Berlin - Ein deutsches Ehepaar will in die Schweiz reisen, um  gemeinsam zu sterben. Aber das ist komplizierter als gedacht: Was sagen die Kinder? Wer identifiziert die Leichen? Und wie organisiert man eigentlich den eigenen Tod?

Als die Infusion gesteckt ist, verlangt Anna Bleibtreu nach einem Stirnband. Eine Hand streift es ihr über Kopf und Kinn, aber das Band will nicht halten. „Es rutscht“, ruft die 81-Jährige ungehalten. „Ich möchte nicht, dass mein Mund nach dem Tod offensteht und mich jemand so sieht.“ Sie versucht, das Rädchen des Infusionsschlauchs aufzudrehen, in dem sich die tödliche Dosis befindet. Es dreht sich nur schwerfällig unter ihren vom Alter gekrümmten Fingern, aber schließlich tröpfelt das Gift durch den Schlauch. Ihre linke Hand ruht in der ihres Mannes, der neben ihr liegt. „Kriegen wir noch einen Kuss hin?“, fragt Hubert Bleibtreu seine Frau, mit der er seit 49 Jahren verheiratet ist, bevor er einschläft und stirbt. Die Kamera zoomt auf den Infusionsbeutel, Ende.

Das Ehepaar Bleibtreu hat beschlossen, gemeinsam zu sterben. In Deutschland, wo sie herkommen, geht das nicht. Also sind sie in die Schweiz gereist. Sterbebegleitung ist hier zwar legal, dennoch wird jeder außerordentliche Todesfall von Polizei, Staatsanwalt und Rechtsmedizin untersucht. Denn man darf in der Schweiz zwar jemandem dabei helfen zu sterben. Töten darf man ihn, auch auf dessen ausdrücklichen Wunsch hin, nicht. Deshalb das Video.

"Wenn Sie noch mit uns sprechen wollen, müssen Sie uns in Bonn besuchen kommen"

Vor knapp zwei Monaten habe ich Anna und Hubert Bleibtreu persönlich kennengelernt, da stand der Sterbetermin in Basel schon fest. Vorausgegangen war ein knapper, direkter Mailwechsel. „Wenn Sie noch mit uns sprechen wollen“, schrieb Anna Bleibtreu, „müssen Sie uns in Bonn besuchen kommen. Ich hole Sie am Bahnhof ab.“ Eine Zusage in Befehlsform.

Die Sterbehilfeorganisation hatte meine Bitte um ein Interview an das Ehepaar weitergeleitet – so wie vorher an zahlreiche andere Sterbewillige aus Deutschland. Anna und Hubert Bleibtreu waren die Einzigen, die den Mut hatten, mit mir zu sprechen. Sie wollten, dass ihre Geschichte nach ihrem Tod veröffentlicht wird. Aus Rücksicht auf die Familie habe ich ihre Namen hier trotzdem verändert.

Auf dem Standstreifen hinter dem Bahnhof steht also Anna Bleibtreu in einer roten Jacke, mit kurzen Haaren und lebhaften Augen, winkt mir zu, während ihr Mann im Auto wartet. Auch während der Fahrt teilen sie sich die Aufgaben. Er fährt, sie passt auf. Nach meinem Besuch wollen sie gemeinsam ihren Führerschein abgeben. Vor der Wohnungstür steht ungenutzt ein Rollator.

Bei unserem ersten Gespräch wirken die beiden auf mich wie Großeltern aus dem Bilderbuch. Er kann nicht mehr gut laufen, sie nicht mehr gut hören. Wenn er erzählt, ergänzt sie, wenn sie erzählt, ist er manchmal mit den Gedanken woanders. Dafür findet er alles wieder, was sie verlegt hat. Gemeinsam meistern sie ihren Alltag ohne Hilfe. Noch, sagen sie. Aber das könne sich jeden Tag ändern. Oder noch mehrere Jahre gutgehen. Bald könnten sie Goldene Hochzeit feiern. Warum nicht noch darauf warten? „Wir haben es die letzten Jahre immer wieder aufgeschoben“, sagt Hubert Bleibtreu. „Aber man wird irre dabei.“ Manchmal wünschen sie sich fast, sie hätten eine schwere Krankheit. Dann wäre es vielleicht auch für ihre gemeinsame Tochter leichter, mit der Entscheidung umzugehen. „So sieht sie uns und sagt: Euch geht es doch gut.“

Fast 50 Jahre verheiratet

Fast 50 Jahre sind Anna und Hubert Bleibtreu miteinander verheiratet, für beide ist es die zweite Ehe, ihre Enkeltöchter stehen kurz vor der Pubertät. Früher hat Anna Bleibtreu immer gerne mit ihnen gespielt. „Aber jetzt sprechen sie so schnell. Und viel zu leise.“ Anna Bleibtreu trägt zwar ein Hörgerät, aber sie ist müde. „Ich merke, ich mag gar nicht mehr.“ Noch schlimmer ist es im Theater. Anna Bleibtreu muss sich in die erste Reihe setzen, damit sie überhaupt etwas versteht. Aber das will sie nicht, weil dann alle sehen, wie ihr Kopf ständig wackelt. Ihr Mann schaut sie treu, wenn auch etwas verständnislos an. Stört ihn das? Er schüttelt den Kopf.

Die Bleibtreus haben keine unheilbare Krankheit, keine unerträglichen Leiden. Aber sie wollen gemeinsam sterben – und das bedeutet: Sie wollen den Moment nicht verpassen, wo sie beide noch sterben dürfen. In der Schweiz darf nämlich nur einen assistierten Suizid in Anspruch nehmen, wer noch bei vollem Verstand ist und auch selbst dazu in der Lage, das Sterbemedikament einzunehmen beziehungsweise den Infusionshahn eigenhändig zu öffnen. Was also, wenn Hubert Bleibtreu stürzt und sich von einem auf den anderen Tag nicht mehr bewegen kann? Was, wenn Anna Bleibtreu ihren klaren Verstand verliert? In ihrem Hirn wurden schon vor Jahren weiße Flecken entdeckt, die sich immer weiter ausbreiten. Mikroangiopathische Veränderungen, hat der Arzt gesagt.

So unerträgliche Schmerzen

Und sie will auf gar keinen Fall so sterben müssen wie ihre Mutter Anfang der Siebzigerjahre. Die Mutter hatte Krebs und so unerträgliche Schmerzen, dass sie ihren Mann anflehte, ihr Tabletten zu besorgen. „Du willst doch einen alten Mann nicht ins Gefängnis bringen“, antwortete er. Daraufhin, erinnert sich Anna Bleibtreu, habe ihre Mutter nicht mehr geklagt. Noch immer tut es ihr leid, dass sie als Tochter in den letzten Stunden nicht bei ihr war. Sie sagt das ohne jedes Pathos und mit einem auffallend guten Gedächtnis für die Details. Obwohl die Mutter im Koma lag, musste sie erbrechen, woraufhin die Krankenschwester ihr das Erbrochene mit dem Finger aus dem Mund holte. „Das hat mich so abgeschreckt, dass ich aus dem Zimmer geflohen bin.“ Als Anna Bleibtreu nach zwei Stunden zurückkam, war ihre Mutter tot.

Bis November vergangenen Jahres hatten die Bleibtreus darauf gehofft, dass sie eines Tages bei sich zu Hause sterben dürfen. Dann aber lehnte der Deutsche Bundestag eine Gesetzesänderung ab und entschied, dass geschäftsmäßige Sterbehilfe in Deutschland unter Strafe stehen soll. Da war für das Ehepaar klar, sie fahren in die Schweiz.

Die Ärzte, die ihnen zum Tod verhelfen, kennen sie nicht

Auf einen Schlag wird mir klar, was der neue Paragraph 217 konkret bedeutet. Zwei hochbetagte Menschen müssen zum Sterben in ein fremdes Land fahren, sich in die Hände einer Organisation begeben, die sie nicht kennen und der sie auf guten Glauben hin 20.000 Franken überwiesen haben. Dabei kennen sie weder die Ärzte, die ihnen zum Tod verhelfen, noch den Ort, an dem sie sterben werden. Es gibt keinen TÜV für Sterbehilfe, kein Preisregister, keine staatliche Aufsicht. Die Bleibtreus nennen es selbstbestimmtes Sterben.

Das Datum für die Sterbebegleitung steht fest, es sind noch ungefähr sechs Wochen bis dahin. Alle ärztlichen Dokumente liegen vor, Geburts- und Scheidungsurkunden sind besorgt, auch ein Testament haben die beiden schon aufgesetzt. Jetzt müssen sie nur noch ein Hotelzimmer buchen. Die Zeit dafür drängt, weil in Basel mal wieder eine große Messe vor der Tür steht und dann immer alles ausgebucht ist. Es passt gar nicht zu den Bleibtreus, dass sie das noch nicht längst organisiert haben. „Zweifeln Sie doch noch an ihrer Entscheidung?“, frage ich die beiden. Sie zögern kurz, schütteln den Kopf. Das ist es nicht. Sie haben eine Bitte an mich: Sie brauchen noch jemanden, der ihre Leichen identifiziert. Jemand, der sie aus Deutschland kennt. Ihre Tochter zögert, ihr Pfarrer kann einen Suizid aus religiösen Gründen nicht unterstützen. In der Nachbarschaft soll niemand davon wissen. Deshalb bitten sie mich, eine Fremde, ihre Leichen zu identifizieren. Plötzlich bin ich gegen meinen Willen in ihre Entscheidung involviert.

Aktive Sterbehilfe, also die Tötung auf Verlangen durch einen Arzt, ist in Europa nur in Belgien, Luxemburg und den Niederlanden legal. In der Schweiz ist dagegen nur die Beihilfe zur Selbsttötung erlaubt – also jemandem das Medikament bereitzustellen, sofern kein egoistisches Motiv vorliegt. Wie aber soll man ein Urteil darüber fällen, ob ein anderer Mensch das Recht hat, sein eigenes Leben zu beenden? Mal abgesehen davon, dass ich mir nicht vorstellen kann, wie sich das Leben mit Anfang 80 anfühlt, geschweige denn mit Schmerzen oder dem Tod vor Augen, finde ich das anmaßend. In der Schweiz gibt es Richtlinien verschiedener Ethikkommissionen, die Ärzten vorgeben, wann ein Mensch krank genug ist beziehungsweise unzumutbar genug leidet, um sterben zu dürfen. Es ist ein recht schmales Zeitfenster: Jemand muss unheilbar, oft sogar terminal krank sein, also quasi schon auf den Tod warten, und zugleich noch bei klarem Verstand und handlungsfähig sein. Und für gläubige Menschen stellt sich diese Frage eh nicht, denn sie billigen diese Entscheidung über Leben und Tod nur Gott zu.

Kurz nach meinen Besuch bei den Bleibtreus höre ich von einem Ritual, das laut Legende in einer armen Dorfgemeinschaft in den Bergen Mitteljapans praktiziert wurde. Dort war es offenbar Brauch, die alten Menschen in den Bergen auszusetzen, damit sie der an Hunger leidenden Gemeinschaft nicht zu Last fallen. Wenn ein Bewohner des Dorfes das 70. Lebensjahr erreicht hatte, war es die Pflicht seiner Verwandten, ihn zum Sterben auf den Berg zu tragen. Dieser Brauch wurde in Japan zweimal verfilmt – und beide Male steht der gleiche Konflikt im Zentrum: Die Mutter ist bereit zu sterben, aber die Familie sperrt sich gegen die Tradition, weil die Mutter noch bei guter Gesundheit ist und der Sohn nicht mit dem Abschied zurechtkommt. In einer furchtbaren Szene schlägt sich die Mutter daraufhin die Vorderzähne an einem Mühlstein aus, um zunehmende Gebrechen vorzutäuschen.

Erst Tage später unter Schmerzen gestorben

Auch in der Schweiz muss, wer altersmüde, aber noch zu gesund ist zum Sterben, selbst aktiv werden und einen harten Suizid riskieren. Nicht selten werden Fälle bekannt, in denen das schiefgeht und jemand überlebt oder erst Tage später unter Schmerzen stirbt, weil die Dosierung nicht stimmte oder das Antibrechmittel vergessen wurde. Gerade, wenn ein Ehepaar gemeinsam in den Tod gehen möchte, aber nur einer stirbt, ist das eine Katastrophe. Oder wenn die Angehörigen den Überlebenden finden und über eine Notfallbehandlung entscheiden müssen, während gleichzeitig die Polizei ermittelt.