London - Seit Beginn der Corona-Pandemie arbeiten viele Menschen im Homeoffice. Doch manche Arbeitgeber konnten oder wollten das ihren Mitarbeitern nicht ermöglichen. Im November 2020, also beim Anlaufen der zweiten Corona-Welle, arbeiteten einer repräsentativen Umfrage der Hans-Böckler-Stiftung zufolge nur 14 Prozent der befragten Erwerbstätigen „überwiegend oder ausschließlich zu Hause“, obwohl die Politik an die Arbeitgeber appelliert hatte, Homeoffice flächendeckend zu ermöglichen.

Doch wie geht es weiter? Wie wird sich die Arbeitswelt durch Corona verändern? Was passiert vor allem mit dem Großraumbüro, das in den vergangenen Jahren „der letzte Schrei bei Arbeitgebern“ gewesen sei, wie das Branchenjournal IT-Business schrieb? Britische Wissenschaftler haben sich mit ihm beschäftigt – aber nicht in erster Linie aus Sicht des Infektionsschutzes.

Viele Kollegen im Rücken

Vor allem interessierte sie, wie Arbeitszufriedenheit, Produktivität und Teamarbeit davon abhängen, wo man als Mitarbeiter im Großraum sitzt. Sie untersuchten die Frage, wie wichtig die Gestaltung eines Großraums und die Aufteilung der Schreibtischplätze sind. Unter anderem sei es wichtig, was sich im Sichtfeld eines Beschäftigten befinde, schrieben die Forscher des University College London in einer Studie, erschienen im Fachjournal Plos One.

Das Team um die Architektin Kerstin Sailer hatte dafür im Jahre 2018 die Situation in vier Etagen der Londoner Zentrale eines internationalen Technologieunternehmens untersucht. Es befragte die Mitarbeiter zur Zufriedenheit mit ihren Arbeitsplätzen. Ein Ergebnis der Untersuchung war, dass Beschäftigte mit einer höheren Anzahl von Schreibtischen in ihrem Blickfeld ihre Arbeitsplatzumgebung weniger positiv bewerteten. 

Ebenso fühlten sich Mitarbeiter weniger wohl, wenn ihre Schreibtische vom Hauptraum abgewandt standen und in ihrem Rücken viele Kollegen saßen. Eine solche Sitzposition könne zu einem Gefühl mangelnder Kontrolle über die Umgebung führen, vermuten die Wissenschaftler.

Befragte, die viele Schreibtische im Blickfeld hatten oder mit dem Rücken zum Raum saßen, neigten der Studie zufolge auch dazu, die Teamarbeit im Großraum negativ zu bewerten, vor allem den Austausch von Informationen mit anderen, die Teamidentität und den Zusammenhalt.

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Ein Großraumbüro in den 1930er-Jahren

Im Gegensatz dazu schätzten sich jene Mitarbeiter als konzentrierter und produktiver ein, die auf relativ wenige Schreibtische blickten und dem Raum zugewandt saßen. Sie waren auch zufriedener mit der Teamarbeit. Positiv wirkte sich auch ein Fensterplatz aus. Wer dort saß, fühlte sich wohler als diejenigen, die an Wänden saßen. Allerdings habe die Studie nur eine Rücklaufquote von 16 Prozent gehabt, so schränken die Autoren selbst ein. Auch seien die Erkenntnisse nur aus einer einzigen Firma abgeleitet. Entsprechend seien weitere Untersuchungen nötig, um zu überprüfen, ob sich die Ergebnisse verallgemeinern ließen.

„Kathedralen“ der Interaktion

Eine Grunderkenntnis der Studie war, dass sich vor allem Mitarbeiter in kleineren Großraumbüros zufriedener über den Zusammenhalt im Team, den Austausch von Informationen, die Konzentrationsfähigkeit und Produktivität äußerten. Gerade in der Technologiebranche sei der Trend allerdings ein ganz anderer, kritisieren die Forscher: „In den letzten Jahren haben viele große Technologieunternehmen ‚Kathedralen‘ der Interaktion geplant oder gebaut, hauptsächlich im Silicon Valley“, schreiben sie.

Das Silicon Valley in der südlichen San Francisco Bay Area im US-Bundesstaat Kalifornien ist einer der bedeutendsten Standorte der IT- und Hightech-Branche weltweit. Hier sitzen Apple, Facebook und Google. Aber auch anderswo entstanden Arbeitsstätten mit großen, offenen, transparenten Grundflächen – mit der Begründung, dass diese Begegnungen, Wissensaustausch und Teamarbeit unterstützten. „Unsere Ergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass ein nuancierterer Ansatz in Bezug auf Offenheit vorzuziehen sein könnte“, schreiben die Wissenschaftler, und sie empfehlen konkret die Gestaltung kleinerer und intimerer Bereiche.

Insgesamt zeichnet die Studie ein differenzierteres Bild vom Großraumbüro, das in den vergangenen Jahren durch andere Untersuchungen eher in Verruf geraten ist. So erschienen 2018 die Ergebnisse zweier Feldstudien der Harvard University. Die Wissenschaftler Ethan S. Bernstein and Stephen Turban kamen dabei zu dem Schluss, dass Großräume die direkte Kommunikation der Kollegen behindern statt fördern.

Rückzug als Abwehrreaktion

Bernstein und Turban hatten in ihren Feldstudien 152 Mitarbeiter zweier US-Unternehmen beobachtet und unter anderem mit Messgeräten ihr Kommunikationsverhalten festgehalten – jeweils einen halben Monat vor und nach dem Umzug in ein Großraumbüro. Das Ergebnis: Nach dem Umzug gingen die direkten Gespräche mit den Kollegen um etwa 70 Prozent zurück. „Kurz gesagt, anstatt eine immer lebendigere persönliche Zusammenarbeit auszulösen, schien offene Architektur eine natürliche menschliche Reaktion auszulösen, sich sozial von Bürokollegen zurückzuziehen“, schrieben die Forscher. Stattdessen interagierten die Kollegen verstärkt über E-Mail und Messenger-Dienste. Hier stieg der Kommunikationsumfang um 20 bis 50 Prozent.

Bernstein und Turban zogen den Schluss, dass der positive Einfluss von räumlicher Nähe auf die Zusammenarbeit und kollektive Intelligenz überschätzt werde. Wenn Rückzugsräume fehlten, „entwickeln Angestellte andere Strategien, um sich Privatheit zu verschaffen“, schreiben die Forscher. Es könne sich um eine Art Abwehrreflex gegen eine Überstimulation in Großraumbüros handeln.

Eine australische Überblicksstudie hatte schon 2008 ergeben, dass die Mehrheit der Beschäftigten in Großraumbüros über Reizüberflutung, niedrigere Produktivität, geringere Zufriedenheit und einen Verlust an Privatsphäre klagten. Und eine Studie der Hochschule Luzern mit etwa 1230 Büroangestellten führte 2010 ebenfalls zu ernüchternden Ergebnissen, was die Erwartung betrifft, das Arbeiten in Großraumbüros könne kommunikativer, transparenter und kosteneffizienter sein.

Lärm, trockene Luft, hohe Temperatur

50 Prozent der Befragten beklagten vor allem ablenkenden und stressenden „Lärm im Raum“ durch Gespräche und Telefonate. Über „trockene Luft“ klagten 35 Prozent, über „zu hohe Raumtemperatur“ 24 Prozent. Auch wechselnde Temperaturen wurden als Störfaktor angesehen. Mitarbeiter berichteten häufiger über Müdigkeit, juckende und brennende Augen oder trockene Gesichtshaut als ihre Kollegen in Einzelbüros. „Je mehr Menschen in einem Büro arbeiten, desto größer ist die Unzufriedenheit mit den allgemeinen Arbeitsbedingungen“, sagte Sibylla Amstutz, die die Studie betreut hat. Mit der Anzahl der Menschen in einem Büro sei auch die Krankheitsrate gestiegen.

Die Harvard-Autoren Bernstein und Turban schrieben in ihrer Studie von 2018, dass Großraumbüros viel zu oft eine offene Fläche mit vielen Mitarbeitern seien, „die sich dafür entscheiden, sich so gut wie möglich zu isolieren (zum Beispiel durch das Tragen großer Kopfhörer, während sie so beschäftigt wie möglich erscheinen, da jeder sie sehen kann)“. Sie regten an, über bisherige Annahmen gründlicher nachzudenken.

So schrieben sie unter anderem, dass „Übergänge zu einer offenen Büroarchitektur nicht unbedingt eine offene Interaktion“ förderten. Die Forscher wiesen darauf hin, „dass Privatsphäre die Produktivität steigern kann“, und wenn die Büroarchitektur jeden beobachtbarer oder „transparenter“ mache, könne das die direkte Interaktion dämpfen, da Mitarbeiter andere Strategien zum Schutz ihrer Privatsphäre fänden.

Kleinere, intimere Bereiche

Auch befassten sich die Forscher mit der ursprünglichen Annahme, „dass offene Räume die kollektive Intelligenz unter Menschen fördern würden“. Sie verwiesen auf neuere Forschungsarbeiten, die aussagten, dass begrenzte und oft kleine Gruppengrößen für kollektiven Leistungen eher förderlich seien. Offene, transparente Büros seien dagegen überstimulierend. In ihnen herrsche ein ständiger Strom sozialer Reize, der eher ablenkt. Die besten Leistungen erbrächten Menschen bei „eher intermittierendem als konstantem sozialen Einfluss“.

Erst im März 2021 ergab eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom unter etwa 1500 Erwerbstätigen in Deutschland, dass nur noch ein Prozent nach dem Ende der Corona-Pandemie in den Großraum zurückkehren möchte. 38 Prozent wünschen sich einen festen Arbeitsplatz in einem Einzelbüro. 27 Prozent würden gern in einem Mehrpersonenbüro mit zwei bis vier Kollegen arbeiten.

Die aktuellste Londoner Studie allerdings lenkt den Blick auch auf eine mögliche andere Gestaltung von Großräumen, wenn kleinere Büros – aus verschiedenen Gründen – nicht zu haben sind. „Besonders relevant fanden wir zwei räumliche Faktoren: Wie viele andere Schreibtische hat jemand ständig im Blickfeld und wie viel Rückenschutz ist gegeben“, schreiben die Autoren um die Architektin Kerstin Sailer. Unter anderem regen sie „die Gestaltung kleinerer und intimerer Bereiche“ an, um die Konzentration, die Produktivität und die Teamarbeit zu fördern. (mit dpa)