Fast jede dritte Geburt in Deutschland erfolgt mittlerweile nicht auf natürlichem Weg, sondern ist ein Kaiserschnitt.
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BerlinFür die einen ist es ein Problem, für die anderen eine konsequente Entwicklung: Fast jede dritte Geburt in Deutschland erfolgt mittlerweile nicht auf natürlichem Weg, sondern ist ein Kaiserschnitt. Bei 29,1 Prozent liegt die neueste Quote für das Jahr 2018, erfasst vom Statistischen Bundesamt. Damit hat sich der Anteil seit 1991 fast verdoppelt, denn da lag er noch bei 15,3 Prozent.

Mehr Mehrlingsschwangerschaften infolge künstlicher Befruchtungen, ein gestiegenes Durchschnittsalter der Gebärenden sowie eine oft damit einhergehende wachsende Zahl von Frauen mit Vorerkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck und Übergewicht zählen zu den Gründen, die diesen Trend zu mehr Sectiones, wie die Eingriffe im Fachjargon genannt werden, erklären.

Länder mit ähnlichen Bevölkerungsstrukturen zeigen allerdings, dass es auch anders geht. In Finnland zum Beispiel liegt die Kaiserschnittrate bei 16,7 Prozent, in Norwegen bei 16 und in Dänemark bei rund 23 Prozent. „Die Sectio-Rate in Deutschland ist unnötig hoch und führt zu kurz- und langfristigen gesundheitlichen Nachteilen für Mütter und Kinder“, sagt zum Beispiel Patricia Van de Vondel, Chefärztin der Frauenklinik des Krankenhauses Porz am Rhein in Köln. Als Ursachen für die hohe Rate in Deutschland nennt sie mangelnde Ausbildung und Organisation, Vergütung und Personalschlüssel sowie den juristischen Druck.

Deshalb ist die Chefärztin froh, dass es nun eine neue medizinische Leitlinie zum Kaiserschnitt gibt. Diese wurde entwickelt, um für mehr Klarheit zu sorgen, wann einer Schwangeren zu einem Kaiserschnitt geraten werden soll und wann nicht. Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe hat das mehr als 130 Seiten umfassende Werk in der Nacht zum Freitag veröffentlicht.

Klare Handlungsempfehlungen

Medizinische Leitlinien stellen zum einen den aktuellen Stand des Wissens über ein Fachgebiet zusammen. Andererseits geben sie aber auch möglichst klare Handlungsempfehlungen für die Beratung und Behandlung von Patientinnen und Patienten. Die jetzt erschienene Leitlinie gehört zur Kategorie S3 – das bedeutet, sie muss höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen genügen.

„Die neue Leitlinie ist insofern ein wichtiger Schritt, als dass die vorhandene – oder eben auch die fehlende – Evidenz zum Thema Indikationen, Durchführung der Sectio und mögliche Folgen für Mutter, Kind und Folgeschwangerschaften zusammengefasst wurde“, sagt Van de Vondel. Bisher berate und handele man hauptsächlich nach Expertenmeinung. „Die neue Leitlinie liefert – auch juristisch – belastbare Daten für die Beratung und Aufklärung werdender Eltern“, sagt die Geburtsmedizinerin.

Die Autoren der Leitlinie betonen zum Beispiel, dass die vaginale Geburt nach einer unkomplizierten Schwangerschaft nach aktueller Studienlage insgesamt vorteilhafter für Mütter und Kinder ist als der Kaiserschnitt. Unklar hingegen ist der optimale Geburtsmodus, wenn eine Schwangere bereits zuvor per Kaiserschnitt geboren hat. Studien kommen bei dieser Frage zu widersprüchlichen Ergebnissen. Die Autoren der Leitlinie schätzen die vaginale Geburt nach einem vorangegangenen Kaiserschnitt aber für die meisten Frauen als sicher ein.

Eine andere Geburtssituation, die oft in die Entscheidung für einen Kaiserschnitt mündet, ist die Beckenendlage – bei der das Kind zur Geburt nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Po voran im Beckeneingang der Mutter liegt. Für diese Fälle empfehlen die Autoren ausdrücklich, dass die Schwangere vor der Geburt in einer Klinik beraten wird, die tatsächlich auch Erfahrung mit der vaginalen Geburt aus Beckenendlage hat.

Allerdings sind hierzulande nicht alle Geburtsmediziner der Meinung, dass in Deutschland zu viele Kaiserschnitte vorgenommen werden. „Ich finde die Kaiserschnittrate in Deutschland vertretbar, weil niemand weiß, was die ‚richtige‘ Kaiserschnittrate ist“, sagt Holger Stepan, Direktor der Klinik für Geburtsmedizin am Universitätsklinikum Leipzig. „Ich denke, für Deutschland ist eine Kaiserschnittrate von 25 bis 30 Prozent gut, akzeptabel und anzustreben“, ergänzt er.

Mehr Mut zur vaginalen Geburt

Auch Wolfgang Henrich, Direktor der Klinik für Geburtsmedizin der Charité Berlin, des größten Perinatalzentrums Deutschlands mit mehr als 5700 Geburten, findet die deutsche Quote nicht zu hoch. „Durch mehr Mut zur vaginalen Geburt bei Beckenendlage oder nach einer Sectio beim ersten Kind ließe sich die Quote vermutlich noch um vier oder fünf Prozent senken“, sagt er. Der Kaiserschnitt sei sehr sicher geworden, betont der Geburtsmediziner. Ursprünglich als Notoperation angewandt, habe die Sectio sich durch kurze Operationszeiten, modernes Nahtmaterial, die Antibiotika- und Thromboseprophylaxe und die regionale Betäubung zu einer „eleganten Methode“ entwickelt. Und sie lasse ein Geburtserlebnis zu – denn die Gebärende könne wach und der Partner anwesend sein.

Aus seiner Sicht spielen oftmals juristische Probleme, die einem Arzt drohen, wenn etwa ein Kind bei einer vaginalen Geburt zum Beispiel neurologische Schäden erleidet, eine große Rolle bei der Entscheidung für Kaiserschnitte. In Skandinavien sei dieser juristische Druck weniger vorhanden. „Geburtshelfer hierzulande sind stark in der Defensive. Sie dürfen keine Fehler machen, denn die Beschwerdefreudigkeit aufseiten der Patientinnen und Juristen ist hoch“, sagt Henrich. Dabei sei es ein Irrglauben, dass man durch eine Sectio angeborene Schäden oder Komplikationen der Schwangerschaft und Geburt immer abwenden könne.

Das Argument, dass Sectiones vor allem deshalb gewählt werden, weil sie nach dem Fallpauschalensystem mit rund 2600 Euro besser vergütet werden als vaginale Geburten (1600 Euro), lässt er jedoch nicht gelten. „Die Ausgaben bei einer Sectio sind schließlich höher“, sagt er. Allerdings räumt er ein, dass der personelle Aufwand bei einer vaginalen Geburt größer ist – allein schon, weil sie länger dauere. „Dieser personelle Aufwand müsste besser honoriert werden“, sagt der Geburtsmediziner. „Allerdings sollten finanzielle Anreize medizinische Empfehlungen oder sinnvolle Entscheidungen nicht beeinflussen.“

Berliner Kliniken schneiden in Analyse gut ab

Wie unterschiedlich Kliniken hierzulande mit der Sectio-Option umgeben, zeigt eine jetzt veröffentlichte Datenanalyse des Science Media Centers (SMC) in Köln. Sie entstand auf der Grundlage der Krankenhausqualitätsberichte von 2018. „Die Ergebnisse zeigen, dass die Kaiserschnittraten der insgesamt 686 Geburtskliniken extrem unterschiedlich sind: Sie liegen zwischen 10,4 und 66,7 Prozent“, berichtet das SMC. Bundesweit habe rund jede zehnte Klinik eine so hohe Kaiserschnittrate, dass die Landesstellen für Qualitätssicherung die Qualität der Kliniken überprüfen müssten. Am häufigsten sei das in Bayern der Fall, Berlin schneidet in der Datenanalyse zusammen mit Sachsen und Thüringen am besten ab.

Viele Kliniken der Stadt haben der statistischen Auswertung zufolge signifikant niedrigere Kaiserschnittquoten als erwartet, allesamt liegen sie zumindest im Toleranzbereich. Die Datenanalyse listet nicht nur die jeweiligen absoluten Zahlen auf, sondern berücksichtigt auch, ob eine Einrichtung zum Beispiel besonders viele Mehrlingsschwangerschaften oder andere Risikopatientinnen betreut. Demnach liegt die Charité zum Beispiel mit einem Kaiserschnittanteil von 35,8 Prozent im Toleranzbereich. Mit 15,2 Prozent besonders niedrig ist der Anteil zum Beispiel bei der Caritas-Klinik Maria-Heimsuchung in Pankow.

„Die Interpretation der Prozentwerte für Kaiserschnitte der einzelnen Kliniken muss unter Berücksichtigung des Risikoprofils der Schwangeren erfolgen“, sagt Henrich. Er weist zum Beispiel darauf hin, dass die Klinik Maria-Heimsuchung schwerpunktmäßig gesunde Schwangere betreue. Das insgesamt gute Abschneiden Berlins erklärt er mit der langen Tradition der Geburtshilfe in Berlin: „In Berlin wirkte mit Erich Saling der Begründer der Perinatalmedizin. Die Kunst der vaginalen Geburtshilfe wird hier von jeher intensiv gelehrt und praktiziert.“