Berlin - Die Augenlider geschwollen, blau, eine genähte Platzwunde an der Stirn, Blutergüsse an den Armen – Frank Frese erkannte seine Frau kaum wieder. Er hatte sie nach einem Sturz in der Wohnung dem Team eines Rettungswagens anvertraut. Anfang Juni war das. Der zusätzlich alarmierte Notarzt stellte eine Schürfwunde am Hinterkopf fest, die Fahrt ins Krankenhaus verordnete er zur Sicherheit. Die 82-Jährige, Demenz im Anfangsstadium, sollte dort eine Nacht zur Beobachtung bleiben. Es wurden mehrere Tage daraus – am Ende mit einem Schock für Frank Frese, der eigentlich anders heißt, seinen Namen nicht genannt wissen will. Denn was er zu erzählen hat, ist Gegenstand einer laufenden Untersuchung.

Es geht um einen Rückzugsort, einen der letzten vielleicht in dieser Gesellschaft. Um einen Ort der Sicherheit, an dem geholfen und geheilt, aber keine Gewalt erwartet wird. Trotzdem bricht sie dort immer wieder auf. Wie möglicherweise in jener Berliner Klinik, in die Freses Frau Hiltrud eingeliefert wurde. Es passiert in Krankenhäusern, in Heimen und der häuslichen Pflege, ungezählte Male. Gesicherte Statistiken dazu fehlen, das Dunkelfeld ist groß.

Nicht immer sind die Fälle so spektakulär wie der einer 51 Jahre alten Pflegehelferin, die in Potsdam derzeit vor Gericht steht. Sie soll vier behinderte Menschen umgebracht haben. Oft erregen Prozesse nur in den regionalen Medien größere Aufmerksamkeit, in Saarbrücken zum Beispiel, wo sich momentan ein 29-jähriger Krankenpfleger der Uniklinik Homburg verantworten muss, weil er eigenmächtig fünf Patienten gefährliche Medikamente verabreicht haben soll. Unlängst hat die Staatsanwaltschaft Essen Anklage gegen einen Oberarzt des örtlichen Universitätsklinikums erhoben. Er steht im Verdacht, drei schwer an Covid-19 erkrankten Menschen Substanzen gespritzt zu haben, die zum Tod führten. Ein Altenpfleger aus Berlin soll zuletzt das Beatmungsgerät bei einer 83-Jährigen abgestellt haben, auch er landete auf der Anklagebank.

Die Motive unterscheiden sich, ebenso die Formen der Gewalt und die Folgen für die Schutzbefohlenen. Manchmal sind die Täter vor ihrer Tat selbst zum Opfer geworden, wurden beschimpft, gekniffen, sexuell belästigt. Nicht selten spielt Überlastung eine Rolle. Das ist auch der Verdacht, der sich Frank Frese aufdrängt. „Meine Frau hat erzählt: ,Zwei Pflegerinnen sind nicht nett zu mir gewesen.‘ Mehr war aus ihr nicht herauszubringen.“ Er hat die Hämatome fotografiert und die Bilder an die Krankenkasse weitergeleitet. „Die geht der Sache jetzt nach.“

Die Beweisführung dürfte schwierig werden. Die Verantwortlichen der Klinik schließen kategorisch aus, dass Hiltrud Frese während ihres Aufenthalts zu Schaden gekommen sei. „Ich will ja gar nicht von Misshandlung reden, ich will eine plausible Erklärung“, sagt ihr Mann. „Es hieß, sie sei schon mit der Platzwunde am Kopf und den Hämatomen eingeliefert worden. Das kann nicht sein.“

Zum ersten Mal wurde Frese stutzig, als seine Frau länger in der Klinik bleiben sollte. Er rief mehrmals auf der Station an, bat den Oberarzt ans Telefon. „Man sagte mir, es sei Visite, Schichtwechsel, immer die gleichen Auskünfte im Wechsel. Dann kam irgendwann die Info, dass ein Blutwert aufgebaut werden müsse. Das ginge nicht so schnell.“

Den Hinweis, dass er die Patientin im Krankenhaus besuchen könne, trotz Pandemie, einmal pro Tag, negativer Corona-Test vorausgesetzt, erhielt er nur zufällig. Und als Frank Frese auf der Station ankam, traf ihn fast der Schlag: „Beide Augen waren blutunterlaufen, dann die Naht an der Stirn.“ Hinter vorgehaltener Hand, sagt Frese, „hat eine Nachtschwester gemeint, meine Frau könnte geschlagen worden sein“.

Karl Beine kennt solche Fälle. Der emeritierte Professor der Universität Witten-Herdecke forscht seit drei Jahrzehnten intensiv zum Thema Gewalt in der Pflege, veröffentlicht Bücher, sein aktuelles erscheint im Juli, Titel: „Tatort Krankenhaus – ein kaputtes System macht es den Tätern leicht“. Beine spricht von einer Fehlerkultur, die in Deutschland dringend verbessert werden müsse, fordert einen offenen Umgang mit dem Problem. „Die Systemverantwortlichen erklären meist, dass es sich um Einzelfälle handelt, aber das glaube ich nicht“, sagt Beine, „ebenso wenig handelt es sich allerdings um ein Massenphänomen.“

Klinikpersonal: Knapp die Hälfte erlebt verbale Gewalt

In einer Befragung im Auftrag des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) von 2017 unter 250 zufällig ausgewählten Vertretern stationärer Einrichtungen teilten 28 Prozent mit, dass „Gewaltvorkommnisse nicht in einem Fehlerberichtssystem dargestellt werden können“: Aggression durch Worte etwa, Vernachlässigung oder körperliche Übergriffe. 20 Prozent berichteten, dass das Thema Gewalt nicht ausdrücklich zum Qualitätsmanagement ihres Hauses gehöre.

Beine wiederum hat 5000 Pflegekräfte und Mediziner befragt. Die Stichprobe von 2017 ist nicht repräsentativ, ihr Ergebnis aber erhellend: 48,6 Prozent gaben an, dass sie in den zurückliegenden zwölf Monaten verbale Gewalt am Arbeitsplatz erlebt hätten. Rund ein Viertel berichtete von körperlichen Übergriffen. In Beines jüngster Studie vom Herbst 2018 räumten von 2507 teilnehmenden Ärzten 84 ein, in den zurückliegenden 24 Monaten das Leben von Patienten vorsätzlich und aktiv beendet zu haben. Von 2863 Pflegekräften waren es 65.

„Je hilfsbedürftiger die Menschen, desto höher das Risiko, Opfer zu werden“, sagt Beine. „Will sagen: Je weniger sie sich einpassen in die vorgegebenen Funktionsabläufe im Krankenhaus, desto gefährdeter sind sie.“

Frank Frese weiß nicht, ob sich seine Frau einpasste. Er verfügt bestenfalls über Indizien: Nachdem Hiltrud Frese zur Reha in ein benachbartes Krankenhaus überwiesen worden war, rief ihn eines Abends die diensthabende Oberärztin an, sagte, seine Frau habe einen Schreianfall, brülle die Station zusammen, bat Frese zu kommen, zu beruhigen, eine Nacht zu bleiben. Seine Anwesenheit half.

„Wenn sie es mit aufmerksamem Personal zu tun haben, das auch das Krankheitsbild Demenz im Blick behält“, sagt Gabriele Tammen-Parr vom Diakonischen Werk Berlin, „kann es sein, dass sie besser versorgt werden.“ Tammen-Parr hat vor 22 Jahren die Beratungsstelle „Pflege in Not“ ins Leben gerufen, die sich auf die Altenpflege konzentriert. Ihrer Erfahrung nach üben die meisten Beschäftigten der Branche „ihren Beruf mit Liebe und Engagement aus, allerdings sind die Rahmenbedingungen schwierig“.

Es herrscht Fachkräfteschwund in Deutschland. „Wenn eine Person in der Pflege aufhört, bleibt ihr Platz im Schnitt 170 Tage lang unbesetzt, bevor sich eine neue Fachkraft findet.“ Ein permanenter Arbeitsdruck ist die Folge. „Dienst im Dreischichtsystem und am Wochenende, auch schlechte Bezahlung stehen speziellen Anforderungen gegenüber“, sagt die Expertin. „Man muss mit Tod und Trauer umgehen, stressresistent sein, ein gutes Wissen haben über Krankheiten alter Menschen.“

Pflegekräfte erwarten unterbewusst Dankbarkeit

Nicht jede Pflegekraft kommt damit zurecht. „In diesem Beruf wird unterbewusst Dankbarkeit erwartet. Man gibt viel Emotionalität, bekommt manchmal nicht viel zurück. Vielleicht, weil ein Mensch aufgrund einer Demenz nicht genug zurückgeben kann. Vielleicht sieht er die Mühen nicht“, sagt Tammen-Parr. „Wir hören oft: ,In keinen Beruf wird so viel hineingeredet wie in unseren. Egal, was wir machen, nichts ist richtig‘. Vorwürfe, Genörgel, das belastet.“

Karl Beine, der früher als Chefarzt für Psychiatrie und Psychotherapie tätig war, bestätigt diesen Befund. Er hat den Prozess gegen Niels Högel verfolgt. Der Pfleger wurde des Mordes in 85 Fällen für schuldig befunden, die Verurteilung zu lebenslanger Freiheitsstrafe im vorigen September ist rechtskräftig. Bei Högel äußerte sich die Selbstunsicherheit besonders stark. Er hatte zwischen 2000 und 2005 an Kliniken in Delmenhorst und Oldenburg Patienten Medikamente gespritzt, um sich bei einer anschließenden Wiederbelebung als Retter zu präsentieren.

Der Fall Högel ist ein Extremfall, er zeigte allerdings auch den Umgang mit dem Thema. Beine erzählt: „Ich habe während der Verhandlungstage keine einzige Pflegeklasse unter den Zuschauern gesehen, Polizeischüler dagegen schon.“ Gewaltprävention in der Pflege sei kein fester Bestandteil der Ausbildung. Der Umgang zum Beispiel mit „Handlungsbarrieren“, von denen Tammen-Parr spricht: „Was hindert mich daran, kritische Situationen anzusprechen? Habe ich Angst, bei den Kollegen als Petze dazustehen?“ In Schulungen spricht „Pflege in Not“ diese Fragen an. Auch die nach der Furcht vor dem Arbeitgeber, dem strukturellen Druck.

Betreiber von Kliniken und Heimen bangen um ihr Image, wenn in ihren Häusern Schutzbefohlenen Gewalt angetan wird. Schlechter Ruf führt zu weniger Belegung, zu weniger Erlös. „Das ist in privatwirtschaftlich organisierten Kliniken ja die Stellschraube“, sagt Beine: „Mit möglichst wenig Personal möglichst viele Fälle produzieren.“ Nach dieser Logik der Effizienz sind Pflegende Kostenfaktoren.

„Die besonderen Herausforderungen, die ihr Beruf mit sich bringt, werden nicht gemessen“, sagt Beine: „Zuwendung, Empathie, Aufmerksamkeit, der Rundum-Blick – all diese Faktoren sind für die Genesung eines Menschen unabdingbar, werden aber nicht bezahlt.“ Der Professor fordert daher die Abkehr von Fallpauschalen, die manche Leistungen stark fördern wie etwa Gelenkprothetik, andere dagegen nicht. Beine schlägt eine Rückkehr zur Selbstkostendeckung vor, denn: „Die gnadenlose Ökonomisierung des Gesundheitswesens hat die weichen Heilungsfaktoren zerstört.“

Innerer Druck entlädt sich

Die Arbeitsbedingungen seien ein Kernproblem, sagt Beine: „Wenn sie in ein solches System gezwungen werden und entsprechend veranlagt sind, kann es sehr gut sein, dass der Druck von außen irgendwann einen derart großen inneren Druck bei den Pflegenden erzeugt, dass der sich in Gewalttätigkeit entlädt.“

Frank Frese hofft, dass er doch noch erfährt, was wirklich in der Klinik geschehen ist. Immerhin: Seine Frau erholt sich nach der Zeit des Liegens. Sie lernt wieder laufen.