BERGHEIM - Am Anfang steht, wie so häufig im Leben, eine persönliche Erfahrung. Romy Kohler begegnet dem Tod. Beruflich hat sie seit Jahren mit ihm zu tun. Romy Kohler arbeitet im Hospiz Bedburg-Bergheim und hat häufig Menschen auf ihrem letzten Lebensweg begleitet.

Doch im August 2003 stirbt ihr Sohn Lars. Lars, der Leistungssportler, der Junge mit dem großen Freundeskreis. Lars, der erst 15 Jahre alt ist und noch am Abend vor seinem Tod eine Geburtstagsparty besucht hatte. Eine Meningokokken-Infektion forderte innerhalb weniger Stunden ihren tödlichen Tribut; Lars ist eines von rund 750 Opfern der Krankheit pro Jahr.

Romy Kohler trauert. Die ganze Familie trauert. Auch die vielen Freunde von Lars trauern. Regelmäßig treffen sie sich am Grab oder im Zimmer des Verstorbenen. Zehn, fünfzehn, manchmal zwanzig Jugendliche. An manchen Tagen genießt Romy Kohler den Trubel im Haus. An anderen kann sie ihn kaum ertragen. „Von unten hörte es sich an, als sei alles wie immer“, sagt sie, als sie sich an das Gemurmel und das gelegentliche Gelächter erinnert, das aus Lars’ Zimmer drang. „Doch es war nichts wie immer.“

Ehrenamtliche Mitstreiter

Damals, sagt die 59-Jährige, habe sie gespürt, dass diese jungen Menschen dringend Hilfe benötigten, um mit dem plötzlichen Tod von Lars umgehen zu können. „Die wollten sich nicht irgendwo in einen Trauerkreis setzen und über ihre Gefühle reden. Die brauchten etwas ganz anderes: Gleichaltrige, die ihre Sprache sprechen und die ihre Verlusterfahrung teilen. Sonst können sie ja gleich mit ihren Eltern reden.“

Sechs Jahre später startete Romy Kohler ein bundesweit einmaliges Projekt: einen Trauer-Chat für Jugendliche und junge Erwachsene. Die Moderation übernahmen sechs junge Frauen und ein junger Mann, die selber jemanden, der ihnen nahestand, verloren haben.

Länger als ein Jahr dauerten die Vorbereitungen, ehe der Chat unter dem Namen „Doch-etwas-bleibt“ im Juni 2009 online ging. Seitdem ist das Team immer montags zwischen 20 und 22 Uhr zu erreichen. „Wir sind keine Therapeuten“, betont Romy Kohler, um Missverständnissen vorzubeugen. „Wir beraten unsere User, und wenn wir nicht weiterkommen, empfehlen wir ihnen professionelle Hilfsangebote.“

Die Idee zum Trauer-Chat sei ihr schon bald nach Lars’ Tod gekommen: „Anfangs hatte ich nicht die Kraft dazu, das Projekt zu verwirklichen. Außerdem fehlte mir das entsprechende Wissen. Die Kollegen fanden die Idee zwar toll, doch machen wollte es keiner.“ 2007 schrieb sie im Rahmen einer Weiterbildung ein erstes Konzept – und traf bei ihrem Arbeitgeber, dem Hospizverein Bedburg-Bergheim, auf offene Ohren.

Der Start war dennoch nicht einfach. „Das war ja alles Neuland für mich.“ Lediglich in Freiburg gab es zu diesem Zeitpunkt ein vergleichbares Projekt, doch dort waren die Chat-Moderatoren professionelle Sterbebegleiter. „Meine Idee war, ausschließlich junge Menschen mit eigener Trauererfahrung zu finden und auszubilden.“

Die Suche nach Mitarbeitern ist schwierig

Auch das erwies sich als schwieriger als gedacht. Ihre ersten Mitstreiter fand Romy Kohler schließlich im Freundeskreis von Lars und unter den Geschwisterkindern junger, verstorbener Krebspatienten. Bis heute ist die Suche nach ehrenamtlichen Chat-Begleitern nicht einfach. „Wir hätten gern auch ein paar Männer im Team“, sagt Romy Kohler. Doch die, so scheint es, haben Berührungsängste mit dem Tod. Der einzige junge Mann, der anfangs mitmachte, stieg nach eineinhalb Jahren aus.

Ein Wochenende lang werden die potenziellen Begleiterinnen geschult, mit dem Schmerz anderer Menschen umzugehen. Erst danach entscheiden sie, ob sie bei dem Projekt mitmachen wollen. „Sie sollen erst einmal gucken, wo sie mit ihrer eigenen Trauererfahrung stehen und ob sie überhaupt schon in der Lage sind, andere Menschen zu begleiten“, sagt Romy Kohler. Und die jungen Frauen müssten lernen, sich selber zu schützen. Romy Kohler weiß, wie schwierig es sein kann, eine Balance zwischen Distanz und Nähe zu finden. „Zu sagen: Da bin ich, und da ist der andere. Ich wende mich ihm mit aller Offenheit und Herzlichkeit zu, aber um 22 Uhr gehe ich in mein eigenes Leben zurück.“

Inzwischen sind es fünfzehn Frauen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren, die den Trauernden Montag für Montag zwei Stunden lang zur Seite stehen, ihnen zuhören und Tipps zur Trauerbewältigung geben. Wie geht es dir? Hast du jemanden, mit dem du reden kannst? Wie geht man mit dem ersten Jahrestag um?

Es habe noch keinen Abend gegeben, an dem sich niemand gemeldet habe, sagt Romy Kohler. „Viele junge Leute haben plötzlich das Gefühl, nirgends mehr dazuzupassen und ein Spielverderber zu sein, weil sie trauern. Bei uns können sie darüber reden.“ Auch Katastrophen wie das Loveparade-Unglück vor sechs Jahren in Duisburg, bei dem 21 Besucher ums Leben kamen und mehr als 500 verletzt wurden, schlügen sich im Chat nieder. „Damals haben sich einige gemeldet, die live dabei waren und sahen, wie ihre Freunde starben.“

Sich gegen die Trauer anderer abzugrenzen, sei in Fällen wie diesen nicht einfach, sagt Anna Raisch. Sie gehört zu den Chat-Begleiterinnen der ersten Stunde. Gemeinsam mit Romy Kohler brachte sie den Chat an den Start und ist für die technische und organisatorische Seite zuständig.

Die Distanz ist hilfreich

Anna Raisch, 33, hat schon viele Geschichten über den Tod gehört, und nicht alle haben sie unberührt gelassen. „Wenn uns etwas an unsere eigenen Erfahrungen erinnert, kommt jede von uns auch mal ins Straucheln. Aber das ist ja auch okay. Unser Prinzip ist, dass wir auf Augenhöhe mit dem Anderen reden. Da darf man auch mal sagen: „Was du gerade erzählst, macht mich sehr traurig und erinnert mich an meine eigene Geschichte.“ Das Medium, sagt sie, trage dazu bei, dass man meist eine Distanz zu den Trauernden wahren könne: „Man hat einen Rechner vor sich und sieht kein Gesicht, keine Tränen. Das hilft ein bisschen, die Dinge von sich selber wegzuhalten.“

Für sie selber, sagt Anna Raisch, sei die Mitarbeit an dem Projekt das Beste gewesen, was ihr passieren konnte. Auch sie wurde früh mit dem Tod konfrontiert: Ihr Vater starb an Krebs, als sie 23 war. Zwei Jahre später bewarb sie sich bei Romy Kohler, die eine Hilfe zum Aufbau des Chats suchte. Ein Jahr nach den Tod ihres Vaters wäre es noch zu früh gewesen, sich der der Trauer anderer Menschen zu stellen, sagt sie. Heute sei ihre Einstellung zum Tod anders als damals. Auch mit dem Verlust des Vaters hat sie inzwischen ihren Frieden gemacht. „Wenn man ständig mit anderen Menschen über den Tod spricht, bekommt er einen ganz anderen Stellenwert, und man akzeptiert ihn als einen Teil unseres Lebens.“ Deswegen, sagt Anna Raisch, liege ihr der Chat so sehr am Herzen: „Ich wünsche mir, dass auch andere Menschen den Tod als etwas Normales betrachten. Als etwas, über das man reden darf, genauso wie über diese vielen wirren Gefühle, die einen überrollen, wenn jemand stirbt.“

Dass das leider noch keine Realität ist, weiß sie selber. „Wir sehen ja, wie sehr die User unter der Reaktion der Umwelt leiden. Spätestens nach einem Jahr heißt es: ‚Jetzt reiß dich mal zusammen, du kannst doch nicht immer noch traurig sein. Das ist doch nicht normal.‘ Wer selber schon einmal einen Menschen verloren hat, der weiß, dass man nach einem Jahr gerade erst anfängt zu begreifen, dass derjenige nicht mehr da ist.“

„Hallo, mir geht es gut“

Auch Claudia Schneider gehörte viele Jahre zum Begleiterteam des Chats. Der Tod ihrer Großmütter, als sie ein Teenager war, hat sie sensibel gemacht für die Trauer anderer Menschen. „Meine Omas sind kurz hintereinander gestorben. Mit einer von ihnen bin ich aufgewachsen. Damals hatte ich das Gefühl, mir hat jemand den Boden unter den Füßen weggezogen“, erinnert sie sich.

Anfang Oktober ist die 32-Jährige aus dem Chat ausgestiegen, sie arbeitet seitdem gemeinsam mit Romy Kohler für den Hospiz-Verein Bedburg-Bergheim. „Irgendwie passte es nicht mehr“, sagt sie. „Ich hatte zunehmend das Gefühl, dass ich zu alt bin für den Chat und nicht mehr die gleiche Sprache spreche wie die Leute dort. Als Mutter von zwei Kindern habe ich ganz andere Probleme als die Jugendlichen heute.“ Eine Erfahrung, die auch andere, ältere Chat-Begleiterinnen schon machten.

Claudia Schneider bedauert das. Der Chat, sagt sie, habe ihr viel gegeben. „Es war superspannend und hat ganz viel Spaß gemacht, bei aller Sensibilität für das Thema.“ Manche User hat sie über Jahre begleitet, andere nur während einiger Wochen und Monate. Eine junge Frau, deren Freund vor vielen Jahren Selbstmord beging, ist seit 2009 dabei. „Manchmal schaut sie nur kurz vorbei und sagt: Hallo, mir geht es gut.“

Irgendwann bekomme man eine Vorstellung von diesen Menschen, auch wenn man sie nie erblickt habe, sagt Claudia Schneider. „Man fragt sich, wie sie wohl tatsächlich aussehen und wie es wäre, wenn man sie treffen würde.“ Das Schöne sei zu spüren, wie diese jungen Menschen aus ihrer tiefen Trauer allmählich ins Leben zurückfinden und wieder einen normalen Alltag führen können. „Das mitzubekommen und zu wissen, dass man einen Teil dazu beigetragen hat, ist einfach ein wunderschönes Gefühl.“