BerlinEine Nachricht ließ kürzlich viele Menschen aufhorchen. Demnach soll in Berlin die Zahl der Rettungseinsätze wegen möglicher Suizide und Suizidversuche massiv angestiegen sein. Die Zahl der Einsätze unter dem Code 25D03 sei von drei im Jahr 2019 auf 294 im laufenden Jahr angestiegen. Der Einsatzcode stehe intern für „Beinahe Strangulierung/ Erhängen, jetzt wach mit Atembeschwerden“, hieß es zunächst.

Dahinter stecken jedoch eine Fehlinterpretation und falsche Schlussfolgerungen. Das haben Nachfragen bei der Berliner Feuerwehr und der Senatsverwaltung für Inneres ergeben. „Die Berliner Feuerwehr hat keinen aus der Statistik belegbaren Anhalt für eine Steigerung der Suizide“, teilte ein Sprecher der Innenverwaltung der Berliner Zeitung mit. Die Ursache für die aktuelle Fehlinterpretation mitgeteilter Zahlen scheine „das Versionsupdate in der Feuerwehrleitstelle und die damit verbundene Änderung einiger Codenummerierungen zu sein“. Und weiter heißt es: „Die Einsatzcodes unterliegen der ständigen Evaluation und wurden Anfang April 2020 letztmalig angepasst. Nach Auskunft der Feuerwehr haben sich deshalb zu diesem Zeitpunkt auch einige Codenummerierungen geändert.“

Veränderte Codierungen

Grundlage der Nachricht war eine schriftliche Anfrage des Berliner Politikers Marcel Luthe (parteilos) an das Abgeordnetenhaus. Er hatte wissen wollen, wie häufig bestimmte Einsatzcodes der Notfallrettung in den einzelnen Monaten der Jahre 2018 und 2019 sowie bis einschließlich Oktober 2020 in Berlin vergeben wurden. Marcel Luthe hatte seine Anfrage ohne nähere Erläuterung zum Thema „Sonder- und Wegerechte nach §§ 35, 38 StVO in Berlin VIII“ formuliert.

Heraus kam eine lange Tabelle, in der zu den Codes die Zahl der Einsätze ohne weitere Erklärung aufgelistet wurden. Aus der Antwort auf seine Anfrage geht hervor, dass unter dem Code 25D03 im laufenden Jahr bereits mehr als 290 Einsätze registriert wurden, es 2018 aber nur sieben und 2019 sogar nur drei waren. Vermutlich hat Luthe die Erklärungen zu den Codes einer ähnlichen Anfrage aus dem Vorjahr entnommen, sich aber nicht vergewissert, ob sie noch stimmen.

Wie die für die Einsatzcode-Systematik zuständige Fachabteilung der Berliner Feuerwehr der Berliner Zeitung jetzt mitteilte, wurde jedoch die „Protokolllogik im Rahmen der kontinuierlichen Verbesserung des Notrufprotokolls“ überarbeitet. Es seien „neue physische Notfallbilder“ in Form von neuen Codierungen hinzugefügt worden. „Dabei hat sich die Codierungsreihenfolge der psychischen Notfallbilder verschoben. Die Beinahe-Strangulation ist nunmehr unter der Codierung 25D05 zu finden“, erläutern die Experten. Demnach seien also nach dem jüngsten Update im April dieses Jahres weitere psychische Erkrankungen dem Code 25DO3 zugefügt wurden, die nicht eine Strangulation beschreiben, sagt Feuerwehrsprecher Thomas Kirstein. Das heißt: Der Code 25D03 ist seit April nicht mehr eindeutig mit Suizidversuchen in Verbindung zu bringen.

Kein Rückschluss auf tatsächliche Ereignisse

Vor allem aber ist der Ansatz falsch, aus der internen Einsatzcode-Statistik überhaupt Rückschlüsse auf die tatsächlichen Geschehnisse vorzunehmen, betont Kirstein – und die Senatsinnenverwaltung sieht das genauso: Einsatzcodenummern würden in der Leitstelle bei der Notrufabfrage benutzt, erläutert der Innenverwaltungssprecher. In der Praxis werde bei der Einsatzannahme (Notruf 112) jedem mitgeteilten Ereignis ein Einsatzcode zugeordnet. „Ob die Situation vor Ort tatsächlich dann so durch die Einsatzkräfte vorgefunden wurde, wird dabei durch die Berliner Feuerwehr nicht erfasst. Insofern kann von der Vergabe der Einsatzcodes nur sehr bedingt auf bestimmte, tatsächliche Ereignisse geschlossen werden, weil sich gegebenenfalls vor Ort ein ganz anderes Bild ergibt (zum Beispiel  Mitteilung am Notruf 112, dass eine Person vom Dach springen will, dabei hat ein Handwerker nur die Regenrinne repariert)“, heißt es vonseiten der Senatsinnenverwaltung.

Dass die Situation vor Ort eine ganz andere sein kann als zunächst bei der Anrufannahme erfasst, bestätigt auch Thomas Kirstein, Sprecher der Berliner Feuerwehr. Ob es sich am Ende um einen Fehlalarm handelt oder ein ganz anderes Geschehen, sei dieser Statistik nicht zu entnehmen. Eine extreme Häufung bestimmter Meldungen sei theoretisch auch erklärbar durch sogenannte Frequent User, also Personen, die regelmäßig die 112 wählen, obwohl nicht immer ein Notfall vorliegt. „Es gibt in Berlin Menschen, die einige hundert Mal im Jahr die Feuerwehr anrufen – ohne dass wir dort notfallmedizinisch tätig werden müssen“, erläutert Kirstein.

Foto: imago images/Ikon Images
Hilfe-Nummern

Ihre Gedanken hören nicht auf zu kreisen? Sie befinden sich in einer scheinbar ausweglosen Situation und spielen mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen? Wenn Sie sich nicht im Familien- oder Freundeskreis Hilfe suchen können oder möchten – hier finden Sie anonyme Beratungs- und Seelsorgeangebote: 

Telefonseelsorge: Unter 0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222 erreichen Sie rund um die Uhr Mitarbeiter, mit denen Sie Ihre Sorgen und Ängste teilen können. Auch ein Gespräch via Chat ist möglich. telefonseelsorge.de 

Kinder- und Jugendtelefon: Das Angebot des Vereins „Nummer gegen Kummer“ richtet sich vor allem an Kinder und Jugendliche, die in einer schwierigen Situation stecken. Erreichbar montags bis sonnabends von 14 bis 20 Uhr unter 11 6 111 oder 0800 – 111 0 333. Am Sonnabend nehmen die jungen Berater des Teams „Jugendliche beraten Jugendliche“ die Gespräche an. nummergegenkummer.de

Muslimisches Seelsorge-Telefon: Die Mitarbeiter von MuTeS sind 24 Stunden unter 030 – 44 35 09 821 zu erreichen. Ein Teil von ihnen spricht auch türkisch. mutes.de

Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention: Eine Übersicht aller telefonischer, regionaler, Online- und Mail-Beratungsangebote in Deutschland gibt es unter
suizidprophylaxe.de








Bleibt die Frage, ob es andere Hinweise darauf gibt, dass in der Bevölkerung im Zuge der Corona-Krise die Suizidalität, also die Neigung zur Selbsttötung, womöglich wächst. „Dafür gibt es bis jetzt keine verlässlichen Daten. Unveröffentlichte und daher auch noch nicht als Referenz heranzuziehende Informationen zeigen sogar weniger Vorfälle“, berichtet Ute Lewitzka, Leiterin der Arbeitsgruppe Suizidforschung am Universitätsklinikum Dresden und Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention – Hilfe in Lebenskrisen. „Wir sehen in einigen Kliniken aber zum Beispiel  eine Zunahme von Suizidversuchen bei alten Menschen. Das sind aber bisher nur lokale Eindrücke, die auch unter unbelasteten Bedingungen als Schwankungen auftreten können“, sagt die Expertin. Die validen Zahlen lägen frühestens Ende nächsten Jahres, eher noch später vor.

Derweil versuche man, an die lokalen Statistischen Ämter heranzutreten, aber das sei sehr schwer, sagt Ute Lewitzka. Das zeigt auch eine Anfrage der Berliner Zeitung an das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg in Potsdam. Derzeit können man keine Daten zu den Suiziden im Jahr 2020 zur Verfügung stellen. „Die bisher von den Gesundheitsämtern übermittelten Daten lassen noch keine Auswertung zu“, teilte eine Sprecherin des Amts mit. Der bundesweite Zeitplan sehe eine Veröffentlichung im Sommer 2021 vor. Aktuell finde jedoch eine Methodenuntersuchung statt. „Es wird geprüft, ob in Zukunft bundesweit monatlich Daten veröffentlicht werden. Das wären dann vorläufige Zahlen, aus denen man zumindest Tendenzen ablesen kann.“

Die Zahl der Hilfesuchenden hat sich erhöht

Gerade in Krisen wie der Pandemie, die etliche Menschen finanziell und psychisch sehr belasten, wäre derartiges Wissen über reale Tendenzen wichtig, um entsprechend gegenzusteuern und Hilfen anzubieten. Eine Anlaufstelle für Hilfesuchende ist zum Beispiel die Telefonseelsorge. Dort ist die Nachfrage durch Corona gestiegen. „Die Telefonseelsorge verzeichnete in den Wochen des ersten Lock-Down im März/April deutlich höhere Kontakte per Telefon, Mail und Chat. Aktuell steigen die Zahlen wieder, allerdings nicht in der Höhe wie zur ersten Welle“, berichtet Ludger Storch, Leiter der Telefonseelsorge Bochum. Vor Corona habe es bundesweit im Durchschnitt 2500 Gespräche pro Tag gegeben, im März und April 2020 seien es dann mehr als 3000 pro Tag gewesen. Mit dem Ende des ersten Lockdowns normalisierte sich das Anrufaufkommen, blieb aber insgesamt höher als im Vorjahr, im September waren es durchschnittlich 2700 Gespräche pro Tag.

Auch Suizid sei bei derartigen Gesprächen ein Thema, hieß es. Auffällige Steigerungen beobachtet man dort bisher jedoch nicht. „Gespräche mit suizidalen Menschen oder zum Thema Suizid werden am Telefon prozentual etwa gleich häufig geführt. Sowohl im Jahr 2019 als auch 2020 lag der Anteil bei etwa 9,5 Prozent“, berichtet Ludger Storch.

Wir stellen fest, dass seit der Corona-Krise mehr junge Menschen den Chat der Telefonseelsorge nutzen und auch schwere Lebensthemen darin besprechen.“

Ludger Storch, Sprecher der Telefonseelsorge

Anders verhalte es sich beim Chat der Telefonseelsorge, der überwiegend von jungen Menschen unter 30 Jahren genutzt wird. 2019 seien es 19.500 Chats gewesen, 32 Prozent davon zum Thema Suizid. Im aktuellen Jahr 2020 seien es mittlerweile mehr als 29.000 Chats, von denen 44 Prozent zum Thema Suizid waren. „Wir stellen fest, dass seit der Corona-Krise mehr junge Menschen den Chat der Telefonseelsorge nutzen und auch schwere Lebensthemen darin besprechen“, sagt der Experte.

Sein Fazit: „Aus unserer Sicht besteht im Allgemeinen keine erhöhte Neigung zu Suizid.“ Aufmerksam müsse man allerdings auf die jüngere Generation sein, die erstmals in eine Ausnahmesituation gesellschaftlichen Ausmaßes kommt. Storch: „Hier erleben wir deutlich mehr Bedarf, um über den Sinn des Lebens, über Angst vor dem Tod, über Einschränkungen und diffuse Sorgen zu sprechen. Sie findet in der Online-Seelsorge ein adäquates Angebot, das sie vermehrt nutzt.“

Kein Tsunami psychischer Störungen

Psychische Belastung und Krisen bleiben also ein Thema, das aufmerksam beobachtet werden muss. Bislang gibt es jedoch keine Belege dafür, dass das Problem extrem groß ist, wie es das britische Royal College of Psychiatrists und auch die Europäische Gesellschaft für klinische Mikrobiologie und Infektionskrankheiten voraussagt, die vor einem psychischen „Tsunami“ als Folge der Corona-Pandemie warnen. Das hält eine Vielzahl von Experten für übertrieben. „Die psychische Reaktion folgt dem Pandemie-Geschehen. Sie wird auch wieder nachlassen. Von einem Tsunami psychischer Störungen kann man nicht sprechen“, sagte Steffi Riedel-Heller von der Universität Leipzig kürzlich der Wochenzeitung Die Zeit.

Ähnlich äußerte sich der Psychiater Andreas Heinz von der Berliner Charité: „Katastrophisierende Vergleiche mit Naturereignissen wie einem Tsunami halte ich aber nicht für hilfreich.“ Heinz, der auch Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde ist, erwartet allerdings schwere Folgen für bereits Erkrankte, wie er der Zeit sagte. „Bei Menschen mit psychischen Vorerkrankungen befürchten wir eine deutliche Verschlimmerung der Beschwerden.“ Auch was die psychische Gesundheit in der Pandemie angehe, gebe es Risikogruppen. Dazu gehörten auch junge Menschen und wirtschaftlich Schwache. Der Psychiater Vikram Patel von der Harvard Medical School fordert deshalb die Politik auf, wirtschaftlich schwache Menschen finanziell zu unterstützen. Dies sei das wichtigste Mittel gegen psychische Folgen der Pandemie.

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