Greifswald - Wissenschaftler der Universitätsmedizin Greifswald (UMG) haben nach eigenen Angaben die mögliche Ursache für das Auftreten seltener Thrombosen nach der Impfung mit dem Corona-Vakzin von Astrazeneca gefunden. Bei einigen wenigen Menschen löse der Impfstoff eine Immunabwehr des Körpers aus, sagen sie.

Andreas Greinacher, dem Leiter der UMG-Abteilung Transfusionsmedizin, zufolge könnten in seltenen Einzelfällen die Blutplättchen aktiviert werden, was wiederum zu den schwerwiegenden Hirnvenenthrombosen mit Blutplättchenmangel führen könnte, hieß es am Freitag von der UMG. Normalerweise dient der Mechanismus im Körper der Wundheilung, um offene Wunden zu verschließen.

„Wir vermuten, dass Abwehrstoffe des Körpers nicht nur die Thrombozyten, sondern wahrscheinlich auch die weißen Blutkörperchen und die Gefäßwände aktivieren“, sagte Greinacher bei einer digitalen Pressekonferenz. „Wenn im Blut sehr viele Zellen aktiviert werden, dann ist das Risiko für Thrombosen deutlich erhöht.“ Allerdings gehe man davon aus, dass solche Fälle nur sehr selten nach einer Impfung auftreten.

Thrombose – Gefährliche Blutgerinnsel

Bei einer Thrombose bildet sich ein Blutgerinnsel in einem Blutgefäß oder im Herzen. Dadurch wird der Blutfluss behindert. Oftmals sind dabei die Beinvenen betroffen.

Risikofaktoren sind beispielsweise eine vorangegangene Operation. Aber auch Entzündungen, Krampfadern und Nierenleiden können die Gefahr erhöhen. Auch einige Medikamente weisen ein höheres Thrombose-Risiko auf. Allgemein bekannt ist dies von der Antibaby-Pille.

Symptome: Verschließt ein Blutgerinnsel eine Beinvene, kann sich das beim Aufstehen durch einen stechenden Schmerz in der Wade äußern. Weitere Anzeichen können eine Schwellung und bläuliche Verfärbung der Haut sein. Diese Symptome müssen nicht gemeinsam auftreten, schon bei einem davon sollte man einen Arzt aufsuchen. Eine rasche Diagnose und Behandlung sind wichtig. Denn vor allem bei einer tiefen Beinvenenthrombose besteht das Risiko einer Lungenembolie.

Über eine ähnliche Vermutung hatten am Donnerstag bereits Forscher in Norwegen berichtet: Pal Andre Holme vom Universitätsklinikum Oslo hatte ebenfalls gesagt, er vermute, dass die Bildung der Gerinnsel über eine starke Immunantwort und dabei entstehende Antikörper laufen könnte, die an die Blutplättchen andocken und diese aktivieren. Experten betonen, dass solche Ideen zum möglichen Ablauf bisher rein spekulativ sind.

„Wir meinen, dass wir einen Zusammenhang nachweisen können zwischen dem Vorliegen dieser Antikörper und dem Auftreten der Thrombosen“, sagte Greinacher. Ob die Reaktion auf den Impfstoff selbst oder den Vektor – also die Verpackung des Wirkstoffes – zurückgehe oder es sich um eine allgemeine Entzündungsreaktion als Immunantwort auf die Impfung handele, müsse noch untersucht werden. 

Direkt nach dem Impfstopp mit dem Mittel von Astrazeneca haben sich die Wissenschaftler aus Greifswald an das Paul-Ehrlich-Institut gewandt und um Blutproben gebeten, wie die Ärzte am Freitag mitteilten. Ihnen wurden daraufhin Proben von sieben Thrombosepatienten für Untersuchungen zur Verfügung gestellt.

Gezielte Behandlungsmöglichkeiten

Um die auslösende Ursache der Thrombosen nach der Impfung nachweisen zu können, haben die Forscher ein spezielles Testverfahren entwickelt. Hierfür wichtige Untersuchungen sind einer Stellungnahme der Gesellschaft für Thrombose-und Hämostaseforschung zufolge die Bestimmung der Thrombozytenzahl durch ein Blutbild und eventuell ein MRT. Dadurch könnten Betroffene klar identifiziert werden. „Allerdings macht dieses Testverfahren erst in der zweiten Woche nach der Impfung Sinn, wenn die klinischen Probleme aufgetreten sind. Wir können kein Risiko vor der Impfung ermitteln“, sagte Greinacher.

Die Entdeckung der Ursache ermögliche gezielte Behandlungsmöglichkeiten. „Wir haben eine Therapieoption gefunden haben, mit der der zugrundeliegende Mechanismus bei den Betroffenen umgehend abgestellt werden kann“, so Greinacher. Den Patienten können bereits bekannte Medikamente gegen Thrombosen verabreicht werden. Dazu zählen gerinnungshemmende Mittel, die in allen Krankenhäusern zur Verfügung stehen.

Diejenigen, die den Covid-19-Impfstoff von Astrazeneca erhalten haben und sich nach der Impfung zunehmend unwohl fühlen – zum Beispiel mit starken und anhaltenden Kopfschmerzen oder punktförmigen Hautblutungen –, sollten sich laut Paul-Ehrlich-Institut unverzüglich in ärztliche Behandlung begeben. „Dabei ist ganz wichtig: Viele Geimpfte entwickeln in den ersten zwei, drei Tagen unangenehme Symptome. Die sind völlig unerheblich. Diese schweren Komplikationen und diese Abwehrmechanismen, die zu Thrombosen führen können, treten erst nach Tag vier, wahrscheinlich erst ab Tag fünf auf“, sagte Greinacher. Wenn man bis 14 Tage nach der Impfung keine der genannten Symptome bemerke, dann bestehe keine Gefahr mehr.

Fälle von Hirnvenenthrombosen mit Blutplättchenmangel in zeitlichem Zusammenhang mit einer Impfung hatten zum zeitweisen Stopp der Astrazeneca-Impfungen geführt. Hinweise darauf, dass die Impfungen tatsächlich die Vorfälle verursachten, hat die Europäische Arzneimittelbehörde EMA nicht gefunden. Sie bekräftigte am Donnerstag die Sicherheit des Impfstoffs. Dieser soll nun mit der Warnung versehen werden, dass er in möglichen seltenen Fällen Hirnvenenthrombosen bei Frauen unter 55 Jahren verursachen könnte. (mit dpa)