Eine Gartenkreuzspinne im Netz.
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BerlinWer sich achtbeinige Mitbewohner in die Wohnung holen will, hat zu Halloween reichlich Gelegenheit dazu. Deko-Spinnen in allen Größen warten auf Käufer, mit Spinnen-Socken wird man laut Werbung garantiert zum „Monster des Abends“.

Deutlich weniger gern sieht man die Tiere allerdings in lebendiger Form im Haus. Trotzdem plädieren Naturschützer und Wissenschaftler dafür, bei ihrem Anblick nicht zum Staubsauger zu greifen, sondern sie unverletzt wieder ins Freie zu befördern. Spinnen hätten viele positive Eigenschaften und seien grandiose Schädlingsvertilger, argumentiert etwa die Deutsche Wildtierstiftung in Hamburg.

Die Große Winkelspinne Eratigena atrica zum Beispiel hat eine besondere Vorliebe für feuchte Räume wie Keller oder Bäder. In ihrem trichterförmigen Netz, das sich zu einer Wohnröhre verjüngt, fängt sie Kellerasseln, Tausendfüßler, kleinere Spinnen und Insekten.

Die Große Zitterspinne Pholcus phalangioides – mit filigranem Körper und dünnen Beinen – baut ausgedehnte Netze und kann auch deutlich größere Verwandte als die Große Winkelspinne erbeuten. Die Spaltenkreuzspinne Nuctenea umbratica spannt ihre Netze gern an Lampen auf der Terrasse oder an der Haustür auf, wo das Licht Insekten anlockt.

Millionen Tonnen Beute

Martin Nyffeler von der Universität Basel und Klaus Birkhofer von der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg haben ausgerechnet, dass die Spinnen der Welt jedes Jahr zwischen 400 und 800 Millionen Tonnen Beute fangen. Damit verzehren sie mehr Tiere als die gesamte Menschheit, deren Fleisch-Konsum die Welternährungsorganisation FAO auf etwa 400 Millionen Tonnen schätzt.

Bei großen, tropischen Arten stehen dabei auch schon mal ein Frosch oder eine Schlange, eine Eidechse oder ein Vogel auf dem Speiseplan. Und auf allen Kontinenten gibt es auch begeisterte Fischfresser.

Über 90 Prozent der weltweiten Spinnen-Menüs aber bestehen aus Insekten und Springschwänzen. Vor allem in Wäldern und Grasländern ziehen die Achtbeiner massenweise Fliegen und Mücken, Blattläuse und andere Insekten aus dem Verkehr. „Dadurch tragen sie wesentlich dazu bei, das ökologische Gleichgewicht in der Natur aufrechtzuerhalten“, sagt Martin Nyffeler.

Im Herbst krabbeln sie in die Häuser

Trotzdem sind viele Menschen nicht bereit, die Mückenfänger als hilfreiche Verbündete in den eigenen vier Wänden zu begrüßen. Vor allem im Herbst, wenn besonders viele Spinnen in die Häuser krabbeln, kommt es daher immer wieder zu unerfreulichen Begegnungen – für beide Seiten.

Dabei gibt es unter den mehr als tausend heimischen Arten keine einzige, die einem gesunden Menschen gefährlich werden könnte. Und anders als manche Spinnenverächter befürchten, haben sie in der Regel auch kein Interesse daran, ihre Nachbarn auf zwei Beinen zu belästigen oder gar zu beißen.

„Die meisten Spinnen sind sehr scheu“, sagt Robert Klesser, der am Centrum für Naturkunde (CeNak) der Universität Hamburg die Biologie der Achtbeiner untersucht. „Sie wollen mit Menschen nichts zu tun haben und flüchten sofort, wenn wir ihnen zu nahe kommen.“

Das ideale Winterquartier

Das Einzige, was die Tiere jetzt suchen, ist eine Unterkunft für die kalte Jahreszeit. „Für Spinnen sind Häuser auf den ersten Blick ideale Winterquartiere“, erklärt der Forscher. Wichtig sei ihnen vor allem, dass ihre Unterkunft frostfrei bleibt. Ob sie diesen Schutz unter einem Baumstamm oder Dachstuhl, hinter einer Fels- oder Hauswand finden, ist den meisten offenbar egal.

Es gibt allerdings auch Arten, die man wohl nie im heimischen Wohnzimmer ertappen wird. Dazu gehört zum Beispiel die Blockhalden-Wolfsspinne Acantholycosa novergica sudetica, mit der sich Robert Klesser beschäftigt.

Diese Überlebenskünstlerin fühlt sich in der Kälte wohl und hat sich deshalb in einen sehr ungewöhnlichen Lebensraum zurückgezogen. Ihr Refugium ist das ausgedehnte Labyrinth von Mini-Höhlen, das die Blockhalden der Mittelgebirge durchzieht und in dem Eiskerne auch im Sommer für angenehm tiefe Temperaturen sorgen.

Spinnen und der Klimawandel

Seit Zehntausenden von Jahren hat die Blockhalden-Wolfsspinne hier dem Wechsel von warmen und kalten Zeiten getrotzt. Ob sie auch für den derzeitigen Klimawandel ausreichend gerüstet ist, weiß bisher allerdings niemand. Es könnte durchaus eng werden für die Kälteexperten auf acht Beinen.

Wenn sie etwas mobiler wären, könnten sie vielleicht einen Umzug nach Sibirien in Erwägung ziehen. Denn dort liegt der kälteste Spinnen-Lebensraum, von dem Forscher bisher wissen. Im Ort Oimjakon im Fernen Osten Russlands fällt das Thermometer mitunter auf Werte unter minus 60 Grad Celsius, und trotzdem gibt es dort mehr als 50 Spinnenarten. Am anderen Ende der Temperaturskala rangiert das Death Valley in Kalifornien.

Am 10. Juli 1913 haben Meteorologen dort mit 56,7 Grad Celsius die höchste Temperatur der Erde gemessen. Doch das hält die Achtbeiner nicht davon ab, auch diesen Lebensraum zu erobern. Einige Extremistinnen wie die Wolfsspinne Pardosa saltona und die Springspinne Habronattus tarsalis scheinen sogar eine echte Vorliebe für die besonders heißen und salzigen Regionen dieses unwirtlichen Glutofens zu haben.

Gemeinsam mit Kollegen aus Italien und den USA hat Peter Michalik von der Universität Greifswald insgesamt 99 solcher erstaunlichen Fakten aus der Welt der Achtbeiner zusammengetragen. Mit ihrer Sammlung der Spinnenrekorde wollen die Forscher im besten Fall Faszination, zumindest aber Interesse für diese viel geschmähten Tiere wecken. Das sei nicht einmal besonders schwierig, betont das Team. Wer ein Problem mit Spinnen habe, merke sich solche Informationen oft sogar besonders gut.

Ob diese Menschen das Gelesene sonderlich erfreulich finden, steht allerdings auf einem anderen Blatt. So erfährt man zum Beispiel, dass die Rekordhalterin für die größte Spinnenkolonie der Welt eine äußerst gesellige Mittel- und Südamerikanerin namens Anelosimus eximius ist. In ihren mehr als sieben Meter langen Netzen sollen mitunter mehr als 50 000 Tiere herumkrabbeln. Immerhin ist jedes davon nur etwa einen halben Zentimeter groß. Von den Giganten in ihrer Verwandtschaft sind sie damit weit entfernt.

Werbesongs aus Vibrationen

Geht man nach dem Gewicht, steht der Titel „größte Spinne der Welt“ wohl der Riesenvogelspinne Theraphosa blondi zu, die im tropischen Regenwald Südamerikas lebt und bis zu 170 Gramm auf die Waage bringt. Wenn diese Tiere in menschlicher Obhut übermäßig gefüttert werden, kann allein ihr Hinterleib die Größe eines Tennisballs erreichen, und zwischen ihren Beinen wurden schon Spannweiten von 28 Zentimetern gemessen.

Für die Riesenkrabbenspinne Heteropoda maxima, die in Höhlen in Laos auf Beutefang geht, ist sogar eine Spannweite von 30 Zentimetern verzeichnet.

Da gibt es sicher Arten, für die sich leichter Sympathie wecken lässt. Zum Beispiel für die nicht einmal einen Zentimeter großen Pfauenspinnen. Videos der kunstvollen Balztänze, mit denen die schillernd bunten Männchen dieser Winzlinge das andere Geschlecht zu umgarnen versuchen, sind auf YouTube schon zum Hit geworden. Und auch andere Arten haben gerade in Sachen Partnerwerbung Faszinierendes auf Lager. Sie tanzen, trommeln oder komponieren komplizierte Werbesongs aus Vibrationen, die ihre Adressatinnen mit den Beinen wahrnehmen.

Den Preis in der Kategorie „bestes Date“ aber haben Peter Michalik und seine Kollegen an die in ganz Europa verbreitete Listspinne Pisaura mirabilis verliehen. Wenn deren Männchen sexuell zum Zug kommen wollen, läuft nichts ohne ein passendes Geschenk – am besten ein großes, sorgfältig in Spinnseide eingewickeltes Beutetier.

Allerdings ist der eine oder andere Spinnen-Betrüger auch schon auf die Idee gekommen, seine Päckchen mit wertlosem Inhalt zu füllen oder mit einer übertrieben großen Verpackung aufzupeppen. Das reicht aber höchstens für eine Rolle als Kleinkrimineller. Als Horror-Monster haben sich Tiere mit einem solchen Verhalten wohl disqualifiziert.