Berlin/Washington - Luftverschmutzung in Städten verursacht laut zweier Studien des Forschungsteams um Susan Anenberg von der George Washington University in Washington, D.C. verheerende Gesundheitsschäden. Hohe Feinstaubbelastung habe demnach im Jahr 2019 zu etwa 1,8 Millionen zusätzlichen Todesfällen weltweit beigetragen, heißt es in einer am Donnerstag im Fachmagazin Lancet Planetary Health veröffentlichten Modellierungsstudie.

Etwa 2,5 Milliarden Menschen in Städten weltweit seien einer Feinstaubbelastung ausgesetzt, die über den von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlenen Grenzwerten liegt. Das seien rund 86 Prozent aller in Städten lebenden Menschen, schreiben die Wissenschaftler. Ausgewertet wurden für die Berechnung demnach Daten aus rund 13.000 Städten weltweit zur Belastung mit Feinstaubpartikeln kleiner als 2,5 Mikrometer. Dabei haben die Forschenden den Zeitraum von 2000 bis 2019 betrachtet. 

WHO-Grenzwerte wurden überschritten

Im Schnitt soll die Belastung bei 35 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft gelegen und damit die aktuellen Grenzwerte der Weltgesundheitsorganisation WHO von fünf Mikrogramm pro Kubikmeter im Jahresdurchschnitt um das Siebenfache überschritten haben. Diese erhöhte Belastung verursachte nach Angaben der Wissenschaftler gut 1,8 Millionen zusätzliche Todesfälle allein im Jahr 2019. Etwa 61 von 100.000 Toten in urbanen Gebieten könnten auf die Feinstaubbelastung zurückgeführt werden.

Die Belastung durch Feinstaub und die zusätzlichen Todesfälle seien in den Ballungsräumen Südostasiens besonders hoch, schreiben die Wissenschaftler. In diesen Gebieten habe es auch die höchsten Anstiege der Luftverschmutzung gegeben. In Europa und auf dem amerikanischen Kontinent seien die Feinstaubbelastungen in den Städten hingegen zwar von 2000 bis 2019 gesunken, dennoch seien die Feinstaubwerte für ein Großteil der Weltbevölkerung ungesund.

Feinstaubbelastung kann Lunge nachhaltig schädigen

Die winzigen Feinstaubpartikel können tief in die Atemwege eindringen und etwa die Lunge nachhaltig schädigen. Eine hohe Feinstaubbelastung kann zu Herz- und Atemwegserkrankungen, Lungenkrebs und Infektionen der unteren Atemwege führen.

Allerdings steht die Berechnung der Todesfälle durch Feinstaub immer wieder in der Kritik: Oft lasse sich kein kausaler Zusammenhang zwischen Feinstaub und Krankheiten oder sogar Todesfällen erbringen, meinen Kritiker. Letztendlich könnten auch immer andere Faktoren die Ursache gewesen sein. Auch die Autoren der US-Studie betonen, dass es sich bei ihren Ergebnissen um eine Schätzung handele. Der tatsächliche Effekt der Luftverschmutzung könne sowohl unter als auch über den errechneten Werten liegen.

Die angeführten Todesfälle lassen sich auch nicht allein auf die Feinstaubbelastung zurückführen. Anders gesagt: Es gibt keine Todesursache Feinstaub. Es handelt sich vielmehr um Erkrankungen, die durch die Feinstaubbelastung begünstigt wurden, etwa Lungenkrebs. Das heißt: Wäre die Luft sauberer, würden die Menschen eher nicht krank werden und deshalb auch nicht vorzeitig sterben. 

Asthmaerkrankungen durch Stickstoffoxid-Belastung

Eine zweite Studie des gleichen Autorenteams kommt zu dem Schluss, dass allein 2019 weltweit rund 1,85 Millionen neu aufgetretene Fälle von Asthma bei Kindern auf eine hohe Stickstoffdioxid-Belastung zurückzuführen seien, zwei Drittel davon in Städten. Stickstoffdioxid entsteht bei Verbrennungsprozessen, etwa in Motoren. Hohe Konzentrationen werden an viel befahrenen Straßen erreicht.

Der Anteil der Asthmaerkrankungen bei Kindern, die auf Stickstoffdioxid-Belastung in Städten zurückgeführt werden kann, sei zuletzt gesunken, erklärten die Forschenden. Grund dafür seien möglicherweise strengere Luftverschmutzungsvorschriften in reicheren Ländern. Beide Studien zeigen dennoch, wie dringend die Luftqualität in Städten verbessert werden müsse. 

Erst vergangenes Jahr berichtete die EU-Umweltagentur (EEA), dass 2019 in den EU-Mitgliedstaaten schätzungsweise 307.000 Menschen durch die Luftbelastung mit Feinstaub vorzeitig starben, darunter Zehntausende in Deutschland. 97 Prozent der urbanen Bevölkerung in der EU seien einer Feinstaubkonzentration in der Umgebungsluft ausgesetzt, die über den neuen Richtwerten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) liege, schreiben die Wissenschaftler. Berlin ist dabei laut dem EU-Bericht die deutsche Stadt mit der schlechtesten Luft. Die Hauptstadt belegt EU-weit Platz 219 von 323 Plätzen.

Mehr als die Hälfte der vorzeitigen Sterbefälle – gut 178.000 – hätten nach den Angaben der EEA theoretisch verhindert werden können, hätten alle Mitgliedstaaten die neuen Richtwerte der Weltgesundheitsorganisation eingehalten.