Berlin - Im Animationsfilm „WALL·E – Der Letzte räumt die Erde auf“ haben sich die Passagiere eines voll automatisierten Raumschiffs zu dauerliegenden Faulenzern entwickelt, die keinen Schritt mehr gehen können. Ganz so weit ist es auf der Erde nicht – doch klar ist: Die Menschheit gerät zunehmend ins Straucheln. Nach einem jüngsten Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kosten Stürze jährlich etwa 684.000 Menschen das Leben. Zudem erleiden jedes Jahr mehr als 170 Millionen Menschen Behinderungen aufgrund von Stürzen. Zum Vergleich: An Malaria starben nach WHO-Daten 2019 weltweit 410.000 Menschen.

„Die Krankheitslast durch Stürze wird meist stark unterschätzt“, sagt der Stuttgarter Altersmediziner Clemens Becker, der als einziger Forscher aus Deutschland an dem Bericht mitgewirkt hat. „Allein in Deutschland gibt es 450.000 Krankenhauseinweisungen nach Stürzen älterer Menschen im Jahr, etwa zehn Prozent der Betroffenen sterben während des Klinikaufenthalts.“

Zahl der Stürze wird zunehmen

Solche Stürze würden noch viel zu oft als schicksalhaft und zufällig verstanden, sagt Becker, Forschungsleiter der Abteilung Geriatrie und Geriatrische Rehabilitation des Robert-Bosch-Krankenhauses. In der Luftfahrt und im Straßenverkehr sei es gelungen, die Zahl der Unglücke mit gezielten Maßnahmen massiv zu senken – gleiches sei auch bei Stürzen machbar. „Allein mit den schon vorhandenen Präventionsprogrammen ließe sich mindestens ein Fünftel der Stürze verhindern, wenn sie in der Fläche umgesetzt würden.“ Zuständige Behörden wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) seien gefordert, das Thema stärker ins Bewusstsein zu rücken.

Denn kleiner wird das Problem in den kommenden Jahren nicht. Die WHO-Experten rechnen sogar mit einer anhaltend raschen Zunahme. Die Zahl sturzbedingter Todesfälle sei in den letzten zwei Jahrzehnten viel schneller gestiegen als die Zahl jeder anderen Art von Verletzung, berichten sie. Stürze seien nach Verletzungen im Straßenverkehr schon jetzt die zweithäufigste Ursache für unbeabsichtigte Todesfälle durch Verletzungen weltweit. Zudem verursachten sie mehr Lebensjahre mit Behinderung als Verkehrsunfälle, Beinahe-Ertrinken, Verbrennungen und Vergiftungen zusammen.

Weit überwiegend sind dem WHO-Bericht zufolge Ältere betroffen. Ein Drittel der Menschen ab 65 Jahren weltweit stürzt mindestens einmal pro Jahr, fünf Prozent dieser Stürze führen zu einer Fraktur. Nach WHO-Prognosen wird sich die Zahl der Über-60-Jährigen weltweit bis 2050 gegenüber dem Jahr 2000 von 605 Millionen auf zwei Milliarden erhöhen. Die Zahl der Über-80-Jährigen werde sich auf etwa 395 Millionen fast vervierfachen.

Auch Jüngere zunehmend betroffen

Zugleich würden Experten zufolge die Familien heute häufiger getrennt. Familiäre Unterstütze falle weg – eine Folge von Globalisierung und Urbanisierung in vielen Ländern. „Eine wachsende Zahl älterer Menschen lebt heute ohne unterstützende Pflege, was nicht nur das Sturzrisiko erhöht, sondern auch die Lebensqualität älterer Menschen nach einem Sturz beeinträchtigen kann“, berichten die Experten. Betroffen seien – wie beim Risiko eines tödlichen Sturzes generell – besonders Länder mit niedrigen und mittleren Einkommen.

Doch auch wenn das Alter und damit verbundene Faktoren der wichtigste Risikofaktor für Stürze sind: Die Zahl solcher Unfälle nimmt schneller zu, als es allein durch die wachsende Zahl von Senioren zu erklären wäre. Immer häufiger sind auch jüngere Menschen betroffen. Ein Grund dafür liegt laut WHO in den Veränderungen, die zu einer sitzenden Lebensweise führen – ob in der Arbeit, im Transport oder der Freizeitgestaltung. Ohne Bewegung aber gehen Knochenmasse, Muskelkraft und Koordination noch stärker verloren, als sie das mit fortschreitendem Lebensalter ohnehin schon tun.

„Schon ab 45 Minuten Sitzen beginnen Abbauprozesse“, sagt der Altersmediziner Clemens Becker. „Es ist im Bereich Arbeitsmedizin noch nicht hinreichend klar, dass nicht nur Dinge wie Lärm und Staub ein Risiko für die Gesundheit sind, sondern auch das Sitzen.“ Dies sei nichts, was man einfach hinnehmen müsse – gerade die Corona-Krise habe gezeigt, wie viel Flexibilität in der Arbeitswelt möglich sei, anders als zunächst vielleicht gedacht. „Das Zwangssitzen muss sich ändern.“ Eine Möglichkeit bieten Stehtische, auch kurze Geh-Pausen können in den Arbeitsalltag eingebaut werden.

Möglichst früh Motorik trainieren

An dieser Stelle anzusetzen, wird immer drängender. Denn die Ausgangsbasis für ein möglichst langes sturzfreies Leben bröckelt. „Alle Testreihen zeigen einen Rückgang der sportmotorischen Fähigkeiten bei Kindern und Jugendlichen in den vergangenen 20 Jahren“, sagt Becker. Studien belegen, dass Kinder in vielen Ländern schwächer sind als noch vor einigen Jahrzehnten, auch ihre Ausdauer und ihr Koordinationsvermögen haben vielfach nachgelassen.

Die Fähigkeit, auf nur zwei Beinen gehend das Gleichgewicht zu halten, ist eine evolutionäre Errungenschaft, die kaum ein anderes Lebewesen so ausschließlich nutzt wie der Mensch. Wie das unablässige Hinfallen kleiner Kinder zeigt, dauert es Jahre, sie hinlänglich zu beherrschen. „Die ohnehin kleine Standfläche wird beim Gehen noch mal halbiert, Hunderte Muskeln sind – vom Gehirn koordiniert – beteiligt“, erklärt Clemens Becker. „Gehen ist einer der komplexesten Abläufe im menschlichen Organsystem, unglaublich viele Segmente und Sinneseindrücke sind beteiligt.“

Je mehr dieses System in der Kindheit und im frühen Erwachsenenalter gefordert wird, desto mehr Reserven hat der Mensch für den weiteren Verlauf des Lebens. Das gelte für Koordination und Gleichgewichtssinn ebenso wie für die Knochenmasse, sagt Dietmar Pennig, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) und der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU). „Motorik muss früh verschaltet werden im Gehirn.“ Eine von Grund auf fehlende Basis lasse sich später kaum noch aufholen.

Medikamente spielen oft eine Rolle

Mit zunehmendem Alter werde es immer schwerer, den ab etwa dem 40. Lebensjahr beginnenden Schwund an Knochenmasse aufzuhalten, sagt Pennig, Ärztlicher Direktor und Chefarzt am St. Vinzenz-Hospital in Köln. „Und wenn ich von vornherein nur mit 80 statt 100 Prozent starte, kommen die Probleme schneller.“ Zumal aus bewegungsfaulen Kindern meist bewegungsfaule Erwachsene würden.

Fehle es an Kraft, Gleichgewichtssinn und Koordination, steige das Sturzrisiko. Aktuell zeige sich das zum Beispiel bei den vielen schweren Unfällen älterer Menschen beim E-Bike-Fahren. „Mit so einem Rad ist man wieder schneller unterwegs, aber die Reaktionsfähigkeit ist vielleicht gar nicht mehr entsprechend da.“

Neben den motorischen Fähigkeiten spielten bei Stürzen häufig Medikamente eine Rolle, sagt der Altersmediziner Becker. „Fast alle Beruhigungsmittel zum Beispiel führen zu Einbußen bei der Balance.“ Sie seien oft ganz verzichtbar, in anderen Fällen würden sie viel zu lange eingenommen. Ein weiterer Faktor sei das nachlassende Sehvermögen. „Bei Gleitsicht- und Bifokalbrillen gibt es einen Bereich von zwei, drei Metern, in dem man nicht scharf sieht. Darum sollten solche Brillen draußen am besten gar nicht getragen werden.“ In der Wohnung seien Teppiche ein oft unterschätzter Risikofaktor.

Gefährdung am Schrittbild erkennbar

Was sind Warnzeichen für ein hohes Sturzrisiko? Recht einfach lasse sich eine Gefährdung am Schrittbild erkennen, erklärt Becker: Ist der Abstand zwischen den Fußspuren des linken und rechten Fußes beim Gehen kleiner als eine Fußlänge, sei der Betroffene mit hoher Wahrscheinlichkeit sturzgefährdet. „Für Ärzte ist es für eine Beurteilung des Risikos sehr hilfreich, wenn Kinder ihre Eltern beim Gehen filmen und sie dabei auch mal die Richtung wechseln lassen.“ Ein Rollator sollte Becker zufolge nicht zu früh zum Einsatz kommen: „Wenn jemand mit Rollator kaum schneller unterwegs ist als ohne, dann sollte er noch keinen benutzen.“

Generell sei es wichtig, den Alltag möglichst lange herausfordernd zu gestalten. „Zum Beispiel auf einem Bein Zähne zu putzen, wo es geht immer zwei Treppenstufen auf einmal zu steigen, vom Stuhl mit nur einem Bein aufzustehen.“ Unterstützung böten Programme wie „Life“ (Life integrated Functional Exercise). Bei einem Test mit 300 Senioren von 70 Jahren aufwärts habe sich gezeigt, dass diese nach einem halben Jahr „Life“-Training im Schnitt 1200 Schritte täglich mehr gingen und seltener stürzten, sagt Becker. „Im Mittel sinkt die Zahl täglicher Schritte im Zuge des Alterns pro Jahr um etwa 200 - die Probanden sind also quasi sechs Jahre jünger geworden.“

Ein weiteres verfügbares Programm sei „Trittsicher durchs Leben“, das auf Bewegungstipps und die Anpassung der Umgebung abziele. „Es kommt darauf an, die richtigen Dinge für sich auszuwählen, statt gar nichts mehr zu tun“, betont Clemens Becker. „Auch wenn man über 100 ist, macht das Üben noch Sinn.“ (dpa/fwt)