Wiesbaden - Viele Frauen hegen zunehmend später im Leben einen Kinderwunsch – Tendenz steigend. Möglich ist dies dann oftmals nur noch mit Hilfe der Reproduktionsmedizin, ein für Betroffene bisweilen kräftezehrender Weg. Nun soll ein neues telemedizinisches Programm Frauen und Paare dabei unterstützen.

Entwickelt wurde das „Kinderwunschkonsil“ vom Berufsverband der Frauenärzte (BVF) und dem Bundesverband der Reproduktionsmedizinischen Zentren (BRZ). Es vernetzt über eine digitale Infrastruktur niedergelassene Frauenärzte mit Experten für Reproduktionsmedizin. Via Videosprechstunden und digitale Datenerfassung werden Informationen zu möglichen Erkrankungen, bisherigen Behandlungen oder vorangegangenen Schwangerschaften dokumentiert, wie auch Informationen zum Partner und der medizinischen Familiengeschichte.

Per App können zudem Daten aus einem digitalen Zykluskalender wie Aufwachtemperatur, Zykluslänge und andere für den Kinderwunsch relevante Daten eingespielt und von den Ärzten gemeinsam beurteilt werden. Sie entscheiden dann darüber, ob durch beispielsweise einen veränderten Lebensstil eine spontane Schwangerschaft erzielt werden kann, oder eine umfassende reproduktionsmedizinische Diagnostik notwendig ist.

Gründe für ungewollte Kinderlosigkeit vielfältig

In Deutschland sind laut dem BVF etwa 15 Prozent aller Paare von ungewollter Kinderlosigkeit betroffen. Die Dunkelziffer liege höher. In den meisten Fällen handele es sich um eine vorübergehende Fruchtbarkeitsstörung. Es gilt: Wenn nach zwölf Monaten mit regelmäßigem ungeschützten Geschlechtsverkehr keine Empfängnis stattgefunden hat, leidet ein Paar nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) an einer „sterilen Partnerschaft“. Die monatliche Fruchtbarkeitsrate beträgt nach Angaben des Berufsverbands bei Frauen im Alter von 20 bis 30 Jahren 25 Prozent, bei Frauen im Alter über 35 Jahren weniger als zehn Prozent.

„Frauenärzte im Netz“ unterscheidet dabei zwischen Paaren, die überhaupt nicht schwanger werden (primäre Sterilität oder Unfruchtbarkeit), und solchen, die zum Beispiel schon ein gesundes Kind auf die Welt gebracht haben, aber nicht in der Lage sind, ein zweites Mal schwanger zu werden (sekundäre Sterilität). Außerdem gibt es Paare, die zwar schwanger werden, aber das Kind immer wieder durch Fehlgeburten verlieren (Infertilität).

Die Gründe für eine ungewollte Kinderlosigkeit sind vielfältig. Laut dem „Informationsportal-Kinderwunsch“ liege bei 30 bis 40 Prozent der Paare eine biologische Störung bei einem der Partner vor. In 20 Prozent der Fälle seien beide Partner nur bedingt fruchtbar. Auch psychologische Hemmnisse werden beim Thema Fruchtbarkeit angeführt. 

Experten schätzen, dass in Deutschland jährlich etwa 110.000 Kinderwunsch-Behandlungszyklen durchgeführt werden. Der Beratungsbedarf wird vom BRZ auf etwa 500.000 Frauen/Paare pro Jahr geschätzt. Neben der psychischen Belastung erschweren oft weite Anfahrtswege zu den Experten und Kliniken die Behandlung, welche durch Unterstützung wegfallen könnten. Erstattet wird die virtuelle Behandlung bereits von 43 Betriebskrankenkassen als Satzungsleistung, weitere Krankenkassen sollen folgen.