Die Spanische Grippe forderte damals über 20 Millionen Menschenleben weltweit.
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BerlinManchmal könnte man aus Geschichte durchaus lernen, und ich frage mich jeden Tag mehr, warum es der regierende Berliner Senat nicht tut. Daher sei an die Grippe-Pandemie vor mehr als hundert Jahren erinnert.

Den damaligen Stadtvätern sei zugutegehalten, dass sie in Zeiten des Krieges, der Revolution, des Hungers und großer Not handeln mussten und fälschlich zögerten. Darauf können sich ihre heutigen rot-rot-grünen Nachfolgerinnen und Nachfolger nicht herausreden. Deshalb ein kleiner Rückblick auf die schändliche Berliner Tradition des Versagens.

Wegen der oftmals tödlichen Spanischen Grippe wurden im September 1918 die Schulen in Wien, München, Königsberg, Leipzig, Breslau und vielen anderen Städten geschlossen – nicht jedoch in Berlin. Hier gelangte das Thema „Bekämpfung der Grippeseuche“ erst spät, am 24. Oktober 1918, auf die Tagesordnung der Stadtverordnetenversammlung. Doch scheiterte der Versuch des Arztes und Stadtverordneten Dr. Hermann (Chajim) Weyl, seine Kollegen zu entschlossenem Handeln zu drängen.

Kinder und der „Ansteckungsstoff“

Während die Grippe ungebremst ihren menschenverschlingenden Lauf nahm, prangerte Dr. Weyl (USDP, später SPD) das dumpfe Nichtstun der Stadtverwaltung an: „Wir haben in unseren Schulen hygienische Zustände, die zum Himmel schreien, Klassen von 50, 60 Kindern usw. In unseren Schulen sitzen ungefähr 350.000 Kinder, und dass Kinder eine erhebliche Menge Ansteckungsstoff mit nach Hause bringen, ist doch naheliegend!“ Aber der Magistrat blieb stur. Schulen durften nur dann geschlossen werden, wenn ein Drittel der Schüler erkrankt war – nicht etwa aus seuchenpolizeilicher Vorsorge, sondern weil sich der Schulbetrieb dann nicht lohne. Ende Oktober schlossen die Schulen für ein paar Tage und machten am 1. November wieder auf.

In seinem Kampf für präventive Maßnahmen zitierte Dr. Weyl schließlich mahnend, aber ebenfalls erfolglos, Friedrich Engels. Dieser hatte nach dem Krieg von 1870/71 prophezeit, der nächste Krieg, in den Deutschland verstrickt werde, sei „ein Weltkrieg, in dem acht bis zehn Millionen Menschen sich abwürgen und Europa wie die Heuschrecken kahlfressen werden“. Dann würden Hunger und Seuchen ausbrechen. Und am Ende werde der allgemeine Bankrott stehen.

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Bagatellisieren des Problems

All das traf im Herbst 1918 auf Deutschland zu. In den Großstädten herrschte Hungersnot, die vor allem proletarische Frauen, Kinder, Alte und chronisch Kranke betraf; zu Hunderttausenden wurden Invalide von den Fronten in die demoralisierte Heimat zurücktransportiert; zwei Millionen Soldaten waren im Ersten Weltkrieg gefallen – und jetzt folgte noch die Geißel einer mörderischen Grippepandemie.

Bereits am 10. Juli 1918 hatten sich die Spitzen der deutschen Medizinalverwaltungen bei einem Routinetreffen mit der Seuche befasst. Der Jurist Franz Bumm, damals Präsident des Kaiserlichen Gesundheitsamts, eröffnete die Sitzung mit dem Hinweis, dass die Influenza mittlerweile ebenso gehäuft auftrete „wie vor einiger Zeit in Frankreich, der Schweiz und England“. Doch angesichts der brüchigen Kriegsmoral bagatellisierten die Wächter der Volksgesundheit das Problem. „Es darf damit gerechnet werden“, so ließen sie verlauten, „dass die Krankheit ihren Höhepunkt bereits erreicht hat und bei günstiger, warmer Witterung mit Sonnenschein rasch wieder abnehmen wird.“

Knittelverse über die Spanische Grippe

Wie von der Kriegszensur angeordnet, druckte die Vossische Zeitung diese Sätze ab. Doch für diejenigen, die zwischen den Zeilen lesen konnten, fügte die Redaktion noch hinzu, die Krankheit unterliege weiterhin nicht der Meldepflicht, habe aber soeben die Waggonfabrik in Bautzen lahmgelegt und breite sich in Bischofswerda, Kamenz und Zittau aus.

Anders die gleichfalls in Berlin erscheinende Zeitung Der Tag. Sie verbreitete diese verharmlosenden, bald vielfach nachgedruckten Knittelverse über die vermeintlich in Spanien entstandene Grippe: „Diese fiebrigen Beschwerden / Keimten fern im schönen Süd, / Wo die ,Mandeln’ dicker werden / Und die ,Rübe’ plötzlich glüht. / (…) Vor der Stirn dröhnt eine Pauke, / An der Schläfe brummt ein Brett. (…) Eine neue Form der Grippe / Hat uns bloß bis jetzt gefehlt. / Immerhin! Nach kurzen Wehen / stellt sie ihre Wirkung ein.“

Tatsächlich begannen die von der Influenza Befallenen damaligen Berichten zufolge „mitten in der Arbeit zu taumeln“, sanken zu Boden, litten an quälenden Kopf- und Genickschmerzen, häufigem „geradezu unstillbarem Erbrechen“, gefolgt von Schwellungen des Kehlkopfes, „Stimmbandphlegmonen, rasch voranschreitender Lungenentzündung und Tod.

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Zweite Grippewelle

Deshalb sprach der Volksmund bald von der „Lungenpest“ – und prompt trat die gelenkte Presse dem angeblich unsinnigen Gerücht entgegen: „So wird jetzt vielfach von Äußerungen von Ärzten erzählt, dass es sich bei den zahlreichen Erkrankungen in Groß-Berlin nicht um die Influenza handelt, sondern dass es die Lungenpest sei. Das ist keineswegs der Fall.“

Im Oktober 1918 erreichte die zweite, deutlich schwerere Grippewelle Berlin. Am 17. Oktober meldete die Berliner Morgenpost, dass bei der Straßenbahn 15 Prozent der Belegschaft erkrankt seien, in manchen Abteilungen der Kommunalverwaltung 30 Prozent. Im Berliner Haupttelegraphenamt fielen auf einen Schlag mehrere Hundert Beamte in das bedrohliche Fieber. Im preußisch-hessischen Eisenbahnverkehr meldeten sich im Oktober 45.000 Bedienstete dienstunfähig. Aber in Berlin beruhigte man sich damit, dass es anderwärts doch weit schlimmer sei.

Halbe Million Deutsche starben

Weil in der chaotischen Zeit kurz vor dem Ende des Ersten Weltkrieges die Droschken und Automobile knapp waren, forderte die Tägliche Rundschau am 21. Oktober den Magistrat auf, endlich Zwangsmaßnahmen zu ergreifen: „Die Fahrer müssen aufs strikteste verpflichtet werden, dem beruflichen Verlangen des Arztes Folge zu geben. Es ist geradezu aufreizend, wenn man heute noch die Wagenreihen sieht, die gewissen Gasthöfen mit den eleganten Damen um die unvermeidliche Fünf-Uhr-Tee-Stunde zustreben, während Kranke in Massen vergeblich dem Arzt harren.“ Der Appell verhallte ungehört.

Zwischen August 1918 und Januar 1919 starben nach vorsichtigen Schätzungen mindestens eine halbe Million Deutsche infolge der Grippeseuche, besonders viele in den Monaten Oktober und November. Auf Groß-Berlin bezogen bedeutete das: Binnen vier Monaten forderte die Pandemie dort mehr als 40.000 Menschenleben. Wie das Reichsgesundheitsamt später konstatierte, wurde die Arbeiterschaft großer Betriebe in verkehrsreichen Gegenden „frühzeitig von der Krankheit befallen“, weniger in „verkehrsentrückteren Orten“.

Mörderische Ist-doch-egal-Haltung

Anders als Corona raffte diese Seuche zum allgemeinen Entsetzen jüngere, gesunde Menschen besonders häufig dahin – infolge von Überreaktionen des Immunsystems, wie man heute vermutet. So waren in Breslau 72 Prozent der Influenzatoten unter 30 Jahre alt. In den überfüllten Krankenhäusern Berlins starben im Oktober und November 1918 rund 25 Prozent der eingelieferten Grippekranken; wer außerhalb der Kliniken starb, wurde nicht als Grippetoter registriert.

Die mörderische Ist-doch-egal-Haltung der politisch Verantwortlichen in der Hauptstadt bestärkte die Gilde der bald so genannten Beschwichtigungsprofessoren. In Berlin wurden sie vom Geheimen Medizinalrat Dr. Wilhelm His angeführt. Als Ordinarius vertrat er an der Charité das Fach Innere Medizin und erklärte am 19. Oktober 1918 auf der ersten Seite des Berliner Lokalanzeigers: „Den Ängstlichen sei zur Warnung gesagt: Wer die Krankheit am meisten fürchtet, bekommt sie am ehesten; das ist eine alte Erfahrung, die jetzt bei den Kriegsseuchen immer wieder bestätigt wird.“ Der bekennende Antisemit wurde 1928 zum Rektor der Universität gewählt und trat 1932 mit dem Buch „Front der Ärzte – Kriegserinnerungen“ hervor.

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Quarantäne? „Nicht ratsam“

Anders argumentierte der Reichsgesundheitsrat. Er befand im Oktober: Die Krankheit sei nun einmal so leicht übertragbar, dass vorbeugende Maßnahmen allgemeiner Art – wie etwa „die von der Öffentlichkeit dringend geforderte Schließung der Schulen“ – nicht ratsam seien. Nachdem selbst das Kaiserliche Gesundheitsamt die „große Bösartigkeit“ der infektiösen Heimsuchung bestätigen musste, empfahl Präsident Bumm kurzerhand, Presseberichte über das Auftreten der Epidemie zu verbieten. Schließlich sei die Bevölkerung durch die politischen und militärischen Vorgänge ohnehin beunruhigt und niedergedrückt; daher würden „unzweckmäßige“ Nachrichten über die Grippe nur eine „noch misslichere Stimmung“ bewirken.

So einigte man sich immer wieder darauf, auf dringend gebotene Quarantänemaßnahmen zu verzichten. Stattdessen empfahl die politisch verantwortliche Führung Berlins als wirkungslose Quacksalberei, „täglich mehrmals zu gurgeln“.