Berlin - Die jüngsten genetischen Veränderungen von Sars-CoV-2 könnten noch gravierendere Folgen haben als bisher gedacht. Zumindest gibt es zu den drei neuen, zuerst in Großbritannien, Südafrika und Brasilien entdeckten Virus-Linien erste wissenschaftliche Erkenntnisse, die nicht gerade Zuversicht erwecken. Sie deuten darauf hin, dass die britische Linie B.1.1.7 nicht nur ansteckender, sondern auch tödlicher sein könnte.

Und sie legen nahe, dass die in Südafrika verbreitete Linie B.1.351 offenbar einen Weg gefunden hat, die Immunität zu überwinden, die sich durch eine durchgemachte Infektion oder eine Impfung aufbaut. Womöglich trifft das auch auf Linie P.1 in Brasilien zu. Allerdings ist dabei zu beachten, dass es sich bei diesen Erkenntnissen noch lange nicht um gesicherte Befunde handelt.

Was 30 Prozent höhere Sterblichkeit bedeutet

Dass die Linie B.1.1.7, die zunächst vor allem in Südostengland und im Großraum London verbreitet war, anders als bisher gedacht auch tödlicher sein könnte, wurde am Freitagabend bekannt. Der britische Premierminister Boris Johnson sprach darüber in einer Pressekonferenz. Er bezog sich dabei auf vorläufige Ergebnisse des britischen Experten-Gremiums New and Emerging Respiratory Virus Threats Advisory Group, kurz Nervtag. Die Forscher haben Ergebnisse unterschiedlicher Studien analysiert und kommen zu dem Schluss, dass „eine realistische Wahrscheinlichkeit besteht“, dass eine Infektion mit B.1.1.7 im Vergleich zu bisherigen Varianten das Sterberisiko erhöht.

Die in den bisherigen Studien gefundene Erhöhung liegt zwischen 30 und 91 Prozent. Wie Virologen gegenüber dem britische Science Media Center erläuterten, bedeutet zum Beispiel eine 30 Prozent höhere Sterblichkeit, dass mit der neuen Variante in der Altersgruppe der 60-Jährigen von 1000 diagnostizierten Infizierten 13 sterben – gegenüber 10 von 1000 mit bisherigen Varianten. Allerdings seien die Befunde mit Vorsicht zu genießen, sagte David Strain von der britischen University of Exeter. Denn in die insgesamt vier Studien seien lediglich acht Prozent der verzeichneten B.1.1.7.-Todesfälle eingeflossen. „Wir brauchen viel mehr Daten, bevor wir weitere Schlüsse ziehen“, betonte er.

RNA-Impfstoffe wirken trotzdem

Immerhin jedoch haben inzwischen auch ausführlichere Laborexperimente von den Firmen Pfizer und Biontech gezeigt, dass der RNA-Impfstoff auch Schutz vor der Variante B.1.1.7 bietet. Ob Antikörper gegen die bisherigen Varianten von Sars-CoV-2 auch gegen die in Südafrika und Brasilien kursierenden neuen Linien schützen, ist jedoch fraglich. Sie zeichnen sich unter anderem durch mehrere Mutationen aus, die das sogenannte Spike-Protein des Virus verändern. Dieses Eiweiß nutzt das Virus, um sich an die Körperzellen anzuheften und schließlich in sie einzudringen. Das Spike-Protein ist aber auch der Ort, an dem die Antikörper angreifen, die das Immunsystem nach einer Infektion oder einer Impfung bildet oder die im Rahmen einer Therapie verabreicht werden.

Ein südafrikanisches Team um Penny Moore vom nationalen Gesundheitslabordienst NHLS in Johannesburg (Südafrika) untersuchte die Wirkung von neun Mutationen der Variante B.1.351, die das Spike-Protein betreffen. Die Forscher kommen in ihrer noch nicht begutachteten Studie zu dem Ergebnis, dass drei monoklonale Antikörper, die bei einer Therapie gegen eine Sars-CoV-2-Infektion verabreicht werden, bei der südafrikanischen Variante als Folge der Mutationen nicht mehr wirken.

Viele Zweitinfektionen im brasilianischen Manaus

Bei Laborversuchen mit Blut von genesenen Covid-19-Patienten stellten sie fest, dass die darin enthaltenen Abwehrstoffe eine Infektion von Zellen mit der südafrikanischen Virusvariante in vielen Fällen nicht verhindern konnten. Dieses Ergebnis deute auf eine erhöhte Gefahr einer Reinfektion hin, schreiben die Wissenschaftler.

Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, weist darauf hin, dass die südafrikanischen Virologen nicht das Blut von Geimpften untersucht haben: „Nach einer Impfung sind deutlich mehr Antikörper im Blut, als es bei den meisten der ehemaligen Covid-19-Patienten der Fall war.“ Erst eine Untersuchung an Blut von geimpften Patienten könne Klarheit bringen, ob ein Impfstoff an die neue Variante angepasst werden müsse oder nicht.

Derweil häufen sich im brasilianischen Manaus, wo die Linie P.1. entdeckt wurde, Fälle von Zweitinfektionen. Die Stadt war in der ersten Welle stark von der Pandemie betroffen und bereits 75 Prozent der Bevölkerung hat die Infektion durchgemacht. Ob ihre Abwehrkräfte nachlassen oder nicht gegen die neue Linie helfen, ist noch ungeklärt. (mit dpa)