Berlin - Zwei Schlagworte entwickeln emotionale Sprengkraft: „Impfen“ und „Pflicht“. In Kombination mit „Corona“ und „Kind“ ist die Explosion im ganzen Land zu hören. Das ruft all jene auf den Plan, die es gerne krachen lassen, politisch, medial, die gern ihre eigene Agenda verfolgen, nicht unbedingt die der Kinder. Dabei gibt es gute Gründe, die dagegensprechen. Vor allem: die Vernunft. 

Vor dem Bund-Länder-Gipfel an diesem Donnerstag haben sich Ärzte kritisch zu Massenimpfungen und einer allgemeinen Impfempfehlung geäußert. Rüdiger von Kries etwa, Jugendmediziner und Mitglied der Ständigen Impfkommission, verwies im RBB auf fehlende Erkenntnisse über Nebenwirkungen bei Kindern. Zuvor hatte sein Kollege Martin Terhardt im RBB-Inforadio über eine eventuelle Impfpflicht für Kinder gesagt: „Das halte ich für völlig abwegig in der gegenwärtigen Situation, eine Impfpflicht auszusprechen und davon irgendwelche Rechte abhängig zu machen. Ich hoffe, dass das nicht kommt.“

Über eine Impfpflicht lässt sich streiten, sie muss nicht zwangläufig überflüssig sein, auch für Kinder nicht. Für Kita-Kinder gibt es sie schließlich schon, gegen Masern. Gegen Corona existiert sie nicht, weil es nicht einmal einen zugelassenen Impfstoff für Menschen unter 16 Jahren gibt. Auch gilt derzeit als gesicherte Erkenntnis, dass für Kinder das Krankheitsrisiko bei einer Infektion mit Corona deutlich geringer ist als bei Erwachsenen, für die niemand lautstark eine Impfpflicht ablehnt, die zuvor niemand gefordert hat.

Krisen werden eben missbraucht, um Partikularinteressen schneller durchzusetzen, das ist nicht neu. Ebenso wenig, dass Kinder für Kampagnen herhalten müssen. Nicht immer werden die Absichten so klar formuliert wie in den Fünfzigerjahren, als im Westen der Deutsche Gewerkschaftsbund Dynamik in den Streit um eine Fünf-Tage-Woche bringen wollte: „Samstags gehört Vati mir.“ Nicht immer werden die Motive derart sichtbar wie im November 2020, als Gegner von Corona-Maßnahmen zu einer Demonstration am Brandenburger Tor mit ihrem Nachwuchs erschienen; als lebende Schutzschilde, wie die Polizei mutmaßte.

Impfpflicht: Reale Probleme der Kinder werden verdrängt

Die Auseinandersetzung mit einer theoretischen Impfpflicht schadet vor allem, weil sie reale Probleme in den Hintergrund drängt: Kinder leiden extrem unter der Pandemie, das gilt wissenschaftlich als erwiesen. Depressive Stimmungen haben während des vergangenen Jahres zugenommen, wie zuletzt eine Umfrage der Krankenkasse DAK-Gesundheit unter 14.000 Schulkindern der Klassen fünf bis zehn ergab.

Die veränderten Bedingungen erzeugen Stress, für die es einen Ausgleich geben muss. Die Familie tritt hier an erste Stelle. Solange sie entspannt mit der Krise umgehen kann, solange sich nicht der Stress der Eltern auf den Nachwuchs überträgt, fängt sie auf, federt ab. Wo dies nicht gelingt, müssen Alternativen helfen. Die fielen aber gerade während langer Phasen der Pandemie aus: allen voran Jugendklubs und Sportvereine. Selbst informelle Treffen im Freien waren tabu.

Unter der Isolation leiden vor allem Mädchen und Jungen aus sozial schwachen Verhältnissen. Sie hängen nicht nur beim Lehrstoff weiter zurück als diejenigen, die auf die Hilfe ihrer Eltern bauen können. An Grundschulen in sozialen Brennpunkten geht es um weit mehr als die Vermittlung von Lehrstoff. Sie bauen Brücken, sind ein Ort des Lernens, aber auch des Lebens. Sie geben den Kindern Bewegung, geistig, körperlich, geben den Tagen Rhythmus und den Familien damit Halt.

Deshalb waren Schulen zu Recht Gegenstand von Impfdebatten, hätten es weit mehr sein müssen mit den Lehrern als Mittelpunkt und als Kritikpunkt eine allzu schleppend voranschreitende Impfkampagne, die gefährdete Berufsgruppen insgesamt in ihrem Risiko beließ. Eine Impfpflicht für Personal an Schulen, in Klinken, Pflegeheimen oder Supermärkten scheint sich emotional nicht gut ausschlachten zu lassen. Zumindest fand sie kaum statt. Pech für Pädagogen, Pflegekräfte, Verkäuferinnen. Oder ihr Glück?

Schnell jedenfalls wird in hitzigen Wortgefechten aufgerieben, wer Fragen stellt, weil er unvoreingenommen nach Antworten sucht. Zu den Ungerechtigkeiten einer Pandemie, den Grenzen eines Lockdowns, dem Sinn pauschaler Beschränkungen. Zum Impfen von Kindern. Verbunden mit einer Pflicht: zuzuhören, abzuwägen, auszutauschen und Schlagworte zu vermeiden.