Rühstädt/Helgoland - Im Storchendorf Rühstädt in Brandenburg sind die Weißstörche aus Subsahara-Afrika bereits heimgekehrt und haben auf ihren hohen Nestern Quartier bezogen. Nirgendwo in Deutschland brüten so viele Störche wie hier. Doch Jürgen Herper, ehemals Bürgermeister des Ortes und Storchenaktivist, macht sich Sorgen: „Es werden jedes Jahr weniger Jungvögel. Im letzten Jahr haben unsere dreißig Storchenpaare insgesamt dreißig junge Vögel aufgezogen, also nur ein Junges pro Paar.“

Das ist zu wenig, sagt auch die Biologin Krista Dziewiaty, die mit Jürgen Herper den Bestand der Weißstörche in Rühstädt im Blick behält. „Nach unseren Berechnungen muss jedes Storchenpaar pro Jahr mindestens zwei Jungvögel großziehen, um den Bestand zu erhalten“, erklärt sie. „Aber das ist schon seit Jahren nicht mehr der Fall. Wenn die Entwicklung so weitergeht, werden die im Nordosten Deutschlands lebenden Störche hier über die nächsten Jahre langsam immer mehr verschwinden.“

Trockenheit lässt Feuchtgebiete schwinden

Was den Rühstädter Störchen zu schaffen macht, ist der Verlust an Feuchtgebieten durch die große Trockenheit der letzten Sommer in Deutschlands Nordosten. Auch die zunehmend intensivere landwirtschaftliche Nutzung, insbesondere für Energiepflanzen wie Mais, schränkt die Verfügbarkeit an Nahrung für die Vögel ein.

„Zur Aufzucht der Jungvögel sind Störche und auch viele andere Vögel, wie zum Beispiel der Kiebitz, auf Feuchtwiesen angewiesen, wo sie Regenwürmer, kleine Amphibien und Insekten finden“, sagt Krista Dziewiaty. „Aber stattdessen gibt es riesige Monokulturen, die für Vögel der Agrarlandschaften weder Unterschlupf, Brutplatz noch Nahrung bieten.“

Diese Schwierigkeiten haben die Brandenburger Störche nicht nur hier in ihrem Brutgebiet. Auch die Lebensräume in ihren Rast- und Winterquartieren werden immer kleiner. Damit geht es den Oststörchen im Übrigen schlechter als ihren Verwandten im Westen. Die fliegen auf einer Westroute nach Afrika, über Spanien, wo sie Nahrung in offenen Müllkippen finden. Aus diesem Grund gibt es bei ihnen stabile bis zunehmende Bestände.

dpa/Carsten Rehder
Ein Mitarbeiter der „Vogelwarte Helgoland“ untersucht eine gefangene Bachstelze.

Aber nicht nur Brandenburger Zugvögel sind in Not. Auf Helgoland beobachten Ornithologen wie Ommo Hüppop vom Institut für Vogelforschung „Vogelwarte Helgoland“, dass sich der Vogelzug insgesamt verändert. Für die Zugvogelforschung bietet der rote Felsen weitab vom Festland einzigartige Bedingungen, denn Vögel, die hier in die großen Fangreusen geraten, sind fast immer auf der Durchreise. Seit 1909 wird auf Helgoland der Vogelzug beobachtet und seit 60 Jahren sammelt die Vogelwarte systematisch Daten.

Diese flossen auch in die erste fachlich fundierte Gefährdungsanalyse aller in und durch Deutschland ziehenden Vogelarten ein – etwa eine halbe Milliarde Vögel. „Doch die gewaltige Zahl trügt“, sagt Hüppop, „denn die Bestände der Zugvögel verringern sich zum Teil dramatisch. Auf Helgoland sind gerade die Fangzahlen vieler Langstreckenzieher, wie zum Beispiel Braunkehlchen, Turteltaube oder Kuckuck, seit 1960 um mehr als 60 Prozent zurückgegangen. Über die Hälfte aller Zugvogelarten befindet sich auf der Roten Liste.“

Auch auf Helgoland sehen die Vogelforscher, dass der Klimawandel dabei eine entscheidende Rolle spielt. Der aktuelle Leiter der Inselstation der „Vogelwarte Helgoland“, Jochen Dierschke, protokolliert in jedem Frühjahr, wann welche Vögel in die Reusen fliegen. Er versieht jeden mit einem Ring und bestimmt nach Möglichkeit Alter, Geschlecht, Gewicht und Größe, bevor er sie wieder freilässt. Mithilfe dieser sorgfältigen Datenerhebung beobachten die Forscher bei Arten, die häufig auf Helgoland zwischenlanden, dass sich im Frühjahr der Heimzug auffällig verfrüht hat.

Imago/Markus Tischler
Weltzugvogeltag

Am 8. Mai 2021 erinnert der Weltzugvogeltag an die schätzungsweise 50 Milliarden Vögel, die jährlich auf der Welt unterwegs sind, davon etwa fünf Milliarden zwischen Europa und Afrika. Zugvögel sind Vogelarten, die verschiedene Jahreszeiten an unterschiedlichen Orten verbringen. Der Aktionstag – 2006 über das Umweltprogramm der Vereinten Nationen eingeführt – findet jährlich am zweiten Wochenende im Mai statt. Er ist dem besonderen Schutz der Zugvögel und ihrer Lebensräume gewidmet. Neben Zugvögeln gibt es Standvögel. Sie führen keine saisonalen Wanderungen durch, sondern bleiben ganzjährig in einem Gebiet. Bei Teilziehern wiederum wandert nur ein Teil der Populationen. Strichvögel wiederum verlassen im Winter ihr Brutgebiet, bleiben aber in denselben Breiten.

„Mehr als drei Wochen früher treffen einige Arten wie Mönchsgrasmücke oder Zilpzalp hier inzwischen ein“, sagt Jochen Dierschke. „Die Konsequenz ist, dass früher heimkehrende Vögel sich die besten Reviere sichern können. Weniger flexible Arten – vor allem viele Langstreckenzieher – haben dann das Nachsehen, weil die besten Brutplätze schon besetzt sind.“ Hinzu komme, dass eine veränderte Brutzeit oft nicht mehr in die Zeit mit dem besten Nahrungsangebot für die Jungen falle, sagt Dierschke. „Viele Arten haben ihr Brutgebiet bereits jetzt deutlich weiter nach Norden erweitert.“

Vielfältige Stressfaktoren im Risikomodell

Durch diese Nord-Verschiebung verlängern sich für viele Vögel die Zugrouten. Auch davon sind insbesondere Langstreckenzieher wie Nachtigall, Kuckuck oder Mönchsgrasmücke betroffen. Damaris Zurell, Ökologin an der Universität Potsdam, hat die vielfältigen Stressfaktoren der weit wandernden Vögel in einem Risikomodell zusammengetragen.

Ihre Ergebnisse sind besorgniserregend: „Bisherige Risikoanalysen unterschätzen die Gefährdung der Vögel um bis zu 50 Prozent, weil sie sich zu sehr auf die hiesigen Probleme fokussieren und die längeren Zugrouten sowie Schwierigkeiten in den Überwinterungs- und Rastquartieren vernachlässigen.“

Der wichtigste Risikofaktor – da sind sich die Forscher wiederum einig – ist der weltweite Rückgang an geeigneten Lebensräumen. Für Störche und viele andere Arten sind das die schrumpfenden Feuchtgebiete. Genau da setzen die Rühstädter an: Vogelschützer und Landwirte versuchen hier gemeinsame Lösungen zu finden. Das Hauptproblem ist dabei die Wasserwirtschaft.

„In der Vergangenheit ging es immer darum, das Wasser aus der Landschaft rauszubekommen, um die Sümpfe in Ackerland umzuwandeln“, erklärt Jürgen Herper. „Mit den immer trockeneren Sommern haben wir da bereits komplett umgedacht. Das Wasser muss in die Landschaft rein statt raus und dann auch dort gehalten werden.“ Zusammen mit dem Wasserverband Brandenburg haben die Vogelschützer deshalb nun ein klügeres Bewässerungssystem aufgebaut, das der Austrocknung der Feuchtwiesen und Äcker entgegenwirkt.

Suche nach vogelfreundlichen Alternativen

Wie darüber hinaus Landwirtschaft und Vogelschutz Hand in Hand gehen können, testet Krista Dziewiaty aktuell in Modellprojekten. In einem dieser Projekte geht es um den Kiebitz: ein typischer Bodenbrüter, der Wiesen für seine Nester benötigt. Da diese rar werden, weicht er auf Äcker aus. Wenn der Landwirt dann sein Feld bestellt, übersieht er die gut getarnten Kiebitznester und mäht oder sät sie mit seinen großen Maschinen nieder. „Deswegen suchen wir in den kritischen Wochen von März bis Mai die Nester und markieren sie, sodass die Landwirte ausweichen können“, sagt Krista Dziewiaty.

In einem anderen Projekt werden alternative Energiepflanzen wie die Durchwachsene Silphie und Wildpflanzen getestet. „Anders als Mais bieten diese genügend Unterwuchs, sodass die Tiere Schutz und Nahrung finden. Zudem sind es mehrjährige Pflanzen, sodass der Boden nicht so oft bearbeitet werden muss“, sagt Krista Dziewiaty. Durch die kostenlose Stellung des Saatguts hofft sie, immer mehr Landwirte zu überzeugen, die Pflanzen für ihre Biogasanlagen zu verwenden und sich so für diese vogelfreundlichen Alternativen zu entscheiden.