Arm zu sein hat viele Konsequenzen. Eine davon ist eine schlechtere Gesundheit. So war es früher, so ist es heute. Die in der vergangenen Woche vom Robert-Koch-Institut (RKI) vorgelegten Zahlen zur Kinder- und Jugendgesundheit in Deutschland, Kiggs, belegen es.

Wie sich soziale Stellung und Gesundheit gegenseitig bedingen, wird diesen Dienstag und Mittwoch beim Kongress „Armut und Gesundheit 2018“ an der TU Berlin intensiver diskutiert. Dabei geht es zum einen um einen ausführlicheren Blick auf die Daten der Kiggs-Studie, aber auch um weitere Erkenntnisse, etwa über die Lage bei Erwachsenen.

„Es gibt in Deutschland allgemein eine Verbesserung der Gesundheit. Bei den sozial Benachteiligten, auch bei alleinerziehenden Müttern, sind die Unterschiede aber groß geblieben“, sagt Thomas Lampert, Leiter des Fachgebiets Soziale Determinanten der Gesundheit am RKI in Berlin. Die Daten über Kinder, die er auf dem Kongress vorstellt, basieren auf der Kiggs-Studie, für die zwischen 2014 und 2017 zum dritten Mal mehr als 15.000 Kinder im Alter von 0 bis 17 Jahren in knapp 170 Orten in Deutschland befragt und körperlich untersucht wurden.

Wenig Bewegung

Die Ergebnisse belegen, dass Eltern mit niedrigem sozialen Status im Vergleich zu Eltern mit hohem sozialen Status den allgemeinen Gesundheitszustand ihrer Kinder häufiger als mittelmäßig, schlecht oder sehr schlecht einschätzen (8 Prozent gegenüber 1 Prozent). „Diese Einschätzung gibt uns einen ersten wichtigen Eindruck“, sagt Lampert. Wenn Eltern ihr Kind beispielsweise für kränklich halten, muten sie ihm häufig weniger Bewegung im Freien zu.

Auch auf das Körpergewicht wirkt sich Armut aus: Unter Kindern und Jugendlichen aus Familien mit niedrigem Sozialstatus waren 10 Prozent stark übergewichtig (adipös), in sozial bessergestellten Familien nur 2 Prozent.

Kinder aus sozial benachteiligten Familien bewegen sich außerdem zu wenig. Die Grenze für ausreichende körperliche Aktivität lag in der Studie bei mindestens 60 Minuten an mindestens zwei Tagen pro Woche. Dabei zählte jegliche Bewegung im Alltag, also auch der Gang zu Schule. Die Kiggs-Studie zeigte: 15 Prozent der Kinder aus Familien mit niedrigem Sozialstatus bewegen sich zu wenig, bei den Bessergestellten sind es 6 Prozent.

Immerhin zeigte sich, dass der Zigarettenkonsum rückläufig ist. „11- bis 17-jährige Jugendliche aus Familien mit niedrigem Sozialstatus rauchen aber nach wie vor häufiger als die Gleichaltrigen aus Familien mit hohem Sozialstatus“, berichtet Lampert. Die Quoten lagen bei 8 Prozent versus 4 Prozent. Ähnlich ist die Lage bei Müttern mit niedrigem Sozialstatus. 27 Prozent von ihnen rauchten während der Schwangerschaft, bei Müttern mit hohem Sozialstatus waren es nur 2 Prozent, wie die Kiggs-Studie durch Befragung von Müttern zeigte, deren Kinder heute unter sieben Jahre alt sind.

RKI-Forscher Lampert hält Information für einen wichtigen Faktor. „Die Ergebnisse machen deutlich, dass die sozial Benachteiligten weniger von der Aufklärung in der Bevölkerung profitieren“, sagt er.

„Warum rauchen sozial benachteiligte Mütter?“

Ein Grund dafür sei, dass die Zielgruppe der sozial Benachteiligten zu wenig gehört wird, wenn Kampagnen entwickelt werden, sagt Susanne Borkowski, Geschäftsführerin des Vereins KinderStärken aus Stendal. „Die Autoren von Kampagnen stammen meist aus der Mittelschicht. Sie fragen die Zielgruppe nicht, was sie braucht – dadurch fehlt die Nutzerperspektive“, sagt die Expertin, die ebenfalls am Kongress teilnimmt. Außerdem würden die Verhaltens- und Denkmuster der Zielgruppe nicht erkannt. „Warum rauchen sozial benachteiligte Mütter? Das müssen wir verstehen“, gibt sie zu bedenken.

Einen weiteren Grund für das Versagen von Kampagnen sieht Borkowski darin, dass bei Aufklärungsmaßnahmen die Eltern nicht einbezogen werden. „Es funktioniert nicht, nur die Kinder aufzuklären. Kinder gehen nicht einkaufen“, sagt sie. Verlangten Kinder zum Beispiel nach Vollkorn-Lebensmitteln, wie in der Schule vorgeschlagen, führe das in Familien zu Konflikten. „Wie sollen Kinder sich entscheiden zwischen dem, was sie hören und dem, was sie erleben?“, fragt sie. „Sollen sie ihre Eltern belehren?“ Die Kinder säßen oft zwischen den Stühlen.

Ein zweiter Schwerpunkt des Kongresses dreht sich darum, wie sich die Gesundheit von Erwachsenen in armen Verhältnissen in den vergangenen 20 Jahren verändert hat. „Was wir sehen ist, dass die soziale Ungleichheit in dieser Zeit sehr stabil geblieben ist“, sagt Lampert. „Wir sehen in keiner Weise eine Verringerung. In einigen Bereichen geht die Schere sogar weiter auseinander.“

Lampert nennt als Beispiel das Rauchen. Zwar werde allgemein weniger geraucht, die Rückgänge beträfen aber vor allem die besser Gebildeten. „Bei den schlechter Gebildeten hat sich weniger getan und deshalb haben die Unterschiede zwischen den Bildungsgruppen zugenommen“, sagt Lampert.

Kampagnen fruchten nicht

Das gleiche gilt für den Sport. „Es wird mehr Sport getrieben, das betrifft aber nur die höher Gebildeten“, sagt Lampert. Bei den unteren Statusgruppen gebe es keine parallele Entwicklung. Der Wissenschaftler zieht den Schluss, dass Maßnahmen zur Gesundheitsvorsorge, wie Kampagnen gegen das Rauchen oder für mehr Sport, besonders bei den oberen Statusgruppen erfolgreich sind.

Die Frage des sozialen Status entscheidet auch über die Lebenserwartung eines Menschen in Deutschland. Die mittlere Lebenserwartung eines Mannes aus einer unteren Einkommensgruppe liegt bei seiner Geburt etwa elf Jahre unter der von Männern aus höheren Einkommensgruppen. Bei Frauen beträgt der Unterschied acht Jahre.

Menschen aus unteren Einkommensgruppen haben außerdem ein zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko für chronische Krankheiten wie Herzinfarkt, Schlaganfall und Diabetes. Außerdem sind bei ihnen erhöhte Risikofaktoren zu beobachten, zum Beispiel Rauchen, Übergewicht, Bewegungsmangel.

Diesen Zustand halten die Organisatoren des Kongresses für skandalös, wie es im Diskussionspapier heißt. „Weil du arm bist, musst du früher sterben“, zitieren sie die Nationale Armutskonferenz. Eine Situation, die nicht hingenommen werden dürfe.