Karl Lauterbach ist nicht mehr so oft bei Markus Lanz im ZDF zu Gast, seit er Gesundheitsminister ist. Als der SPD-Politiker noch auf der Oppositionsbank saß, gefiel er sich und dem Publikum wie auch dem Moderator deutlich besser als großer Kritiker und Mahner. Nun ist er selbst verantwortlich für die deutsche Gesundheitspolitik, hat vermutlich mehr zu tun als je zuvor und scheint seitdem nicht mehr im Studio zu übernachten. In der Nacht zum Vatertag hatte er trotzdem interessantes zu berichten.

Corona mutiere „Hunderttausend Mal schneller“ als die Affenpocken

Von Lanz zum neuen Aufreger-Virus, den Affenpocken, befragt, sagt der Gesundheitsminister klipp und klar: „Es wird hier keine Pandemie geben.“ Grund sei nicht nur die Beschaffenheit des Virus, der sich offenbar seit seiner Erstentdeckung 1958 nicht stark verändert habe, während sich etwa Corona „hunderttausend Mal schneller“ verändere, also mutiere – was Covid-19 zum viel gefährlicheren Feind in der Bekämpfung mache als die Affenpocken.

Außerdem würden die Daten aus Afrika zeigen, dass die Krankheit in der Regel nicht tödlich verlaufe, sogar zu 99 Prozent nicht tödlich. Zu guter Letzt werde es mit den Affenpocken keine Pandemie geben, „weil wir sehr schnell und konzertiert agieren“, sagt Lauterbach, und meint damit wohl auch sich selbst.

Nur einen Tag zuvor hatte er sich auf einer Pressekonferenz zum Affenpocken-Geschehen nämlich noch ziemlich anders angehört. Das Virus müsse unbedingt ernst genommen werden, hatte er da noch verkündet, und eine 21-tägige Quarantäne für Betroffene und deren direkte Kontaktpersonen verordnet. „Wir wissen nicht, warum die Ausbrüche so anders verlaufen als in der Vergangenheit“, sagte er. Womöglich habe sich der Erreger verändert, oder die Anfälligkeit des Menschen für das Virus habe sich verändert, lautete die Befürchtung des Gesundheitsministers am Dienstag.

Lauterbach kauft gerne Impfstoff ein

Deshalb habe er bereits bis zu „40 000 Dosen“ eines Impfstoffs bestellt, der in den USA gegen Affenpocken zugelassen ist und auch in Deutschland verwendet werden könne. Dieser könne eine Ansteckung verhindern oder einen Ausbruch verzögern, hieß es auf der Pressekonferenz.

Bei Lanz hingegen plauderte Lauterbach nun deutlich entspannter über die Bedrohung, die keine sei. Das Virus übertrage sich über sexuelle Kontakte, bisher seien „nur Männer betroffen, die Sex mit Männern hatten“. Das könne sich aber ändern. Auch heterosexuelle Kontakte könnten sich anstecken – oder jemand, der auf demselben Bettlaken gelegen habe wie ein Infizierter. Oder jemand, der ein solches Bettlaken aufschüttele. Das Virus sei vor allem über die Schleimhaut und die Haut übertragbar, bei direkter Nähe auch über die Atmung.

Deshalb müssten auch die direkten Kontakte Infizierter in die Quarantäne, und zwar solche, die mit den Betroffenen zusammen leben, oder die Partner der Patienten. Die Quarantäne sei deshalb so lange angesetzt, erläuterte Lauterbach in der Abendrunde, weil es „mindestens 21 Tage“ dauere, bis die „hochinfektiösen Bläschen“ sich gebildet hätten, zu Schorf geworden und von der Haut wieder abgefallen seien, und der Patient während dieser gesamten Zeit sei ansteckend sei – sogar schon vor der Bläschenbildung. Damit dauert die Ansteckung deutlich länger als etwa bei Corona.

Das Beunruhigende an diesem Erreger sei aber eher, dass es sich schon wieder um eine Zoonose handele, die sich vom Tier auf den Mensch übertrug. Die Zahl der Zoonosen steige deutlich, dies hänge vom Klimawandel ab, verlaufe aber nicht linear mit ihm, sondern viel stärker: „Man schätzt, das es etwa 10 000 Viren gibt, die sich vom Tier auf den Menschen übertragen können“, so Lauterbach. Eine Klima-Erwärmung um nur ein Grad bedeute „sehr viele Zoonosen“.

Deshalb hätten die Gesundheitsminister der G-7-Staaten auf der Sicherheitskonferenz in München vergangene Woche auch „auf mein Betreiben“, so Lauterbach, just am selben Tag eine Pandemie-Übung besprochen, bei der es um eine fiktive Pocken-Pandemie durch einen Leopardenbiss gegangen sei, als zufällig gleichzeitig die Affenpocken in Deutschland ausgebrochen seien. „Das kann sich keiner ausdenken“, bekräftigte er die Ironie der Gleichzeitigkeit: „Ich musste im Konferenzsaal teilnehmen an der Simulation ‚Wie beherrschen wir die Leopardenpocken?‘ und dann rausgehen, um über die tatsächlichen Affenpocken zu informieren. Da muss man sich wirklich schon sehr konzentrieren.“ Jetzt habe er wieder die Verschwörungstheoretiker am Hals. Die an einen solchen Zufall nicht glauben wollen.

Lanz und Lau ärgern Lauterbach mit der Impfpflicht

Daran war nun der Moderator viel mehr interessiert: Wie sich der SPD-Minister gerade schlägt, in Zukunft schlagen wird, oder bereits geschlagen hat. Adjutiert von der Zeit-Journalistin Mariam Lau, eröffnete Lanz an dieser Stelle sein berühmtes Fragefeuer, das bei Politikern meist in der Hauptfrage mündet: Warum haben Sie sich nicht durchgesetzt? Lanz und Lau schienen sich einig darin, dass die Hauptverfehlung des Gesundheitsministers immer noch darin bestehe, sich bei der Impfpflicht gegen Covid-19 nicht gegen den Rest des Bundestags durchgesetzt zu haben, was ausgerechnet Lauterbach selbst mit dem so simplen wie einleuchtenden Satz kontern konnte: „Das ist Demokratie.“

Doch Lanz hatte sich mal wieder festgebissen und Lau tischte auf: Sie habe von FDP-Mann Johannes Vogel gehört: Die Koalition wäre überhaupt nicht zustande gekommen, wenn die Impfentscheidung nicht zur Gewissensfrage für die Abgeordneten deklariert worden wäre. „Das heißt, Sie hatten die Wahl: Ich wechsele meinen Kurs - oder ich kann nicht in die Regierung eintreten. Sie konnten nicht beides machen. “Darauf entweicht dem Gesundheitsminister ein „Oh Gott!“ und ein hartes Dementi: „Ich kann ganz sicher sagen, dass das eine Räuberpistole ist.“

Keine Räuberpistole ist hingegen der Umstand, dass der Minister für eine eventuelle neue Corona-Welle im Herbst trotz Impfmüdigkeit der Deutschen für nach eigener Aussage „viele Milliarden Euro “bereits wieder Impfstoff bestellt hat, und zwar für alle möglichen Varianten: Sollte sich nämlich herausstellen, dass es doch zu einer „Killervariante“ komme, vor der Lauterbach einst dramatisch in der Bild-Zeitung gewarnt hatte, oder auch der ursprüngliche Wuhan-Typ wiederkehre, oder auch Omikron, dann will sich Lauterbach später lieber dafür kritisieren lassen, zu viel bestellten Impfstoff wegschmeißen zu müssen, als den falschen Impfstoff bestellt zu haben. „Und ich verrate kein Geheimnis“, so Lauterbach bei Lanz: „Einen Teil dieser Impfstoffe werden wir nachher wegschmeißen müssen.“ Über die genauen Summen und Kosten der bestellten Impfstoffe wollte er hingegen nichts sagen.

Wäre das also auch geklärt: Der Gesundheitsminister bestellt lieber mal eindeutig zu viel Impfstoff, von dem man jetzt schon weiß, dass er unnütz sein wird. Um später nicht für Untätigkeit kritisiert zu werden. Ein  wahrlich interessanter Abend. An dem es später auch noch um Abtreibung ging. Aber das ist ein anderes spannendes Thema.