Zeug, Ballast, Krempel, Nippes, Schnickschnack, Gedöns, Kruscht: Schon bei den Worten für das Überflüssige gibt es einen gewissen Überfluss. Im Englischen sagt man dazu Cluster – Klumpen –, und das trifft den Zustand wahrscheinlich am besten. Wie Haare im Abfluss ballen sich die Dinge im Laufe der Zeit in unseren Wohnungen zusammen. Sie verstopfen die Schränke, verstellen die Ecken und kommen erst dann wieder komplett ans Licht, wenn ein Umzug vor der Tür steht oder ein alter Mensch ins Heim muss.

Etwa 10.000 Dinge besitzt jeder Mensch. Und das sind nur die großen, zählbaren Dinge, nicht die Bügelperlen der Tochter oder die Schublade voll mit noch eingeschweißten Essstäbchen vom Asia-Imbiss, die man nicht wegwerfen wollte, weil man sie ja noch brauchen könnte. Nur etwa fünf Prozent unserer Besitztümer benutzen wir regelmäßig. Das wären 500 Dinge.

Um die dazwischen liegenden 9500 Dinge kümmert sich Rita Schilke. Die Berlinerin hat sich vor fünf Jahren als Aufräum-Coach selbstständig gemacht und hat so viele Aufträge, dass sie von dem Geschäft mit dem Überfluss leben kann. Rita Schilke hilft tatkräftig mit, wenn es darum geht, das Nötige vom Überflüssigen zu trennen. Aber vor allem redet sie: „80 Prozent sind Psychologie.“

Ausmisten heißt auch Abschiednehmen

Gebucht wird die Aufräumerin von Menschen aller Alters- und Berufsgruppen. Sie arbeitet mit Teenagern, die sich von ihren Eltern nichts sagen lassen wollen, schon gar nicht, wie sie ihr Zimmer aufräumen sollen. Sie räumt Schreibtische von Kreativen auf und die Wohnung eines Rentners, der nach dem Tod seiner Frau nicht wusste, wie er den Haushalt in den Griff bekommt.

Vor Kurzem hatte Rita Schilke einen neuen Kunden mit einer vollgestopften Zweiraumwohnung. Was sich dort stapelte, waren nicht ihre eigenen Sachen, sondern die von Vater und Schwester, beide vor 13 Jahren kurz nacheinander gestorben. Ein typischer Fall, sagt Rita Schilke. Beim Ausmisten geht es auch immer um das Abschiednehmen. „Viele verwechseln Dinge mit Erinnerungen. Man glaubt, man betrügt einen lieben Menschen, wenn man seine Sachen weggibt.“ In solchen Fällen empfiehlt die Aufräumerin, lieber stellvertretend ein einzelnes Bild aufzuheben als einen ganzen Fotokarton. Gerahmt an der Wand sei das eine schönere Erinnerung als eine Kiste, die im Keller verstaubt.

Was Rita Schilke erzählt, klingt einfach und vernünftig. In Wirklichkeit ist es Schwerstarbeit für sie und ihre Kunden. Es wird oft geweint. Länger als drei Stunden dauert deshalb keiner ihrer Termine. Mehr geht nicht.

Nicht immer ist es Sentimentalität, die uns unnötige Dinge aufheben lässt. Manchmal ist es auch nur ein Versprechen. Die Campingausrüstung aus jungen Jahren steht für Spontanität – auch wenn man längst lieber ins Hotel geht. Und nichts ist so sehr mit Möglichkeiten aufgeladen wie die Kleider im Schrank einer Frau: Sie erzählen von Partys, auf die man einmal gehen könnte, von einer Taille, die man haben könnte, und von Farben, die einem bestimmt stehen, wenn man im Sommer mal so richtig braun ist.

Die meisten dieser Versprechen haben nicht wir uns ausgedacht, sondern die Firmen, die diese Dinge verkaufen wollen. Jedes Produkt ist heute ein kleines Mittel zur Persönlichkeitsoptimierung, das uns mit leiser Stimme sein Alleinstellungsmerkmal in unser Ohr wispert. Und das, wenn auch dies mehr hilft, kurz vor der Mülltonne schreit: „Aber ich war doch so teuer.“

Kein Gelegenheitsshopping

Besonders perfide ist das Versprechen, dass sich die Dinge quasi von selbst organisieren, wenn man nur noch mehr Dinge anschafft. Ein Kaffeeröster verkauft mehrmals im Jahr „Ordnungshelfer“: „Raumspar-Rockbügel“, „Vakuum-Aufbewahrungsbeutel“ und „Schrankorganizer mit sechs Fächern“. Ein schwedisches Möbelhaus bewirbt Regale bis unter die Decke als Lösung des Problems – und ist zugleich Teil des Problems, weil sich auf dem Weg zur Kasse mindestens ein Regalbrett mit Teelichthaltern und Ähnlichem füllt.

Die Ordnungshelferin Rita Schilke hält wenig von solchen Angeboten. Sie selbst geht gar nicht mehr shoppen. Auch ihren Kunden versucht sie, ein anderes Konsumverhalten beizubringen, damit die Wohnung nicht gleich von Neuem verstopft. Ihr Helfer dabei ist das Verkneiferschwein. Wenn eine Kundin zum Beispiel unter den Angeboten des Kaffeerösters eine Bluse entdeckt, sagt Schilke, solle sie die erst mal einen Tag zurücklegen lassen. „Am nächsten Morgen denkt man meistens schon gar nicht mehr dran.“ Das gesparte Geld kommt ins Verkneiferschwein.

Es gibt noch einen Grund dafür, dass wir uns heutzutage schwertun, uns von Dingen zu trennen: das schlechte Gewissen in Zeiten des Klimawandels. Müsste man die Dinge nicht recyceln und neu verwerten, statt sie einfach wegzuwerfen? Ein Klassiker in beinahe jedem Haushalt ist die Plastiktütensammlung. Oder die Weinkorken, die man aufhebt, um irgendwann mal die Bestände der Korkeiche zu retten. Oder die Stapel von Geschenkpapier aus dem Vorjahr, die man bügeln und noch mal verwenden könnte. Zum Beispiel, um damit einen originellen Geldbeutel zu verpacken, der in einer kleinen Berliner Werkstatt aus recycelten Fahrradschläuchen gemacht wurde. Der aber trotzdem ein Geldbeutel zu viel ist, wenn der Beschenkte, sehr wahrscheinlich, schon einen Geldbeutel hat.

Uralter Sammlerinstinkt

Neu ist das Problem des Überflusses nicht. Menschen sind Sammler. Und wer sammelt, will auch besitzen. Nur war der Besitz lange Zeit dadurch begrenzt, dass die Menschen als Nomaden herumzogen und nur so viel ansammeln konnten, wie sie auf dem Rücken tragen konnten. Aber schon 400 nach Christus predigte Johannes Chrysostomos: „Reich ist nicht, wer viel hat, sondern, wer wenig braucht – arm ist nicht, wer wenig hat, sondern, wer viel begehrt.“ Der verschwenderische Lebensstil seiner Zeitgenossen war ihm zu viel geworden. Der Philosoph Aristoteles warnte vor der „Pleonexie“, dem „Mehr haben wollen“ als Ursache für ein misslungenes Leben.

So grundsätzlich würde es Rita Schilke vielleicht nicht bezeichnen. Aber auch sie wird philosophisch, wenn es um ihren Job als Aufräum-Coach geht. Sie ist überzeugt: „Wer Raum in der Wohnung schafft, schafft auch Freiräume im Kopf.“