Stalking: Wie der Staat die Opfer psychisch Kranker alleine lässt

Klara L. befreit ihren Vater aus den Fängen einer psychisch gestörten Frau. Dann geht das Stalking los. Kaum jemand kann helfen. Ein Fall von Narrenfreiheit.

Üblicherweise sind Männer die Täter – doch es gibt zunehmend auch Frauen, die stalken. 
Üblicherweise sind Männer die Täter – doch es gibt zunehmend auch Frauen, die stalken. imago/Gerhard Leber

Berlin - Als Klara L. zum ersten Mal seit zehn Jahren ihr Elternhaus wieder betritt, traut sie ihren Augen nicht: Es ist mannshoch zugemüllt. Ratten haben sich häuslich eingerichtet, die Räume sind nicht mehr begehbar, überall stapeln sich Einkaufstüten, die seit Jahren nicht geöffnet wurden. Darin lagert Neuware, hundertfach dieselben Fliegenfänger und neu gekaufte Kinderbücher, zusammen mit Essenseinkäufen vom jeweils selben Tag, Fleisch, Fisch und Obst – teils acht Jahre alt. Alles schimmelt – bis in die Wände hinein. Tonnen von Müll lagern vom Keller bis zum Dachboden, nicht einmal die Treppen sind frei, die Zimmer meterhoch zugestellt. Das Bad gleicht einem Horrorfilm, die Küche ist von Maden überwuchert, am Schlafzimmer hätte Hitchcock seine dunkle Freude gehabt. Überall Tabletten, Spinnweben, Ungeziefer. Und dann dieser mörderische Geruch. Was ist bloß in diesem Haus passiert?, fragt sich Klara.

Vom schmucken Wohn- zum Horrorhaus

Klara L. (Name geändert) hatte ihre Mutter nach einem schweren Schlaganfall zehn Jahre lang bei sich zu Hause aufgenommen und gepflegt; der Vater war damals in dem Haus geblieben, die Eltern hatten zuvor getrennt dort gelebt. Da war es noch ein schmuckes Wohnhaus. Nach dem Schlaganfall der Mutter war eine neue Frau bei ihrem Vater eingezogen, der Vater hatte sich verändert, Klaras Kontaktversuche hatte er abgebrochen, ihr bei der Pflege der Mutter organisatorisch zu helfen hatte er abgelehnt. Nun, zwölf Jahre später, hatte ihr Vater selbst einen Schlaganfall erlitten – und die einzige Tochter um Hilfe gerufen. Während der Vater sich im Krankenhaus von dem Hirnschlag erholt, will die Tochter im Haus seine Post holen – und bekommt fast selbst einen Schlag beim Anblick des Anwesens. Sie ruft die Polizei, die nimmt die Lebensgefährtin ihres Vaters fest, als sie in dem zugemüllten Haus auch noch ein Feuer entfacht. Doch aus der Psychiatrie wird sie noch in derselben Nacht entlassen, weil sie sich bei dem Polizeieinsatz körperlich gewehrt hat und verletzt wurde. Nachdem die Lebensgefährtin aus dem Krankenhaus entlassen ist, fängt sie an, Klara und ihren Vater zu stalken.

Klara L. findet heraus, dass Alisa A. (Name geändert) bereits vor ihrem Vater einen Partner hatte, dem sie das Haus auf exakt dieselbe Weise vermüllt hat – und das sie offenbar in Brand setzte. Daraufhin wurde Alisa A. unter rechtliche Betreuung gestellt – aus der ausgerechnet Klaras Vater sie aber aufwändig und unter Einsatz vieler Anwälte und seines Vermögens befreit hat. Die Tochter findet außerdem heraus, dass Alisa A. in der Nachbarschaft nun herumerzählt, Klara L. würde sie verleumden. Die Tochter, die in einer anderen Stadt lebt, hätte das Haus selbst vermüllt, um ihr zu schaden, erzählt Alisa. Der Vater hat Alisa A. Hausverbot erteilt, nachdem er herausgefunden hat, dass sie, kaum dass er im Krankenhaus war, sein Konto empfindlich erleichtert hat. Alisa A. versucht nach Aussagen von Nachbarn, in das Haus einzubrechen. Klara L. erstattet Strafanzeige für ihren Vater. Wegen Unterschlagung des Geldes und wegen versuchten Einbruchs. Die Tochter will ihren Vater nach der Reha zu sich nehmen, um ihn zu pflegen.

Stalking der Tochter, der Reha, der Ärzte

Doch da geht es erst richtig los. Alisa A. schreibt Klara L. Briefe. Sie müsse sich der Polizei stellen, wenn sie ihres Lebens noch einmal froh werden wolle. Sie droht ihr. Sie findet ihre neue Adresse heraus. Sie lässt sich die Post des Vaters an ihre eigene neue Adresse nachsenden. Sie belagert die Mitarbeiter der Klinik, in der der Vater nach dem Schlaganfall liegt, und will seine Akte herauspressen. Zusammen mit einem Helfer stalkt sie erst telefonisch wochenlang die Reha-Station, in die der Vater kommt, mit zig Anrufen am Tag, unter unterschiedlichsten Namen, um den Vater zu sprechen. Dann taucht sie in der Rehaklinik auf, droht mit Polizei, will ihn mitnehmen und behauptet, er werde dort gegen seinen Willen festgehalten. Sie beschäftigt die teuersten Anwälte für ihre Zwecke und lässt deren Rechnung an den Vater senden. Klara L. erstattet Anzeige wegen Stalkings gegen Alisa und ihren Helfer.

Doch von der Polizei hört sie danach nichts mehr und die von ihr konsultierten Anwälte raten von einer Verfolgung des Falles ab: zu unappetitlich. Und zu wenig lukrativ. Solche Fälle mit zwar individuell gefährlichen, aber für die Allgemeinheit vernachlässigungswürdigen psychisch gestörten Tätern seien viel zu aufwändig. Klara L. könne wenig machen außer die 30.000 Euro zur Räumung von Haus und Garten zu zahlen – sowie geschätzt 100.000 Euro zur Sanierung des Gebäudes – und darauf zu hoffen, dass Alisa A. irgendwann Ruhe gebe. Und sich andere Opfer suche. Danach erfährt Klara L, dass Alisa A. sie bei der Staatsanwaltschaft angezeigt hat wegen Freiheitsentzug des Vaters.

Dieser Fall mag besonders sein, doch er ist kein Einzelfall. 2020 berichtete die taz von dem Fall einer psychisch kranken Frau aus Berlin, die jahrelang ihre Nachbarn massiv bedrängte, mit Morddrohungen, Messerangriffen, Wohnungseinbrüchen und Bedrohungen der Kinder. Nichts und niemand konnte den Opfern wirklich helfen – außer das Wegziehen. Und nichts und niemand konnte der kranken Täterin auf Dauer helfen.

Wenn der Täter psychisch krank ist, wird es richtig schwierig

Zeit für einen Anruf bei einem Fachmann auf diesem Gebiet, dem Stalking-Anwalt Volkmar von Pechstaedt aus Kassel. Klara L. lebt in Berlin und will – unter anderem aus Rücksicht auf ihren Vater – anonym bleiben. Von Pechstaedt betreut Stalking-Opfer aus dem gesamten Bundesgebiet und gilt als ausgewiesener Stalking-Fachmann. Er sagt: Stalking hat eh schon zugenommen, üblicherweise sind Männer die Täter, doch inzwischen gibt es auch 25 Prozent Männer unter den Opfern. Die gerichtliche Verfolgung sei zwar durch den Straftatbestand des Nachstellens seit 2007 ermöglicht, das Gesetz wurde im Oktober 2021 erneuert und das Cyberstalking erschwert.

Doch immer noch hängt es vom Zufall beziehungsweise dem Wohnort ab, ob ein Opfer bei der Polizei auf einen Beamten trifft, der Stalking ernst nimmt – und später einen fähigen Richter. Viele können sich einen Anwalt nicht leisten, zumal diese Fälle sich oft über Jahre hinziehen. Und er sagt: „Wenn der Täter psychisch krank ist, wird es richtig schwierig.“ Jemanden gegen seinen Willen in die Psychiatrie einzuweisen oder eine psychiatrische Behandlung zukommen zu lassen, sei hierzulande kaum möglich. Lesen Sie hier das Interview mit dem Fachanwalt für Stalking: 

Und lesen Sie hier, wie eine Beratungsstelle für Stalker in Berlin versucht, Schlimmeres zu verhindern: