Das Schlimmste am Älterwerden sind vielleicht nicht schmerzende Rücken oder Hängebäckchen, das Schlimmste ist, dass die Optionen schwinden. Wenn man Mitte fünfzig ist und seinen Job nicht mehr mag, ist es nicht sehr wahrscheinlich, eine erfüllende Alternative zu finden. Man wird als Stubenhocker wahrscheinlich nicht mehr zur Sportskanone. Drogen und Alkohol zeigen im Alter nur noch ihre destruktive Seite, statt Kreativität und Impulsivität zu fördern, es sei denn, man ist zufällig Ozzy Osbourne.

In vieles muss man sich also ergeben, vieles ist nicht mehr so einfach zu steuern wie in jungen Jahren.

Am Ende beschränkt sich die Selbstbestimmung bei manchen nur noch auf den eigenen Kopf und dort auf die Frisur. Sofern noch ausreichend Haare vorhanden sind, kann man an ihnen radikale Veränderungen vornehmen.

Männer ab 45 beginnen zum Beispiel häufig, sich die Haare lang wachsen zu lassen. Meistens sind das Menschen, die nicht im Verdacht stehen, die bestehende Ordnung umstürzen zu wollen oder auch nur im Kino die Beine auf den Vordersitz zu legen. Es sind ordentliche Leute, oft sogar Leistungsträger, und sie sind spät dran.

Flucht aus der Midlife Crisis

Das mit den Haaren ist ja so angelegt, dass sie am besten in der Jugend sprießen, weil Fülle und Spannkraft dann am ausgeprägtesten sind. Doch bekannte Zeitgenossen wie Harald Schmidt, Wim Wenders oder Fred Kogel haben in mittleren Jahren begonnen, ihr Haar wachsen zu lassen. Harald Schmidt sah daraufhin aus wie ein Mann, der abends in Kneipen die taz verkauft. Wim Wenders ähnelte mehr einem nagelmanikürten Architekten – er hat besonders schönes, dichtes und gewelltes Haar. Und der ehemalige Sat.1-Chef Fred Kogel verstörte, weil er bei Bambi-Verleihungen plötzlich aussah wie ein Jesuitenpater mit VIP-Kundschaft.

Der Imagewandel, den lange Haare mit sich bringen, ist total, darum sind lange Haare ein beliebtes Mittel, um der Midlife Crisis zu entkommen und damit auch den Zwängen und Beschränkungen des bürgerlichen Lebens. Historisch geht diese Linie unter anderem bis auf die Kelten und Germanen und vor allem auf die Griechen zurück, bei denen lange Haare Freiheit und Kraft symbolisierten.

Zeus und Achilles werden in der Kunst stets mit langen Haaren dargestellt. Ein bekannter Berliner Kolumnist, der der Meinung ist, einen heroischen Kampf gegen den Terror der Political Correctness zu führen, gibt seiner Unbezähmbarkeit ebenfalls nach außen Ausdruck, denn die Haare sind ihm jetzt bis auf die Schultern gewachsen.

Wie jeder sehen kann, liegen langes Haar und Bärte derzeit ganz allgemein im Trend. Maik Nørgaard, Inhaber des Schöneberger Friseursalons Maik Baber, beobachtet das in seinem Kiez am Kleistpark, wo hippe Schwule und Durchschnittsbürger aller Altersklassen zu seinen Kunden gehören.

„Diese ganz kurzen Haare, die lange modern waren, waren natürlich von der Schwulenszene inspiriert. Davon ist man jetzt weg, jetzt sind längere Haare gefragt“, sagt er. Eine große Inspiration für die Langhaarmode sei dabei das Model aus der Werbung des Reiseportals Trivago gewesen, ein dunkelhaariger Mann mit hypnotischen Augen und langem Haarzopf, bei dem man nicht wusste, ob er gleich die Axt herausholen oder ein kleines Lächeln auflegen würde, oder auch beides gleichzeitig.

Windstöße mit traurigen Folgen

Maik Nørgaard sieht keinen Grund, warum nicht auch ältere Männer lange Haare tragen sollten. „Natürlich, wenn da auf dem Kopf nicht viel ist, dann muss ich als Friseur so ehrlich sein abzuraten“, sagt er. Doch lange Haare könnten auch aus einem Siebzigjährigen einen „Typ“ machen.

Der Salonchef, 50 Jahre alt, hat selbst zusehen müssen, wie sein Haarwuchs versiegte. Als Experte wählte er die radikalste Lösung. „Ich habe mir Haare transplantieren lassen.“ Er sei nun sehr zufrieden, was er auch seinen Kunden häufig mitteilt.

Nicht jedem Mann, der mit beginnender Kahlheit kämpft, steht diese Möglichkeit offen. Donald Trump könnte sich den ästhetischen Eingriff wohl leisten, besteht aber rätselhafterweise darauf, seine Haare an den Seiten wachsen zu lassen und sie dann so zu falten und zickzackartig über den Vorderkopf zu legen, dass seine Stirn notdürftig bedeckt wird. Das Time Magazine hat einmal eine Faltanleitung für Trumps Vorderkopfsträhne veröffentlicht, aber man möchte niemandem zur Nachahmung raten. Jeder Windstoß kann traurige Folgen haben. Dieses „Tier auf Trumps Kopf“, wie man in den USA sagt, wird jedenfalls noch so lange Stoff für Late-Night-Shows geben, wie die Präsidentschaftskandidatur anhält.

In simplerer Form gibt es problematische Haarwuchskorrekturen mittels langer Haare recht häufig. Eine lange Haarsträhne vom Scheitel quer über den kahlen Oberkopf zu legen, ist eine Methode, die mangels Subtilität allerdings ein bisschen aus der Mode gekommen ist. Der englische Thronfolger Prinz Charles wendet diese Technik noch an, aber man muss bedenken, dass Prinz Charles auch Spazierstöcke mit Entenköpfen benutzt.

Langes Haar bei offenem Verdeck nur mit Mut oder Hut

Bei dünnem Haar lassen sich manche Männer auch gern die Haare wachsen, um einen Pferdeschwanz zu binden, denn das sieht vergleichsweise lässig aus. Dabei gilt es, das verbleibende Haar fest über den schon etwas gelichteten Oberkopf zu ziehen und hinten zusammenzubinden. Der Nachteil ist, dass man auch hier den Charakter einer Notlösung nicht übersehen kann, denn die Kopfhaut schimmert immer durch.

Um das Haar schließlich in der einfachsten Variante trotz kahlen Oberkopfes einfach von über den Ohren bis auf die Schultern wallen zu lassen, muss man innerlich schon sehr gefestigt sein. Einen jugendlichen Effekt ergibt das nicht, außer man macht es wie Udo Lindenberg, dessen Haare der Legende nach nicht aus seinem Kopf wachsen, sondern innen an seinem Hut befestigt sind.

Langes Haar auf Männerköpfen bleibt eine schwierige Sache, egal ob man es zu Retuschezwecken oder aus Gleichgültigkeit wachsen lässt oder weil eine Imagekorrektur dahintersteckt. Der einzige Mann, der beim Thema Haare immer mit sich im Reinen schien, war der unvergleichliche Harry Rowohlt, der sich wegen seiner originellen Persönlichkeit um Imagefragen keine Gedanken machen musste. Er trug sein Leben lang langes Haar und Vollbart, irgendwann lichtete sich das Haar auf der Stirn, aber Harry Rowohlt blieb ungerührt. Zu seinem Erscheinungsbild sagte er im Alter: „Wenn man in seiner Jugend ein Hippie war und sich einigermaßen treugeblieben ist, sieht man eben als alter Sack aus wie ein Penner und nicht wie Joschka Fischer.“