Desmodus rotundus heißt der Gemeine Vampir im Fachjargon. Diese Fledermausart ist in Mexiko und Südamerika verbreitet. Vampirfledermäuse ernähren sich ausschließlich vom Blut anderer Tiere. 
Foto: Sherri und Brock Fenton

BerlinNachts geht es erst richtig zur Sache. Das Netzwerk vibriert. Da trifft man sich und kommuniziert, lehrt und lernt, pflegt Freundschaften und verfolgt gemeinsame Projekte. Wer da was mit wem veranstaltet, ist allerdings schwer zu durchschauen. Vor allem, wenn man noch nicht genau weiß, nach welchen Regeln das komplizierte Gewirr von Beziehungen überhaupt funktioniert.

Fledermäuse machen es Verhaltensforschern nicht gerade leicht, ihr Sozialleben zu verstehen. Denn sie sind klein, schnell, nachtaktiv und entsprechend schwer zu beobachten. Nun aber haben Biologen gemeinsam mit Ingenieuren und Informatikern ein Beobachtungssystem entwickelt, das neue Einblicke in den Alltag solcher kleinen Tiere liefert. Bats (Broadly Applicable Tracking System) nennt sich der technische Wildtier-Spion, der am Montag in Berlin vorgestellt wurde.

Mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft hat ein Team von Wissenschaftlern der Technischen Universität Braunschweig, der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg, der Universitäten Paderborn, Bayreuth und Erlangen-Nürnberg, sowie des Erlangener Fraunhofer-Instituts für integrierte Schaltungen IIS seit 2013 an diesem System gefeilt. Für die biologische Seite waren Simon Ripperger und Frieder Mayer vom Museum für Naturkunde in Berlin zuständig, die aus eigener Erfahrung die Tücken der Fledermausbeobachtung kennen.

Erfahrener Fledermausforscher: Simon Ripperger vom Museum für Naturkunde in Berlin.
Carola Radke/MfN Berlin

„Die klassische Methode besteht darin, die Tiere mit einem Sender auszurüsten und ihnen dann mit einer Peilantenne hinterherzurennen“, sagt Simon Ripperger. Bei so flinken, nachtaktiven Flugkünstlern kann das zu einer echten Herausforderung werden. Zwar gibt es inzwischen auch Sender, die sich per Satellit orten lassen. Und da die Miniaturisierung der Technik rasante Fortschritte gemacht hat, eignen die sich inzwischen auch nicht mehr nur für große Arten. Allerdings werden meist nur einzelne Tiere mit solchen Sendern versehen, die dann stellvertretend etwas über ihre Artgenossen verraten sollen.

Ein Mini-Computer zwischen den Schulterblättern

Zum Beispiel, wo deren Winterquartiere liegen und auf welchen Routen sie dorthin reisen. Wenn man aber das Sozialleben beobachten will, wird die Sache deutlich komplizierter. „Wir wollen zeitweise fünfzig Fledermäuse gleichzeitig im Auge behalten“, erläutert Ripperger. Dabei geht es um Fragen wie diese: Wer hält sich zu welchem Zeitpunkt wo auf? Was macht er dort? Mit wem hat er Kontakt? Und warum? Das alles zu analysieren, war bisher so gut wie unmöglich. Zumal die Satellitensender in der Regel keine Daten liefern, wenn die Tiere in Baumlöchern sitzen.

Das neue System kann solche Fragen nun endlich beantworten. Jeder der Kandidaten bekommt dazu einen Minicomputer zwischen die Schulterblätter geklebt – an eine Stelle also, die er mit der Schnauze nicht erreichen kann. Denn eine Begegnung mit knabbernden Fledermauszähnen tut der Technik nicht eben gut. In unversehrtem Zustand aber wirkt der kleine Spion wie ein mobiler Knoten im komplexen Fledermausnetzwerk.

Simon Rippberger/MfN Berlin
Sensor im Miniaturformat

Die Mini-Computer des Wildtierbeobachtungssystems Bats sind so groß wie ein Daumennagel und wiegen ein bis zwei Gramm. Das ist wichtig, um die beobachteten Tiere nicht zu sehr zu belasten. Denn diese sollten nicht mehr als fünf Prozent ihres Körpergewichts zusätzlich mit sich herumschleppen.

Er hat eine individuelle Kennung, so dass die Forscher jederzeit wissen, zu welchem Tier er gehört. Wenn dieses zu seinen nächtlichen Unternehmungen startet, kommuniziert sein Computer mit den anderen Geräten in der Nähe und erfasst so vollautomatisch die Kontakte zwischen den einzelnen Fledermäusen. Dank eingebauter Sensoren kann er zudem weitere interessante Informationen wie die Flughöhe und den Herzschlag erfassen.

Alle diese Informationen speichert er zunächst ab und schickt sie am Ende der Nacht an eine Downloadstation, die im Tagesquartier der Fledermäuse angebracht ist. Einmal am Tag kommen die Forscher dort vorbei, um die Ausbeute auf ihren Computer oder ihr Handy zu übertragen. Auf diese Weise kommen gewaltige Mengen von Daten zusammen. Um daraus zum Beispiel ein Bild von den sozialen Netzwerken der Fledermäuse zusammenzusetzen, sollte der Mini-Computer auf dem Fledermausrücken schon alle zehn Sekunden seine Informationen erfassen.

Für andere Fragestellungen ist auch eine noch engmaschigere Observierung möglich. „Besonders für die Beobachtung von kleinen Tieren ist diese Technik revolutionär“, findet Simon Ripperger. Tatsächlich haben er und seine Kollegen auf diese Weise schon spannende neue Erkenntnisse gewonnen. Zum Beispiel darüber, wie die Ausbildung von Großen Abendseglern in Berliner Stadtparks funktioniert. Diese Fledermäuse verbringen den Tag in Baumlöchern oder Fledermauskästen.

Beobachtungen in der Königsheide

Allerdings nicht in irgendwelchen. Sie suchen sich immer gezielt das Quartier aus, das für das jeweilige Wetter oder die Jahreszeit am besten geeignet ist. Und auch um die Parasiten in Schach zu halten, wechseln sie immer mal wieder zwischen verschiedenen Refugien ab. „Jedes erwachsene Tier kennt deshalb eine ganze Palette an Unterkünften“, sagt Ripperger. Und dieses Wissen geben die Abendsegler offenbar an die nächste Generation weiter.

Beobachtungen in der Königsheide in Treptow-Köpenick zeigten dem Forscher zufolge: „Wenn die Jungen im Alter von etwa vier Wochen fliegen können, leiten ihre Mütter sie gezielt zu den verschiedenen Quartieren.“ Wie man zum erfolgreichen Insektenjäger wird, muss der Nachwuchs dagegen offenbar allein austüfteln. Es sind allerdings nicht nur Familienmitglieder, die im Leben einer Fledermaus eine wichtige Rolle spielen können.

Die amerikanischen Vampirfledermäuse zum Beispiel sind nicht nur dafür bekannt, dass sie vom Blut anderer Tiere leben. Die exzentrischen Flattertiere fallen auch durch eine besonders ausgeprägte soziale Ader auf. Jeder Vampir hat unter seinen Artgenossen bestimmte Favoriten, mit denen er Futter teilt und denen er das Fell pflegt. „Die Hintergründe dieses außergewöhnlichen Verhaltens wurden allerdings zum Großteil in menschlicher Obhut erforscht“, sagt Simon Ripperger. „Wir wollten wissen, ob diese sozialen Bindungen in freier Wildbahn weiter gepflegt werden.“

Also haben er und seine Kollegen in Panama ein Experiment gestartet. Vampire, die zwei Jahre lang in menschlicher Obhut gelebt hatten, wurden mit den Computern auf dem Rücken in ihrer alten Kolonie wieder freigelassen. Doch obwohl sie dort ihre Verwandten und alten Kumpel wiedertrafen, behielten sie die in Gefangenschaft geknüpften Bindungen bei. „Diese Tiere leben also in einem sehr stabilen sozialen Netzwerk“, erläutert Simon Ripperger. „Ihre Beziehungen kann man durchaus mit menschlichen Freundschaften vergleichen.“

Projekt mit Eidechsen geplant

Im nächsten Jahr will das Team nun nicht nur die Fledermäuse mit den Mini-Computern ausrüsten, sondern auch die in der Nähe weidenden Kühe. Dann wird sich zeigen, ob sich die Vampire beim Blutsaugen auf bestimmte Rinder konzentrieren oder ob sie die Herde untereinander aufteilen. „Natürlich kann man mit unserer Technik aber nicht nur Fledermäuse beobachten“, betont Simon Ripperger. Auch für andere kleine Tiere wie Vögel, Amphibien und Reptilien sei der Wildtierspion gut geeignet.

So soll er demnächst auch verraten, wo genau sich Eidechsen an Bahndämmen aufhalten. Das soll die Tiere besser schützen, wenn Gleissanierungen anstehen. Denn es ist nicht nur wissenschaftliche Neugier, die das Bats-Team antreibt. Die Forscher wollen mit ihrer Arbeit auch zum Schutz von bedrohten Tierarten beitragen.