Berlin - Soll man auch Kinder gegen Corona impfen? Die Beantwortung dieser Frage hängt von einer genauen Abwägung von Nutzen und Risiko ab. Brauchen Kinder Impfungen gegen Covid-19? Und wie sicher sind diese? 

Es gibt etwa 13 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland. Das sind etwa 16 Prozent der Bevölkerung. Wenn man davon ausgeht, dass etwa 80 Prozent der Menschen gegen Sars-CoV-2 immun sein müssen, um eine sogenannte Herdenimmunität herzustellen – und die Pandemie damit zu beenden –, wird es nicht funktionieren, ohne zumindest einen Teil der Heranwachsenden zu impfen. Es sei denn, nahezu jeder Erwachsene ist bis zum Herbst immun, durch die Erkrankung oder die zweifache Impfung. Im Blick haben Forscher dabei auch die mögliche Ausbreitung neuer Virusvarianten, bei denen die Erstimpfung weniger gut wirkt. 

Nur wenige Tests an Kindern und Jugendlichen bisher

Um die Impfungen auszuweiten, haben andere Länder – etwa Kanada und die USA – den Biontech-Impfstoff bereits für Kinder ab 12 Jahren zugelassen. Die EU-Arzneimittelbehörde (EMA) prüft eine Zulassung für Europa. Biontech hatte in einer Phase-3-Studie den Impfstoff aber lediglich an 2260 Teilnehmern zwischen 12 und 15 Jahren getestet. Bis September will man zudem Daten für Kinder im Kita- und Grundschulalter einreichen. Auch das US-Unternehmen Moderna testete seinen Impfstoff an etwa 3700 Teilnehmern im Alter von 12 bis 17 Jahren. Eine unabhängige Bewertung der Teen-COVE-Studie steht aber noch aus.

Die bisherigen Ergebnisse der Studien sollen eine hohe Wirksamkeit und Verträglichkeit der Impfstoffe gezeigt haben. Zwar gebe es Impfreaktionen – wie Kopfschmerzen, Fieber und Schüttelfrost – etwas häufiger als bei Erwachsenen. Schwere Nebenwirkungen sollen aber nicht beobachtet worden sein. Dem gegenüber verwiesen kanadische Zulassungs-Unterlagen auf „schwere systemische Nebenwirkungen“ bei bis zu 3,5 Prozent der Geimpften, heißt es in einer Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin. Ein wirklich verlässliches Sicherheitsprofil gebe es bisher nicht.

Skepsis gegenüber einer allgemeinen Impfempfehlung ist verständlich

Wie bei allen Impfungen geht es auch hier um Abwägungen. Der Impfstoff muss für Kinder besonders sicher und verträglich sein. Biontech will deshalb alle Geimpften nach der zweiten Dosis zwei Jahre lang auf Langzeitschutz und Sicherheit überwachen. Sehr seltene Nebenwirkungen zeigen sich immer erst dann, wenn Hunderttausende Menschen geimpft sind. Man sieht dies an den Fällen von Hirnvenenthrombosen bei Vektorimpfstoffen wie von Astrazeneca. Angesichts dieser wurden Kinder-Studien mit Vektorimpfstoffen eingestellt. Aber es ist auch generell verständlich, dass man eine allgemeine Corona-Impfempfehlung für Kinder skeptisch sehen kann.

Denn neben möglichen Risiken muss dabei auch der Nutzen für die Kinder selbst betrachtet werden. Die Daten zeigen: Kinder haben ein sehr geringes Risiko für einen schweren Verlauf. Bis April 2021 mussten einem Bericht medizinischer Fachverbände zufolge 1259 Kinder mit Sars-CoV-2-Infektion in Kliniken behandelt werden, davon 62 auf der Intensivstation. Dem Robert-Koch-Institut wurden offiziell 17 Todesfälle im Alter bis 19 Jahren gemeldet – viele Betroffene hatten offenbar relevante Vorerkrankungen. Es gibt auch seltene Fälle eines multisystemischen Entzündungssyndroms (PIMS). Zu möglichen Spätfolgen einer Infektion (Long Covid) bei Kindern existieren noch ungenügende Erkenntnisse. 

Ausbreitung der Viren könnte möglicherweise gebremst werden

Einer jüngsten Studie der Charité zufolge, erschienen im Fachmagazin Science, haben vor allem ältere Kinder und Jugendliche bei Infektionen eine ähnlich hohe Viruslast wie Erwachsene und sind damit wohl ähnlich infektiös. Impfungen könnten also möglicherweise die Ausbreitung von Viren bremsen. Oder auch verhindern, dass Kinder bei fortschreitendem allgemeinen Impftempo der letzte Bevölkerungsteil sind, in dem das Virus noch weiter zirkuliert, eventuell mit aggressiveren Varianten.

Insgesamt aber gibt es noch zu wenige Daten über den wirklichen Nutzen von Impfungen für Kinder und Jugendliche. Diese könnten vor allem für jene nützlich sein, die durch Vorerkrankungen besonders gefährdet sind.