Aus einer besinnlichen Weihnachtszeit kann ganz schnell ein Familienstreit oder eine Ehekrise entstehen.
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BerlinDas perfekte Weihnachten ist ein Ideal, an dem viele scheitern. Alle Jahre wieder nimmt man sich die große Besinnlichkeit vor – und dann ist die Tanne schief, der Braten versalzen und der Schwiegervater fängt mit politischen Diskussionen an. Ruckzuck arten die Festtage in Stress aus. Doch warum kracht es ausgerechnet zu Weihnachten so oft? Und wie lässt sich das vermeiden? Der Psychologe Philipp Yorck Herzberg weiß Rat.

Herr Herzberg, Sie sind Professor für Psychologie und kennen alle Streitmechanismen und Konfliktstrategien. Bestimmt haben Sie zu Weihnachten noch nie gestritten.

Doch, natürlich. Ich erinnere mich noch sehr gut an ein Weihnachtsfest vor einigen Jahren mit meiner damals neuen Freundin, als meine Mutter eine Gans zubereitete und mit dem Herd in unserer neuen Wohnung nicht so gut zurechtkam. Der Vogel war dann am Ende nicht ganz durch – laut meiner Freundin halbroh, was natürlich völlig übertrieben war. Da war die Stimmung dann mal kurz unschön.

Und am Ende haben Sie sich von der neuen Freundin getrennt?

Nein, wir sind immer noch zusammen.

Warum streiten Paare oder Familien gerade zum sogenannten Fest der Liebe so oft? Ostern ginge doch auch.

An Weihnachten sind extrem hohe Erwartungen geknüpft – an Geschenke, das Essen, die Familie, die endlich mal wieder zusammenkommt. Daher ist die Fallhöhe auch so groß, wenn dann die Erwartungen nicht erfüllt werden. Zu Ostern geht man oft auswärts essen, aber Weihnachten wird zu Hause gespeist, was viel konfliktträchtiger ist. Hinzu kommt, dass wir uns am Jahresende befinden, wo naturgemäß viel Stress herrscht. Im Job gibt es Deadlines, und dann noch die ganzen Festtagsbesorgungen. Aufgrund der Entfernung, die Familien heute oft zu bewältigen haben, bleiben die Schwiegereltern auch nicht nur zum Kaffee, sondern übernachten gern gleich drei oder vier Tage. Da kommt einiges an Konfliktpotenzial zusammen.

Sie plädieren gar nicht für bedingungslose Harmonie, sondern für besseres Streiten. Wie funktioniert das?

Harmonie ist ein hohes Ideal, das weder erstrebenswert noch realistisch ist. In Beziehungen geht es um unterschiedliche Sichtweisen, die es zu verhandeln gilt. Meine Großeltern waren zum Beispiel stolz darauf, sich nie im Leben gestritten zu haben. Aber mal ehrlich: Wenn man nie streitet, dann ist die Beziehung tot, dann ist einem der andere egal und man geht sich nur noch aus dem Weg. Da bin ich dann doch eher für konstruktives Streiten. Bei dem es natürlich Regeln geben muss: den anderen respektieren, ihn ausreden lassen. Tabu sind Gewalt, Beleidigungen und Anschreien.

Zur Person

Philipp Yorck Herzberg (53) ist Professor für Psychologie an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg. Er ist spezialisiert auf Persönlichkeitspsychologie sowie Psychologische Diagnostik und erforscht seit Jahren, wie sich Paare streiten. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann in den 1990er-Jahren an der Humboldt-Universität in Berlin.

In Ratgebern liest man immer wieder, man solle Ich- statt Du-Botschaften senden. Ist das der richtige Weg?

Das funktioniert vielleicht bei Leuten, die ein sozialpädagogisches Studium absolviert haben. Nach meiner Erfahrung wirken Sätze wie: „Ich habe das Gefühl, du kommst deinen Pflichten im Haushalt nicht nach“ in der Praxis oft wenig authentisch. Es spricht auch gar nichts dagegen, seine Wut und seinen Ärger erst mal rauszulassen – das berühmte reinigende Gewitter. Es kommt vielmehr darauf an, was man danach macht. Ob man sich entschuldigt, wenn man zu emotional war und dann eine gemeinsame Lösung als Paar findet. Das ist die hohe Kunst des Streitens: Es geht nicht um Ich gegen Dich und einen Sieger am Ende, sondern um ein gemeinsames Problem, das man als Paar lösen will.

Das klingt in der Theorie erst mal total gut.

In der Praxis hilft vielleicht ein schönes Argument für den Hinterkopf, das ich vor einigen Jahren mal von einem Paar hörte: Wir wollen doch beide nicht mehr raus auf den Partnermarkt, also lass uns diesen Konflikt gemeinsam bewältigen und uns dadurch auch als Paar weiterentwickeln.

Ich kenne einige Menschen, die lieber den Raum verlassen, wenn der Streit zu heftig wird.

Das kann in dem Moment auch gut sein, um die Emotionen erst mal runterzukochen. Aber danach muss es schon irgendwann weitergehen. Sich dem Konflikt zu entziehen, löst ja das Problem nicht. Dazu, wie viel Auszeit man sich nimmt, bevor man weiter streitet, kann man übrigens auch Verabredungen treffen.

Sie haben in Ihrer Forschung unterschiedliche Streittypen ausgemacht. Welche sind das?

Es gibt den Rückzugstil, den wir schon angesprochen haben – nicht optimal, wenn es danach nicht weiter ausdiskutiert wird. Dann ist da der nachgiebige Typ, der auch nicht gut ist, weil er nichts durchsetzen kann und sich dauerhaft in eine passive Rolle manövriert. Weiterhin gibt es den aggressiven Streitstil, bei dem es um Dominanz geht – das ist der schlimmste von allen, weil er der destruktivste ist. Der positive Stil ist der erstrebenswerte – einander zuhören, sich ausreden lassen, versuchen, Kompromisse zu finden.

Ab wann lohnt es sich überhaupt zu streiten?

Bei vielen Kleinigkeiten muss man sich schon rational fragen, ob das jetzt sein muss. Oft geht es ja bei solchen Sachen um verdeckte Konflikte, die im Hintergrund schwelen. Etwa, wer das Sagen hat und die Abläufe bestimmt. Oder die Schwiegertochter, die sich im Grunde permanent abgewertet fühlt. Das entzündet sich dann an Banalitäten wie der Zubereitung der Gans, den Geschenken oder der Weihnachtsdeko.

Hilft es, bestimmte Themen auszuklammern?

Dinge, die in der Vergangenheit wiederholt zu Konflikten geführt haben, muss man auf jeden Fall zu Weihnachten nicht wiederholen. Man muss vielleicht auch nicht zwingend über Greta Thunberg oder die AfD sprechen – oder zumindest nicht das globale Gesamtpaket aufschnüren und damit zwangsläufig auf eine Schwarz-Weiß-Diskussion zusteuern. Besser wäre es, konkretere Themen zu nehmen, die den Diskurs etwas herunterbrechen.

Oder man spart sich einfach den ganzen Stress, backt keine Plätzchen, kauft eine fertig gebratene Gans und besucht niemanden.

Dafür würde ich wirklich nur im Ausnahmefall plädieren. Natürlich kann man backen und kochen, man sollte nur keinen Wettbewerb daraus machen. Am Ende kommt es darauf an, was sich gut anfühlt. Mit der Bratenzubereitung kann man sich jedes Jahr abwechseln, und auch für andere Stressfaktoren gibt es durchaus kreative Lösungen. Vorher darüber sprechen, das hilft in jedem Fall.

Sind Weihnachtsstreitereien eigentlich ein gleichbleibendes Phänomen oder hat sich da im Vergleich zu früher etwas verändert?

Ich kann mir vorstellen, dass in den 50er-Jahren, als noch ein anderes Rollenmodell herrschte und die Frauen vielleicht weniger Widerworte gaben, weniger aggressiv oder lange gestritten wurde. Aber das produziert natürlich Konflikte an anderer Stelle – und ist keinesfalls wünschenswert.