Wann soll die Entscheidung über die eigenen Organe fallen und wie? 
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PRO: Es ist kein Dammbruch (Rasmus Buchsteiner) 

Beginnen wir mal mit drei Befunden. Alle drei zeigen, dass es in Deutschland nicht allein darum gehen kann, die Zuständigkeiten für die Organspende besser zu organisieren. Erstens, unverändert stehen hierzulande fast 10 000 Menschen auf den Wartelisten. Zweitens, die Zahl der Spender ist im vergangenen Jahr auf niedrigem Niveau noch einmal leicht zurückgegangen.

In Berlin gab es zwar einen leichten Anstieg. Aber es waren gerade einmal 55 Menschen, die Organe spendeten. Drittens, Hunderte Menschen sterben jährlich, weil es nicht genügend Spenderorgane gibt. Finden wir uns damit ab. Oder wollen wir daran etwas ändern? Widerspruch ist eine Lösung, wie auch die Praxis in Spanien zeigt. Es ist sogar die Lösung! Und zwar nicht nur für das Problem fehlender Spenderorgane, sondern auch für alle, die am Ende ihres Lebens auf keinen Fall Spender werden wollen.

Den Weg der Widerspruchslösung zu gehen, kann Leben retten, wahrscheinlich sogar viele 

Die Widerspruchslösung schützt deren Rechte. Sie verlangt nicht nach Begründungen und Rechtfertigungen. Im Gegenteil. Ein „Nein“ reicht. Niedergelegt in einem Register, notiert im Organspende-Ausweis, auf einem Stück Papier oder geäußert gegenüber einem der nächsten Angehörigen. Es ist legitim und vollkommen okay. Nicht okay ist jedoch Gleichgültigkeit. Und auch Bequemlichkeit ist nicht okay. Das Schreiben von der Krankenkasse, das zur Entscheidung mahnt, ist schnell weggelegt.

Die Information, die man womöglich beim Abholen des Personalausweises bekommt, verschwindet wahrscheinlich schnell wieder aus dem Gedächtnis. Mögen ihre härtesten Gegner anderes behaupten: Auch mit der Widerspruchslösung bleibt die Organspende Spende. Sie verlangt allerdings, sich zumindest einmal im Leben mit der Materie zu auseinanderzusetzen, in sich hineinzuhören, sich zu prüfen und festzulegen. Zur Not dagegen. Zu viel verlangt ist das nicht. Und revidierbar ist die Entscheidung auch.

In emotionaler Zeit Entscheidung treffen ist kritisch

Sich frühzeitig festzulegen, entlastet übrigens auch die nächsten Angehörigen. Liegt kein Spenderausweis vor, kommt es nach heutiger Rechtslage auf sie an, wenn der Hirntod eingetreten ist. Sie werden gefragt. Und gezwungen, in höchster Anspannung, in einer emotionalen Ausnahmesituation und unter großem Zeitdruck eine Entscheidung zu treffen, die eigentlich eine sorgfältige Abwägung verlangt. Die Widerspruchslösung ist kein Dammbruch.

Sie ist auch kein Verrat an ethischen Standards, die es hochzuhalten gilt. Zumal es auch um ein Stück Gegenseitigkeit geht. Empfänger eines Spenderorgans kann jeder werden. Und wer selbst nicht zur Spende bereit (gewesen) wäre, wird aus diesem Grund nicht schlechter behandelt, wie es Experten durchaus schon vorgeschlagen haben, um den dramatischen Mangel an Spenderorganen zu beheben. Den Weg der Widerspruchslösung zu gehen, kann Leben retten, wahrscheinlich sogar viele. Jedes einzelne ist ein Grund dafür, ihn zu gehen.


CONTRA: Spahn geht zu weit (Tobias Peter)

Als ich 18 Jahre alt wurde, habe ich mir einen Organspendeausweis besorgt. Für mich war immer klar: Ich möchte mit meinen Organen das Leben anderer retten, falls ich selbst beispielsweise durch einen Autounfall sterben sollte. Mein tödliches Pech sollte das Lebensglück anderer sein. Ich wollte auch meinen Angehörigen für den Ernstfall ein klares Zeichen hinterlassen. Keiner sollte sich mit der Frage quälen, wie ich mich entschieden hätte.

Das Ziel, die Zahl der Spender zu erhöhen, ist im Interesse aller, die ein Organ brauchen, richtig. Dennoch halte ich die von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und anderen Abgeordneten vorgeschlagene Widerspruchslösung für falsch. Sie sieht vor, dass Organe immer dann entnommen werden dürfen, wenn der Betroffene nicht rechtzeitig aktiv widersprochen hat. Das ist im Sinne der Kranken gut gemeint. Am Ende geht es aber zu weit.

Es gibt kaum etwas Persönlicheres als die Frage, ob man bereit ist, sich Organe entnehmen zu lassen.“

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“, heißt es im Grundgesetz. Das muss auch für den sterbenden und den gerade gestorbenen Menschen gelten. Es gibt kaum etwas Persönlicheres als die Frage, ob jemand bereit ist, sich Organe entnehmen zu lassen. Und dennoch soll der Staat festlegen, dass Ärzte dies bereits tun dürfen, wenn ein Mensch nicht ausdrücklich Nein gesagt hat? Das ist ein zu großer Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen.

Das Recht auf körperliche Unversehrtheit gehört untrennbar zur Menschenwürde dazu. Der Körper gehört dem Menschen, nicht dem Staat. Für einige sind religiöse Fragen berührt. Das Argument, es habe ja jeder die Möglichkeit zum Widerspruch, greift zu kurz. Kann ein so großer Eingriff in die Rechte eines wie Menschen wie eine Organentnahme zulässig sein, nur weil jemand es versäumt hat, ein Formular auszufüllen? Haben Menschen nicht auch ein Recht darauf, mit einer solchen Entscheidung zu hadern, sie nicht umgehend zu treffen?

Eine Organspende ist nur freiwillig akzeptabel

Das Leid derer, die auf ein Organ warten, ist groß. Das ist ein gewichtiges Argument für mehr Organspenden, aber nicht unbedingt für die Widerspruchslösung. Durch sie kann im schlechtesten Fall der Eindruck entstehen, es werde die Tatsache ausgenutzt, dass Menschen unangenehme Themen lieber verdrängen. Die Gefahr ist, dass das Vertrauen in die Organspende und zu Ärzten beschädigt wird – genau das darf aber auf keinen Fall passieren. Eine Organspende ist nur dann eine Spende, wenn sie freiwillig ist.

Die bessere Lösung ist, die Menschen regelmäßig mit der Frage zu konfrontieren, ob sie zur Organspende bereit sind. Diesen Versuch haben wir in Deutschland bislang nicht konsequent genug unternommen. Ein Brief der Krankenkasse, der schnell zur Seite gelegt oder in den Papierkorb geworfen werden kann, reicht nicht aus. Für eine echte Entscheidungslösung müssen die Menschen beim Arzt informiert und etwa beim Beantragen eines neuen Ausweises befragt werden. Hier brauchen wir größere Anstrengungen als bisher – damit wir mehr Menschen mit einem Spenderorgan helfen können.