Warum bekomme ich Tränensäcke? Und wie bekomme ich sie wieder weg?

Hypochonder-Kolumne: Man kann beim Saccus lacrimalis vom Schlimmsten ausgehen, muss man aber nicht. Manchmal helfen schon zwei Scheiben Gurke. 

Meister Yoda aus dem Science-Fiction-Opus „Star Wars“ ist unserem Autor wie aus dem Gesicht geschnitten.
Meister Yoda aus dem Science-Fiction-Opus „Star Wars“ ist unserem Autor wie aus dem Gesicht geschnitten.Everett Collection/imago

Es ist schon wieder passiert. Ich habe mir selbst eine Diagnose gestellt – Dakryozystitis. Und das kam so: Es war 6 Uhr morgens, ich stand im Badezimmer, froh, gerade einen lästigen Magen-Darm-Virus vertrieben zu haben, als mich Meister Yoda ansah. Ein erschreckender Anblick, obwohl er mein spontanes Lächeln zu erwidern schien. Die Haut war grünlich blass und schlaff, und unter den Augen hingen Tränensäcke.

Wenn das da vor mir kein sauber aufgestemmtes Loch in der Wand war, durch das mich der Außerirdische aus dem Kino-Hit „Star Wars“ anglotzte, wenn sich stattdessen der Spiegel an seinem gewohnten Platz befand, befand ich mich in der nächsten gesundheitlichen Krise.

„Kenn ich nicht, wasch ich nicht!“

Natürlich hatte ich vorher schon mal Begegnungen der überraschenden Art am frühen Morgen. In einer längst vergangenen Zeit allerdings, als nicht von ungefähr über dem Waschbecken meiner Studenten-WG mit Edding der Spruch notiert war: „Kenn ich nicht, wasch ich nicht!“ Dass auch diesmal die Folgen eines intensiveren Alkoholkonsums sichtbar geworden sein könnten, ließ sich allein schon darmbedingt ausschließen. Außerdem verfügte ich in der Hausapotheke über keinerlei bewusstseinserweiternde Substanzen; es sei denn, ich rechnete die prophylaktisch vorgehaltenen Propolis-Erkältungstropfen dazu.

Tränensäcke und chronisch krank besser nicht googeln

Die verrutschten Gesichtszüge mussten eine andere Ursache haben. Womöglich handelte es sich um eine aufziehende dauerhafte Erkrankung. Ich griff zum Smartphone, tippte in eine Suchmaschine „Tränensäcke“ und „chronisch krank“, landete mal wieder in der virtuellen Sprechstunde von Dr. Wikipedia und wurde in meinen kühnsten Erwartungen übertroffen.

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Berliner Zeitung/Paulus Ponizak
Hypochonder-Glosse
Christian Schwager ist Redakteur für Gesundheit und schreibt alle zwei Wochen an dieser Stelle über seine eingebildeten Krankheiten.

Offenbar hatte sich bei mir über Nacht eine Abfluss-Störung der ableitenden Tränenwege eingestellt, die ein Bakterium namens Staphylococcus aureus und seinen Kumpel Haemophilus influenzae dazu ermunterten, sich unterhalb meiner Augen häuslich einzurichten. Und da die beiden nun schon mal da waren, provozierten sie sogleich eine Entzündung, bewusste Dakryozystitis. Ich bekam einen beidseitigen Saccus lacrimales, hatte auf gut Deutsch die schönsten Schwellungen an der Backe.

Allerdings war ich mir nicht sicher, ob ich mit diesem Befund leben wollte. Schließlich wusste ich mich in tierisch guter Gesellschaft, von Kaninchen nämlich, denen so eine Dakryozystitis ebenfalls widerfahren kann. Ich dachte an Yoda im Badezimmer, erkannte keine übereinstimmende Zahnstellung, kein Hasengebiss. Auch war ich schmerzfrei, was eigentlich nicht hätte sein dürfen. Und die Enzephalitis, die mir Dr. Wikipedia androhte, sollte ich die leidige Angelegenheit verschleppen, ging entschieden zu weit.

Tränensäcke, ein Geschenk der Vorfahren?

Da war mir der mitfühlende Stil auf der Homepage einer Hautarztpraxis schon sympathischer. Der dort publizierende Tränensackexperte schlug mir zu wenig Schlaf vor. Nicht als Therapie, als Ursache. Einen Mangel an Flüssigkeit erwog er ebenfalls. Nicht alkoholisch, nehme ich an. Die angebotene erbliche Vorbelastung habe ich beim geistigen Blick auf meine Ahnenreihe verworfen. Sonst sollen Tränensäcke ja oft familiär bedingt sein.

Nur gut, dass ich das alles einem Kollegen erzählt habe. Der riet mir, es mal mit Gurke zu versuchen. Er meinte, ich sollte mir eine Scheibe jeweils links und rechts aufs Auge drücken. Er meinte es nicht ernst. Ich habe zwei Scheiben Gurke gegessen. Hat offensichtlich auch geholfen. Mach’s gut, Saccus lacrimalis yodaensis! Aber bitte in einem anderen Gesicht.