BerlinDer Nachwuchs ist längst im Bett, doch Papa tüftelt noch an der neuen Eisenbahn herum. Mama puzzelt ganz versunken am Tisch. Wo gehört denn bloß dieses Teil noch hin? Am Heiligen Abend werden auch Erwachsene wieder zum Kind. Neben dem Weihnachtsbaum auf dem Boden sitzend sieht man sie bauen, steuern und stecken.

„Ich würde mir wünschen, dass Erwachsene auch den Rest des Jahres und in durchaus ernsten Situationen mehr Verspieltheit wagen“, sagt René Proyer, Professor für Psychologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU). Seit vielen Jahren erforscht er Verspieltheit bei Erwachsenen und fand dabei heraus, dass Spielen nicht nur Vorteile im Beruf und bei der Partnersuche bringt, sondern ganz allgemein glücklicher und zufriedener im Leben macht.

„Viele Menschen glauben, dass nur Kinder spielen, doch diese Annahme ist grundfalsch“, sagt Proyer. Erwachsene spielten nur auf andere Art und Weise: Indem sie neugierig durch die Welt gehen, soziale Beziehungen lebendig gestalten, unbeschwert sind, das Leben nicht zu verbissen nehmen, offen für groteske Situationen sind. Solche Erwachsene improvisieren gerne, mögen neue Herausforderungen, sind von Routinen rasch gelangweilt. Einer bestimmten Persönlichkeit lassen sie sich allerdings nicht zuordnen. „Eine alte Vorstellung ist, dass vor allem extrovertierte Menschen verspielt seien“, sagt Proyer. „Gerade Introvertierte schätzen aber die intellektuelle Art der Verspieltheit.“ Sie jonglieren gerne mit Ideen und Gedanken, haben ein Auge fürs Details, denken vernetzt, nehmen leicht neue Perspektiven ein.

Albert Einstein träumte sich auf einen Lichtblitz

So machte es zum Beispiel auch Albert Einstein. Er stellte sich regelmäßig vor, wie es wäre, wenn er auf einem Lichtblitz durchs Universum reiten würde. Dadurch kam er auf bahnbrechende Ideen. Auch der Nobelpreisträger Alexander Fleming, Entdecker des Penizillins, empfand seinen Job stets als lustvolles Vergnügen. „Ich spiele mit Mikroben“, sagte er einmal. Und US-Milliardär Elon Musk wird wegen seiner verrückten Einfälle oft als kindisch, gleichzeitig aber als einer der größten Visionäre unsere Zeit bezeichnet.

„Verspielten Menschen gelingt es, nahezu jede Situation, die sie in ihrem Alltag erleben, so zu gestalten, dass sie sie als unterhaltsam, intellektuell stimulierend oder interessant wahrnehmen können“, sagt Proyer. Das lässt sich sogar trainieren, wie der Psychologe  und sein Team jetzt in einer gemeinsamen Studie mit der Universität Zürich und der Pennsylvania State University zeigen konnten. Die Psychologen teilten 533 Männer und Frauen in drei Experimentalgruppen und eine Placebogruppe ein. Die Mitglieder der ersten Gruppe sollte an sieben Tagen kurz vor dem Zubettgehen 15 Minuten aufschreiben, welche drei verspielten Situationen sie an diesem Tag entweder selbst erlebt oder beobachtet hatten. Dazu sollten sie notieren, welche Gefühle sie dabei hatten. Manche Teilnehmer berichteten hierbei, wie ihnen im Bus plötzlich lustige Dinge an Mitfahrern auffielen, optische Täuschungen oder seltsame Tatsachen, die sie bisher nie bemerkt hatten. In solchen Situationen fühlten sie sich erheitert, aktiv und voller Freude. Schon das Training hatte ihr Wohlbefinden verbessert.

Die zweite Gruppe sollte sich täglich in einer für sie ungewohnten Situation aktiv verspielt verhalten - etwa indem sie den Partner mit etwas Ungewöhnlichem überraschten, Kollegen etwas Lustiges auf den Tisch legten oder sich einem verrückten Tagtraum hingaben. Die dritte Gruppe sollte schlicht alle verspielten Situationen zählen, die ihnen am Tag auffielen – diese Zahl stieg im Verlauf der Studie an. „Die Probanden haben gar nicht so viel Neues gemacht, sie wurden einfach aufmerksamer für Verspieltheit in ihrer Umgebung“, sagt Proyer. Dadurch setzten sie diese auch selber häufiger ein. Die Studie, die im Fachjournal „Applied Psychology: Health and Well-Being“ erschienen ist, konnte damit als erste Interventionsstudie an Erwachsenen zeigen, dass sich Verspieltheit anregen lässt und dies das Wohlbefinden steigert.

Verspielte Frauen wirken auf Männer vital

Verspieltheit kann auf vielen Ebenen positive Effekte haben. Der US-Anthropologe Garry Chick von der Pennsylvania State University hat die evolutionspsychologische Theorie aufgestellt, dass Verspieltheit bei Erwachsenen eine Art Signalfunktion bei der Partnersuche haben könnte. Beobachten Frauen bei einem Mann Verspieltheit, sei das für sie ein Hinweis auf geringe Aggressivität - ein guter Prädiktor für eine stabile Langzeitbeziehung, meint Chick. Beobachteten Männer bei Frauen Verspieltheit, deute es für sie auf Vitalität hin. Erste Studien haben bereits bestätigt, dass verspielte Menschen bei der Partnerwahl Vorteile haben.

Der Zusammenhang von Verspieltheit und geringer Aggressivität erinnert an das sogenannte „Playface“ im Tierreich. Primaten oder Raubtiere zeigen dabei mit einer bestimmte Mimik an, ob sie es mit ihrem Verhalten ernst meinen oder nur spielen wollen, zum Beispiel bei einem Angriff. So weiß das Gegenüber, ob es sich auf Flucht oder Kampf einstellen sollte oder nichts Bedrohliches zu befürchten hat. „Ich glaube, dass Verspieltheit ein guter Prädiktor für sehr viele Dinge ist“, sagt Proyer. „Man kann daran auch gut einschätzen, wie flexibel jemand im Denken ist.“

Zudem erweist sich Verspieltheit als wirksame Strategie, Stress zu mindern. Proyer hat bei zahlreichen Interviews mit Probanden festgestellt, dass selbst Menschen in Berufen, die höchste Konzentration und Präzision verlangen, durch eigene Verspieltheit Spannungen abbauen. So berichteten ihm beispielsweise Chirurgen, dass sie während stundenlanger Operationen in Routinesituationen spielerisch mit ihren Kollegen umgingen, was die Situation auflockerte.

Plötzlich läuft der Ideenfluss wieder

Spielerisch an Dinge heranzugehen, bringt zudem Leichtigkeit ins Denken und fördert so Kreativität. Geht es bei einem Brainstorming im Büro einfach nicht weiter, kann es ein Weg zur Lösung sein. Einer sagt etwas Absurdes oder Abseitiges, alle sind überrascht, lachen vielleicht, sind erheitert, die festgefahrene Stimmung löst sich durch die positiven Emotionen. Plötzlich läuft der Ideenfluss wieder. Verspieltheit hilft dabei, Neues auszuprobieren, Routinen zu brechen. Sie ermöglicht Vernetzungen und Verknüpfungen, die es ohne unbeschwerten Spielspaß nicht gäbe.

Dabei ist es auch eine Gratwanderung, wie viel davon man sich an seinem Arbeitsplatz erlauben kann, ohne anzuecken oder schief angeguckt zu werden. Gerade in Deutschland würden verspielte Menschen oft als kindisch, albern oder unseriös betrachtet, meint Proyer. Vorgesetzte sollten ihren Mitarbeitern erlauben, Verspieltheit bewusst in den Berufsalltag zu integrieren, um so mehr Freude und Innovationspotenzial ins Unternehmen zu bringen. Dafür brauche nicht jedes Unternehmen gleich eine Tischtennisplatte oder ein Bällchenbad. „Es ist völlig in Ordnung und sogar sinnvoll, als Erwachsener verspielt zu sein“, sagt Proyer. „Man bleibt trotzdem ein ernstzunehmender, vertrauenswürdiger Mensch.“ Auch wenn man dabei nicht gleich auf die Relativitätstheorie stößt.