Berlin - Man kann jeden verstehen, der seine Freiheit zurückhaben möchte. Die Freiheit, in Bayern oder den Niederlanden auch noch um 21.05 Uhr ungestraft auf die Straße zu gehen. Die Freiheit, in Berliner Clubs endlich wieder die Nacht zum Tag zu machen. Die Freiheit der Friseure. Oder die Freiheit der Großeltern, ihre Enkelkinder unbeschwert in die Arme schließen zu können. Jeder kann diese dringenden Wünsche verstehen. Jeder. 

Das Problem ist nur: All diese Wünsche erübrigen sich, wenn die Beteiligten nicht mehr leben. Es ist dann einfach vorbei mit den Wünschen. Zumindest, soweit wir das im Diesseits beurteilen können. Aber das mit der Priorisierung scheint nicht so einfach zu sein für den Menschen.

Das sieht man auch aktuell wieder an der Impfpriorisierung, an der nicht wenige kluge Beteiligte sich die Köpfe zerbrochen haben – und doch wieder die größte Gruppe im Gesundheitswesen vergessen hatten, die vulnerabelste zudem, nämlich die Pflegebedürftigen zu Hause.

Und so geht es munter weiter: Wir diskutieren lebhaft darüber, wer mit welchen Impfungen wann welche Sonderrechte erlangen oder seine Grundrechte zurückerhalten solle. Dabei wird uns doch von der Wissenschaft alle paar Tage eingeimpft, dass nach wie vor unklar ist, ob Geimpfte Sars-CoV-2 weiter übertragen können. 

Solange diese Frage nicht geklärt ist, ist es schlicht unsinnig, über Sonderrechte für Geimpfte zu diskutieren. Der Deutsche Ethikrat ist nicht feige oder träge, er reagiert nur logisch mit seiner diesbezüglichen Empfehlung an die Politik. Seltsam genug, dass es für eine solch schlichte Einsicht allen Ernstes eines Ethikrates bedarf. 

Abgesehen davon ist die Reihenfolge der Geimpften – inklusive aller Vordrängler und Verdrängten – in Deutschland eh nicht dazu angetan, die Erstgeimpften als Erste wieder in die Freiheit zu entlassen, sich in Menschenmassen zu tummeln, unter denen sich munter die Mutanten mehren.