Berlin - Der Applaus auf den Balkonen ist verstummt und die Zahl der beschäftigten Pflegekräfte ist während der Pandemie weiter gesunken. Etwa ein Drittel der Pflegerinnen und Pfleger denken wegen der Arbeitsbedingungen über einen Berufswechsel nach, 21 Krankenhäuser wurden 2020 deutschlandweit geschlossen und in der Altenpflege sinkt die Anzahl offener Stellen in Berlin. Laut Medienberichten ist die Zahl der Beschäftigten in der Pflege zwischen Anfang April und Ende Juli 2020 bundesweit um 9000 gesunken. Dabei handele es sich um bislang unveröffentlichte Zahlen der Bundesagentur für Arbeit, die aus der Antwort auf eine Anfrage der Bundestagsfraktion der Linken hervorgingen.

„Die Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen“, sagt Natalie Sharifzadeh, die Geschäftsführerin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK) Nordost. Im Jahr 2019 gab es ebenfalls einen Rückgang der Beschäftigten in der Pflege. Dieser sei unter anderem auf Stellen zurückzuführen, die durch den Renteneintritt frei geworden waren und nicht neu besetzt wurden. Es gebe außerdem auch Wechsel innerhalb des Gesundheitsbereichs, die Beschäftigten würden dann nicht mehr als Pflegekräfte erfasst. Ob der Rückgang im Jahr 2020 außergewöhnlich und auf die Pandemie zurückzuführen ist, ließe sich deshalb noch nicht sagen.

Mehr als 800 Krankenpfleger in Berlin arbeitslos

Tatsächlich sind im Pandemiejahr auch in Berlin Tausende Beschäftigte in Gesundheits- und Pflegeberufen arbeitslos geworden. Laut Auskunft der Bundesarbeitsagentur waren etwa im Bereich „Medizinische Gesundheitsberufe“ im Dezember 2020 in der Stadt insgesamt 4518 Arbeitslose gemeldet. Das waren über 1200 Arbeitslose mehr als im Dezember des Vorjahres. Allein in der Krankenpflege stiegen die Arbeitslosenzahlen in diesem Zeitraum von 663 auf 858. 

Noch stärker nahm die Arbeitslosigkeit im Bereich „Nichtmedizinische Gesundheitsberufe“ zu. Dort lag die Zahl derer, die im Dezember 2020 ohne Job waren, um 32 Prozent über der des Vorjahres und stieg auf knapp 6000. In der Altenpflege hatten Ende 2020 insgesamt 2482 Personen keine Arbeit – über 500 Altenpflegerinnen und -pfleger mehr als Ende 2019.

Die Zahl der gemeldeten Stellen in der Altenpflege ging laut der Bundesarbeitsagentur in Berlin zurück. Bei der Gewerkschaft Verdi vermutete man zuletzt, dass Jobs vor allem bei ambulanten Pflegediensten gestrichen wurden, weil Familienmitglieder im Homeoffice die häusliche Pflege eines Angehörigen oft selbst übernahmen oder sie den Kontakt der Betreuungsperson mit dem Pflegepersonal vermeiden wollten. Beim Pflegedienst Lebensbaum gab es im letzten Jahr aber beispielsweise mehr freie Stellen. Und Bundesgesundheitsminister Spahn kündigte laut Medienberichten im Sommer 2020 zudem an, durch Zuschüsse 20.000 neue Stellen in der Altenpflege zu schaffen.

Die Datenlage sagt noch nichts über die Gründe für die Kündigungen aus. Neben Pflegekräften, die ihre Arbeit im Jahr 2020 verloren haben, gibt es viele, die den Beruf wechseln wollen. Aus einer Umfrage des DBfK im Dezember 2020 geht hervor, dass 30 Prozent der Pflegenden regelmäßig über einen Berufsausstieg nachdenken. Sie habe durchaus von Pflegekräften gehört, die wegen der gesteigerten Belastung während der Pandemie über einen Austritt aus dem Beruf nachdenken, meint Sharifzadeh.

Pandemie hat die Situation der Pflegekräfte noch verschärft

„Die Bedingungen waren schon vor Corona schlecht und die Pandemie hat die Situation noch verschärft. Für uns ist nichts besser geworden“, sagt Christian Wessel, der als Leasing-Mitarbeiter auf sämtlichen Intensivstationen in Berlin arbeitet und im letzten Jahr überwiegend Covid-19-Patienten gepflegt hat. Die Gründe für die sinkenden Zahlen von Beschäftigten sieht er in der schlechten Vereinbarkeit mit der Familie, dem niedrigen Gehalt trotz hoher Verantwortung und großem Arbeitsaufwand. „Man hat immer mehr Patienten, es ist eine Abarbeitung von Massen. Wie am Fließband“, sagt Wessel. Auf den Balkonen wurde im Frühjahr applaudiert, doch die Wertschätzung sei in Deutschland verglichen mit anderen europäischen Ländern sehr gering.