Zuhause ist nicht immer nur schön. 
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BerlinSeit rund vier Wochen sind die Deutschen in der Isolation. Viele Familien dürften noch nie derzeit so viel Zeit miteinander verbracht haben, und das nicht unter den Bedingungen von Urlaub und Freizeit, sondern unter der Belastung von Homeoffice, Kinderbetreuung und Unterricht geben. „Die aktuelle Situation erzeugt einerseits Stress und kann dadurch dazu führen, dass die kritische Schwelle, ab der Symptome psychischer Erkrankungen auftreten, überschritten wird", schreibt die Psychologin und Psychotherapeutin Nicole Joisten von der International School of Management in einem Beitrag für das Internetportal Informationsdienst Wissenschaft (idw).  „Andererseits fehlen uns mitunter wichtige Ressourcen wie Hobbys oder soziale Beziehungen, um unsere Widerstandskraft zu steigern."

„Durch den Ausbruch einer Pandemie werden insbesondere Krankheitsängste angesprochen und damit verstärkt oder ausgelöst", so Joisten. "Weil wir den Eindruck haben, die Welt sei aus den Fugen geraten, werden auch Zwänge besonders verstärkt. Wenn ich mir zum Beispiel nur oft und gründlich genug die Hände wasche, glaube ich, das Ansteckungsrisiko kontrollieren zu können. Hinter zwanghaftem Verhalten steht der Versuch, wenigstens einen Teil der eigenen kleinen Welt kontrollieren zu können, wenn schon alles andere im Umbruch ist." In der aktuellen Situation sei es schwer, den Übergang von normalem zu pathologischem Verhalten zu definieren.  „Starke Emotionen, Ängste, sich anzustecken oder seinen Arbeitsplatz zu verlieren, aber auch Gefühle von Niedergeschlagenheit, Hilflosigkeit oder Wut sind in einer solch außergewöhnlichen Situation zunächst einmal völlig normal."

Wichtig sei es, sich darüber bewusst zu sein und die eigenen Ängste nicht zu verdrängen.  Joisten empfiehlt, sich an bewährten Bewältigungsstrategien zu orientieren, wie Ablenkung; das kann für den einen eine spannende Serie, für den anderen ein größeres Projekt oder das Gespräch mit Freunden sein. Neben einem reellen Optimismus führen auch Humor, Akzeptanz, Disziplin und Selbstwirksamkeit zu mehr Stresskompetenz. Ebenso kann das Niederschreiben des Erlebten und der eigenen Gedanken der Stressverarbeitung dienen. Keine geeignete Strategie dagegen ist der Versuch, die Emotionen mit dem Konsum von Tabak, Alkohol, Drogen oder übermäßigem Medikamentengebrauch zu regulieren.

Auch für Depressionen bildet die aktuelle Situation einen Nährboden. Vorbeugend helfen hier eine klare Tagesstruktur, der Aufbau angenehmer Aktivitäten und die Ausweitung oder Reaktivierung des sozialen Netzwerks. „Konkret kann das heißen, zeitig aufzustehen, auch wenn man nicht muss, den Tag zu planen, körperlich aktiv zu bleiben und Dinge zu tun, die man vielleicht schon lange tun wollte", erklärt Joisten.

Neben den belastenden Auswirkungen lassen sich aber auch positive Effekte in der Krise feststellen. Für einige wirkten die fehlenden fremdbestimmten Termine, ausbleibende Fahrzeiten und die Zeit mit der Familie entschleunigend. Außerdem habe  sich ein gesellschaftliches Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt.