Hilft eine Blutwäsche bei Long Covid? Was man weiß – und was nicht

Eckart von Hirschhausen warb in der ARD für die Blutreinigung als Therapie und wurde dafür scharf kritisiert. Zu Recht?

Eckart von Hirschhausen (r.) lernt während der Blutwäsche die schwer von Long Covid betroffene Miriam aus der Schweiz kennen. Szene aus der ARD-Sendung „Die Pandemie der Unbehandelten“.
Eckart von Hirschhausen (r.) lernt während der Blutwäsche die schwer von Long Covid betroffene Miriam aus der Schweiz kennen. Szene aus der ARD-Sendung „Die Pandemie der Unbehandelten“.WDR

Eckart von Hirschhausen hat sein Blut waschen lassen. Für einen Film in der ARD, um den seit der Ausstrahlung gestritten wird, unter anderem wegen genau dieser Szene. Warum lässt der Arzt und Fernsehstar sein Blut von einer Maschine reinigen wie sonst nur Schwerkranke?

Menschen mit Nierenschäden oder schweren Probleme im Fettstoffwechsel etwa. Hirschhausen, der auch vor der Blutwäsche gesund und munter wirkte, wollte in seinem Film darauf aufmerksam machen, dass die Behandlung, medizinisch Apherese genannt, auch eine große Hoffnung für Menschen ist, die an einer neuen, oft sehr schwer verlaufenden, aber noch nicht gut erforschten Krankheit leiden: Long Covid. Oft ist die Apherese sogar ihre einzige Hoffnung –denn es gibt kaum Behandlungsmöglichkeiten.

Allerdings ist auch die Apherese offiziell nicht zur Behandlung von Long Covid zugelassen, Krankenkassen übernehmen die Kosten (mehrere Tausend Euro pro Sitzung) nicht. Es gibt bisher keine wissenschaftliche Evidenz für ihre Wirksamkeit. Das sagte Eckart von Hirschhausen im Film selbst. Aber er zeigte auch Long-Covid-Patienten, denen es nach einer Apherese so viel besser ging, dass es fast wie ein Wunder schien. Wieso zeigte er nicht auch Patienten, die viel Geld in eine Blutwäsche investierten und denen die Behandlung nicht half? So lautete eine Kritik an der Sendung.

Vielleicht helfen der Film, der zur besten Sendezeit lief, und der Streit um den Film. Ob die Apherese bei Long Covid wirklich etwas bringt, welche Patienten profitieren könnten, ob die Linderung der Symptome von Dauer ist: Alle diese Fragen müssen dringend wissenschaftlich geklärt werden.

Ein Überblick über das, was man bisher weiß – und was nicht:

Was versteht man unter Apherese?

Mit diesem Begriff bezeichnet man verschiedene Behandlungen, bei denen bestimmte Bestandteile aus dem Blut von Patienten entfernt werden. Das Blut wird aus dem Körper geleitet, behandelt und danach dem Körper wieder zugeführt. Ähnlich wie bei einer Dialyse: Die Maschine übernimmt bei Menschen, deren Nierenfunktion eingeschränkt ist, regelmäßig die Rolle dieses Organs.

Bei der Plasmapherese wird das Plasma von den anderen Bestandteilen des Bluts getrennt, bei der Lipidapherese werden LDL-Cholesterin oder andere Blutfette entfernt. Umgangssprachlich spricht man von Blutwäsche oder Blutreinigung.

Bei welchen Krankheiten wird die Blutreinigung bereits eingesetzt?

Bei schweren Fettstoffwechselstörungen wird das Blut mithilfe der Lipidapherese ein- bis zweimal im Monat von Protein-Cholesterin-Komplexen befreit. Auch neurologische Erkrankungen können mit Blutwäschen behandelt werden, so kann etwa ein Plasmaaustausch bei Schüben von Multipler Sklerose eingesetzt werden.

Warum könnte die Methode auch bei Long Covid helfen?

Bei Autoimmunkrankheiten gibt es Antikörper, die sich nicht gegen Krankheitserreger, sondern gegen Zellen im eigenen Körper richten – sogenannte Autoantikörper. Mit einer Blutwäsche kann man auch Autoantikörper entfernen, man spricht dann von Immunadsorption. Bei schweren Autoimmunerkrankungen kann man vielen Patienten auf diese Weise helfen.

Eckart von Hirschhausen (r.) lässt nach seiner Corona-Infektion sein Blut untersuchen. In seinem Blut sind kleine Gerinnsel nachweisbar.
Eckart von Hirschhausen (r.) lässt nach seiner Corona-Infektion sein Blut untersuchen. In seinem Blut sind kleine Gerinnsel nachweisbar.WDR

Bei einem Teil der Long-Covid-Patienten lassen sich ebenfalls Autoantikörper nachweisen. Bei ihnen könnte eine Immunadsorption eventuell ebenfalls helfen: „In schweren Fällen von Long-/Post-COVID kann ... als Ultima Ratio eine Plasmapherese oder Immunadsorption erwogen werden.“ Das schreibt die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie (Nierenheilkunde) in einer Stellungnahme aus dem Juni.

Noch immer ist aber nicht klar, warum Menschen nach einer Corona-Infektion wochen- oder monatelang nicht wieder gesund werden, mitunter sogar schwerere Symptome entwickeln als in der akuten Phase. Long-Covid-Patienten berichten von bleierner Erschöpfung, medizinisch Fatigue genannt, von Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen, Herzproblemen und vielem mehr. Manche können kaum das Bett verlassen, viele nicht arbeiten. Ähnliche Symptome treten in sehr seltenen Fällen auch nach einer Corona-Impfung auf, man spricht vom Post-Vac-Syndrom.

Gibt es schon Studien zur Blutwäsche bei Long Covid?

Ob eine Behandlungsmethode wirklich wirkt, kann man nur mit Studien nachweisen, bei denen ein Teil der Teilnehmer eine Scheinbehandlung, ein sogenanntes Placebo, erhält. Nach Zufallsprinzip wird entschieden, wer in welche Gruppe kommt, die Teilnehmer dürfen nicht erfahren, in welcher sie gelandet sind. Das nennt man „randomisierte kontrollierte Studien“.

Ob die Apherese gegen Long Covid hilft, wurde noch nicht mit einer solchen Studie untersucht. Es wäre möglich, aber aufwändig, einem Teil der Patienten müsste eine Blutwäsche vorgetäuscht werden.

Bisher haben Mediziner nur die Behandlungen einzelner Patienten beschrieben; in der Studiendatenbank PubMed findet man bisher überhaupt nur fünf Veröffentlichungen zur Apherese bei Long Covid.

Was weiß man aus medizinischen Fallberichten?

Ein Fallbericht aus San Francisco beschreibt die Behandlung eines 68-jährigen Mannes im Jahr 2020, der zwei Monate nach seiner Corona-Infektion unter schweren Long-Covid-Symptomen litt und dem es nach einer Plasmapherese viel besser ging.

2021 berichteten Forscher um Stefan Bornstein vom Universitätsklinikum Dresden von drei Patienten, eine winzige Fallserie, die unter Long Covid litten und denen Autoantikörper entfernt wurden. Den Patienten sei es danach besser gegangen, so die Forscher.

Kürzlich haben die Forscher um Bornstein zusammengefasst, was man anderthalb Jahre später über die Wirksamkeit der Methode weiß. Ihr Artikel „Long Covid und Apherese – Wo stehen wir?“ erschien im Fachmagazin Hormone and Metabolic Research.

Ihre Bilanz: Die Forschung ist kaum weitergekommen. Long-Covid-Patienten seien in Deutschland zwar mit verschiedenen Formen der Apherese behandelt worden. Die Methoden unterschieden sich aber so sehr, dass die Ergebnisse kaum zu vergleichen seien. Der Zustand mancher Patienten habe sich kurzfristig zwar verbessert, die Besserung aber oft nur Wochen angehalten.

Die Forscher erwähnen eine Serie von Fällen aus der Stadt Cham, in der Nähe von Regensburg. Dort seien 1111 Patienten behandelt worden, die an ME/CFS litten. Es handelt sich um eine schwere Erkrankung, deren Symptome (anhaltende, schwerste Erschöpfung, kognitive Störungen etc.) häufig mit denen von Long Covid verglichen werden, wobei bei ME/CFS eine oftmals schwere Belastungsintoleranz Kernsymptom ist. Einige der Patienten in Cham waren nach einer Corona-Infektion erkrankt. Die Apherese habe Autoantikörper aus ihrem Blut entfernt, heißt es. Zusätzlich zu den Blutwäschen seien die Patienten mit hochdosiertem Vitamin C und Steroiden behandelt worden, entzündungshemmenden Medikamenten. 56 Prozent der Patienten ging es nach der zweiten Apherese bedeutend besser, ihre Symptome verschwanden zum Teil ganz; nach sechs Monaten berichteten sogar schon 74 Prozent über eine Verbesserung.

Das klingt hoffnungsvoll – aber es handelte sich überwiegend nicht um Long-Covid-Patienten, es gab keine Kontrollgruppe mit Probanden, die eine Placebo-Behandlung bekamen, und man erfährt nicht, wie es den Menschen mehr als sechs Monate nach der Behandlung ging.

Was fordern Experten?

Sie dringen auf mehr Forschung. Die vielversprechenden Fallberichte sollten Anlass genug geben, die Methode in groß angelegten Studien zu untersuchen. Die Ärztin Carmen Scheibenbogen, Leiterin der Immundefekt-Ambulanz der Charité, gilt in Deutschland als eine der führenden Expertinnen auf dem schwierigen Feld Long Covid und kam auch im Film von Eckart von Hirschhausen zu Wort. Sie sagte gegenüber dem Portal Medwatch: „Es gibt viele Patienten, aber keine Therapie. Die Menschen werden damit alleingelassen. Eigentlich ist es doch ganz einfach: Wenn die Evidenz fehlt, müssen wir für Evidenz sorgen.“

Die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie fordert schon seit dem Sommer „randomisierte, kontrollierte Studien über den Nutzen einer Apheresetherapie“ bei Long Covid. „Bevor keine wissenschaftliche Datenlage den Benefit gezeigt hat, kann keine generelle Empfehlung für diese Therapie ausgesprochen werden.“ Die Gesellschaft dringt darauf, Behandlungen, die von Ärzten versucht werden, mindestens in einem Register zu erfassen, um die Daten vergleichen zu können.