Nicole Staudinger ist nicht allein, als ich sie bei Eden-Books zum Gespräch treffe. Neben ihr in dem kleinen Verlag in der Rosa-Luxemburg-Straße sitzt ihr Mann, die beiden haben während ihrer Lesereise wenig Zeit füreinander und nutzen jede Stunde. Leserinnen ihres ersten Buchs ist er unter dem Kosenamen„Hase“ bekannt.

Das Buch heißt „Brüste umständehalber abzugeben“, Staudinger erzählt darin von ihrem Brustkrebs „Karl-Arsch“ und der langen, schweren Zeit ihrer Genesung. Entdeckt wurde der Tumor an ihrem 32. Geburtstag – und kurz nachdem sie ihre erfolgreiche Karriere als Vertrieblerin beendet und eine neue begonnen hatte: Als Schlagfertigkeitstrainerin.

Kann man die fortführen, mit Humor, ansteckender Kraft und guter Laune, nach Monaten voller Schmerzen, Chemotherapie und ohne Haare? Man kann. Die Kölnerin sprüht vor Energie und Lebenslust – und „Hase“ versucht so zu tun, als er wäre er nicht da. Es gelingt nicht ganz. Immer wieder muss auch er lachen.

Frau Staudinger, eigentlich wollte ich Sie so begrüßen: Auf den Fotos sehen Sie aber viel jünger aus..

Hätten Sie das mal gemacht! Das wäre mega gewesen. Mega! Ich hätte gesagt: Sie haben vollkommen recht.

Schließlich ist Ihr Thema Schlagfertigkeit. Meine lässt übrigens zu wünschen übrig. In Ihrem Buch gibt es Tests – Unverschämtheiten, auf die man binnen drei Sekunden eine gute Antwort finden soll. Ich habe für alle länger gebraucht. Fehlt mir Übung oder bin ich zu anspruchsvoll?

Ich vermute bei einer Frau grundsätzlich letzteres. Es muss ja nicht jedes Mal Kafka rauskommen. Auch ich kontere nicht immer intelligent, häufig sogar sehr flach. Wichtig ist, dass überhaupt etwas rauskommt

Gibt es nicht genug Bücher zum Thema sicheres Auftreten?

Das weiß ich nicht. Ich habe keine Konkurrenzanalyse gemacht. Nur mal geguckt, was es so gibt – und das hat mir nicht gefallen. Außerdem: Es gab auch viele Bücher über Brustkrebs und trotzdem habe ich eines geschrieben. Denn es gab noch keins von mir.

Mein Lieblingskapitel ist das über das Freundlichsein. Sie schreiben, dass man oft Komplimente machen soll. Was hat das mit Schlagfertigkeit zu tun?

Ein Beispiel: Ich könnte Ihnen jetzt sagen, dass Ihre Bluse hervorragend zu Ihren Augen passt. Also, wirklich fantastisch!

Danke...

Sie freuen sich! Und Sie gehen gleich einen Tacken froher auf die Straße, weil Sie wissen, dass Sie schöne Augen haben und Ihre Bluse sie betont. Und ich freue mich, wenn Sie sich freuen. Unser beider Tag wird dadurch besser, und wenn unser Tag gut beginnt, sind wir mutiger. Und wenn wir mutiger sind, sind wir schlagfertiger.

Komplimente machen stärkt also das Selbstbewusstsein.

Ja! Und es trainiert die Fähigkeit, sie anzunehmen. Viel zu oft fragen wir uns ja erst einmal: Wieso sagt diese fremde Frau das jetzt? Das liegt daran, dass wir schon zu viele falsche Komplimente gehört haben. Machen Sie also selber echte Komplimente. Üben Sie.

Eigentlich wissen wir doch alle, dass es uns besser geht, wenn wir freundlich sind. Warum werden trotzdem so viele blöde Sprüche geklopft?

Tja. Das weiß ich nicht. Konkurrenzgehabe. Neid. Unsicherheit. Wir Frauen bekommen ja ständig von allen Seiten gesagt, wie wir zu sein haben und vergessen darüber, wie wir sein wollen. Uns wird das Bauchgefühl abtrainiert.

Und bei den Männern ist das anders?

Die sticheln auch, aber offensiver und finden das cool. Dann schlagen sie sich ab und gehen nach der Arbeit ein Bier trinken. Während wir grübeln und die betreffende Kollegin zwei Tage später fragen: Sag mal, wie hast Du das denn gemeint vorgestern? Da könnten wir uns bei den Männern einiges abgucken. Die hören nur das, was sie hören wollen. Macht das Leben einfacher.

Einfältig nennen Sie das in Ihrem Buch. Die männliche Einfältigkeit ist da eine Qualität. Auch Schüchternheit kann eine sein, wenn man Sie als Zurückhaltung bezeichnet. Wie viel hat Selbstbewusstsein mit Begriffen zu tun?

Sehr viel. Man muss vermeintliche Schwächen so lange drehen, bis sie im richtigen Licht stehen. Beispiel aus dem Buch: Ich bin ganz schlecht im Bodenturnen. Aber ich kann supergut die Matten wegräumen... (Gelächter, dann wird sie plötzlich sehr ernst). Das habe ich während meiner Krebserkrankung perfektionieren müssen. Wenn Sie keine Haare, keine Wimpern und keine Augenbrauen mehr haben, müssen Sie sehr lange drehen, bis das Licht wieder stimmt.

Was haben Sie sich gesagt?

Ich stand so lange vor dem Spiegel bis ich sah: Deine Zähne sind richtig schön. Und lustig bist Du auch. Es gibt Eigenschaften, die klaut einem der Krebs nicht. Man muss aber länger drehen.

Aber Schlagfertigkeit im strengen Sinne brauchten Sie doch hoffentlich nicht? Man kriegt doch keinen Spruch wegen seines Aussehens gedrückt, wenn...

...wenn man eine Chemotherapie durchmacht? Das wäre schön gewesen. Eine Mutter in der Schule meines Sohnes fragte mich aus heiterem Himmel: Sag mal, machst Du etwa immer noch Chemo? Boah, dann warst Du aber krass befallen!

Nein!

Hat die gesagt. Und mir ist tatsächlich nichts eingefallen. Ich war zu getroffen. Aber ich habe sie aussortiert, es gibt keinen Kontakt mehr.

So was hatte ich nicht für möglich gehalten. Zickenkrieg, blöde Sprüche von Passanten, dumme Anmache – ist mir alles bekannt. Aber niemand in meinem Umfeld, der jemanden so anlabert, der offensichtlich krank ist.

Das spricht für Sie und Ihr Umfeld. Aber wissen Sie: Wir können die anderen ja nicht ändern. Ich müsste ja die Mutter dieser Mutter anrufen und fragen, was da schief gelaufen ist. Und dafür habe ich keine Zeit.

Apropos keine Zeit. Ein schöner Satz in dem Buch lautet: Für Perfektion hatte und habe ich keine Zeit. hatten Sie diese Einstellung auch schon vor Ihrer Erkrankung?

Die war auch vorher schon da, aber ich habe das ausgebaut. Zum Beispiel finden bei uns seit meiner Genesung ziemlich viele Partys statt. Früher hätte ich immer vorher geputzt. Heute denke ich: Die Leute, die der Staub stört, die lade ich gar nicht erst ein. Das spart unglaublich viel Zeit – und sondiert den Freundeskreis. Es kommen nur die, zwischen denen man sein kann, wie man ist.

Nicht nur aus dem Buch können wir von Ihnen lernen. Sie geben auch Seminare. Was unterscheidet ihre von anderen Kursen dieser Art?

Es ist kein Seminar, fangen wir mal damit an.

So wie Ihr Ratgeber kein Ratgeber ist.

Genau. Nennen wir beides lieber Unterhaltung mit Lerneffekt. Ich mache keine Power-Point-Präsentation und sage: Bitte sprecht mir nach. Nein, die Frauen kommen, schlagen steif die Beine übereinander und hängen ihr Täschchen artig an den Stuhl. Spätestens nach fünf Minuten sitzen alle so (flezt sich breitbeinig hin). In dieser Stimmung brauche ich die Frauen. Sie kommt auf, wenn Frauen unter Frauen sind. Es entsteht Magie. Nach einer Stunde Rollenspielen kichern alle und schenken sich Szenenapplaus.  Ich sage es nochmal, weil es mir wichtig ist: Aus einer angeblich schüchternen Frau muss keine Alleinunterhalterin werden. Aber sie soll sich für Ihre zurückhaltende Art auf die Schulter klopfen. Das möchte ich erreichen.

Wer kommt in Ihre Nicht-Seminare?

Fast nur Akademikerinnen. Man kann sagen: Je höher der Bildungsabschluss, desto schweigsamer ist die Frau. Wie kann das sein? Wie kann eine Astrophysikerin vor mir sitzen und den Mund nicht aufkriegen? Das finde ich sehr traurig.

Und wie viele Frauen kommen da zusammen?

50. 100. 1000. Irgendwann möchte ich in die Köln-Arena. Und das schaffe ich auch.

Wenn einem keine schlagfertige Antwort einfällt, empfehlen sie Zwei-Silben-Konter.

„Husch-husch“, oder „Potzblitz“. Reicht das wirklich, um sich besser zu fühlen?

Ja. Sie verwirren damit. Und gewinnen Zeit. Wir Frauen neigen dazu, den Fehler immer bei uns zu suchen. Dabei ist der blöde Spruch der Fehler. Mit zwei Silben können sie ihn erst einmal von sich weghalten. Sie dürfen dann gerne noch bei sich suchen. Aber bitte nicht in diesen wertvollen drei Sekunden. Sondern abends zu Hause.

Welche ist Ihre liebste Zweisilben-Antwort?

Eine die nicht im Buch steht. Die kam mal bei einem Seminar. Eine Teilnehmerin schlug vor auf eine Unverschämtheit der Schwiegermutter zu antworten: „Stirb jetzt.“ Glauben Sie mir, 300 Frauen lachten sich kaputt, eine hat Pipi auf den Stuhl gemacht vor Lachen. Später, bei den Übungen, stellten wir fest, dass „Stirb jetzt“ in 90 Prozent der Fälle sehr gut passt.

In Ihrem Werbefilm sind Boxhandschuhe zu sehen...

Ja, vor den Rollenspielen bekommt eine Teilnehmerin Handschuhe und ich ziehe auch welche an. Dann boxen wir, um zu sehen, was das „Schlagen“ im Wort „Schlagfertigkeit“ eigentlich bedeutet. Zum Beispiel, wie wichtig die Körperhaltung ist.

Hier mögen Sie das Wort Schlagen. Das Wort Ratgeber hingegen meiden Sie, weil Sie sagen: Ein Ratschlag ist auch ein Schlag.

Richtig. Aber Schlagfertigkeit hat nun mal was mit Sich-Wehren zu tun. Ich bin ein friedfertiger Mensch und ein großer Fan von Charme. Worte unter die Gürtellinie und Kanonen auf Spatzen lehne ich ab. Aber ich bin eben auch kein Fan davon, sprachlos zurückzubleiben.

Und wie man das besser hinkriegt, dafür erteilen Sie Ratschläge.

Sie werden von mir nie einen Ratschlag hören! Ich meine: Was haben Sie davon, wenn ich Ihnen sage: Sie sehen hübsch aus, aber ich hätte eine Idee, wie Sie Ihr Haar noch besser richten könnten? Das ist doch kacke. Deswegen erzähle ich in meinem Buch diese kleinen Geschichten, erzähle, wie es bei mir war.

Die Geschichten sind voller Klischees. Schwiegermütter, arrogante Kolleginnen, Frisuren, Einparken... Warum mögen Sie Klischees?

Sie sind schön deutlich. Und sie wären ja keine Klischees, wenn sie nicht sehr oft stimmen würden. Nichts gegen Schwiegermütter, aber ich habe meine seit 10 Jahren nicht gesehen. Außerdem sind Klischees unterhaltsam.

Das Buch ist in der Tat sehr unterhaltsam. Aber auch ernst an manchen Stellen.

Es ist gruselig, wie sehr die Erkrankung dem Thema nochmal Tiefgang gegeben hat. Ich wünschte das wäre nicht so.

Was spricht gegen Tiefgang?

Nichts. Aber es spricht ganz viel gegen Krebs. Und das Buch wäre anders geworden ohne die Erkrankung. Es wäre leichter geworden. Einige Kapitel hätte es gar nicht gegeben. Ich bin dankbar, für den Erfolg des ersten Buches, und dass das zweite so geworden ist wie es ist. Aber ich möchte dem Krebs nicht dankbar sein. Ich möchte nicht denken: Diesen Weg musste ich gehen, um das alles zu erreichen.

Werden Sie noch mehr Bücher schreiben?

Wir Frauen sind so gebildet wie niemals in der Geschichte. Wir können alles werden – und bewerben uns beim „Bachelor“. Das ist jetzt wieder ein Klischee, ich weiß. Aber: Solange auch nur eine Frau den Wunsch hat, Bachelorette zu werden und nicht zum Mond zu fliegen, schreibe ich solche Bücher.