen der infektiöse Patient Kontakt hatte.

Eine schützende Impfung oder eine spezielle Therapie zur Behandlung der Erkrankung gibt es nicht, die Symptome können aber mit Medikamenten abgemildert werden. Nach derzeitiger Einschätzung von Experten verläuft die neuartige Lungenkrankheit offenbar in den meisten Fällen mild, möglicherweise sogar ohne Symptome. Von den in China registrierten Todesfällen gehen die meisten nach derzeitigem Stand auf ältere Patienten mit schweren Vorerkrankungen zurück. (mit dpa)