Eine Mutter hält ihr Neugeborenes in den Armen. 
Foto: Kelsey Smith/Imago

BerlinDie Sonne scheint durch das Fenster. Elena Barth sitzt im Wohnzimmer und hält ihren kleinen Sohn im Arm. Gerade hat er getrunken, nun schläft er. Siebzehn Tag ist er heute alt, siebzehn Tage zu Gast in diesem verrückten Leben. Geschenke liegen auf dem Tisch, selbst gestrickte Schühchen von der Großmama, eine Glückwunschkarte mit dem Schriftzug: Hurra, es ist ein Junge!

Nein, Besuch sei noch nicht gekommen, nicht der ersehnte und nicht der lästige. Auch ich bin nicht leibhaftig zu Besuch, sondern blicke durch das Kamera-Auge eines Laptops in die etwas chaotische Wochenbett-Stube. Christian, der junge Vater ist so freundlich, und führt mich herum.

Eigentlich hatte Elena ja vor, ihr erstes Kind im Krankenhaus Havelhöhe zu bekommen. Ihr errechneter Termin war der 17. März und ihre letzten Schwangerschaftswochen fielen in die Phase, in der schon über eine mögliche Ausgangssperre diskutiert wurde. „Täglich neue Hiobsbotschaften. Es hieß, der Partner dürfe vielleicht nicht mit in den Kreissaal.“ Elena rief in der Klinik an. Man war ehrlich mit ihr, sagte: Im Moment sei die Anwesenheit des Vaters im Kreissaal noch erlaubt, doch die Anordnungen des Senats änderten sich täglich.

Das erste Kind bekommen in dieser Großwetterlage? 

Sie sei kein nervöser Typ, aber diese Unsicherheit wollte sie gerne aus dem Kopf bekommen. Denn das erste Kind zu gebären, das sei schon eine große, Respekt einflößende Sache. Und dann noch bei dieser Großwetterlage? Da ihre Schwangerschaft ohne Komplikationen verlaufen war, brachte ihre Doula sie auf den Gedanken, eine Hausgeburt zu wagen. Beide wussten, dass es in Berlin nur eine „Hand voll Hebammen“ gibt, die Hausgeburten begleiten.

Doch das junge Paar hatte Glück. Am 17. März, dem errechneten Geburtstermin trafen sie sich zum ersten Mal mit Emine Babaç. Elena fasste sofort Vertrauen zu der fröhlichen und erfahrenen Geburtshelferin. „Sie sagte, dass sie nichts macht, was mich oder das Kind gefährdet, und beim leisesten Zweifel in die Klinik fährt.“ Und dann hatte ich plötzlich den Mut, mich auf das Abenteuer einzulassen.

Ihr Sohn ist dann am 27. März geboren, also zehn Tage nach dem errechneten Termin. „Und das hat er genau richtig gemacht,“ sagt Elena überschwänglich. „Denn so hatten wir noch genug Zeit für die Vorbereitungen: Im Kopf den Gedanken zulassen, die Hunde zu Freunden bringen, die Flure freiräumen, damit im Notfall der Transport in die Klinik funktioniert, neue Handtücher besorgen.“

Die Geburt ist großartig verlaufen. „Nachmittags um fünf haben die Wehen begonnen und abends um neun Uhr hielten wir unseren Sohn schon in den Armen. Mein Freund war ganz nah dabei, und hat alles miterlebt. Es soll nicht zynisch klingen, die Corona-Krise ist schlimm, aber für uns als Familie ist durch Corona etwas Tolles entstanden,“ sagt Elena.

Zwar könnten die Großeltern jetzt nicht kommen und helfen, und das sei natürlich traurig. Aber auf der anderen Seite könne Christian, der sonst an einer Universität in Bangkok unterrichtet, jetzt am heimischen Küchentisch arbeiten. Und insgesamt hätten sie als Paar mehr Ruhe, um den Tag ganz an sich und ihrem Baby auszurichten.

Hausgeburten aus Angst?

Emine Babaç erlebt gerade einen ungeheuren Ansturm von schwangeren Frauen, die wegen Corona eine Hausgeburt machen wollen. Etwa zehn neue Frauen melden sich pro Woche; deshalb ist sie jetzt dazu übergegangen, in Zoom-Meetings zu erklären: Wie würde eine Hausgeburt funktionieren!

„Melden sie sich aus Angst vor Ansteckung?“ frage ich erstaunt. „Mehr aus Angst, nicht den Geburtspartner der Wahl mitbringen zu können,“ erwidert die Hebamme.  Und nicht immer gehe es so glatt wie bei Elena. Vor allem, wenn Angst das zentrale Motiv sei. „Vor ein paar Tagen musste ich eine junge Frau in die Klinik verlegen, weil sie die normalen Wehenschmerzen nicht aushielt.“

Babaç will den Kliniken keinen Vorwurf machen: „Die neuen Regeln sind sinnvoll, aber sie werden natürlich nicht allen Frauen gerecht. Eine Frau, die einen Kaiserschnitt hatte, kann nicht sofort aus dem Bett springen und braucht in den ersten Tagen die Hilfe des Vaters oder einer anderen zugewandten Person.“

Obwohl viele ihrer Kolleginnen die Hausbesuche drastisch reduzieren, geht Babaç immer noch persönlich zu den Frauen, die gerade entbunden haben. In den ersten fünf bis zehn Tagen findet sie das unerlässlich. „Ich muss die Herztöne des Kindes hören, muss sehen, tasten, mit allen Sinnen erfassen, was los ist. Sonst können kleine Anzeichen von Krankheit einfach untergehen.“

Den Anfang der Stillbeziehung begleiten

Auch lohne es sich, den Anfang der Stillbeziehung intensiv zu begleiten. Und das gehe nun einmal am besten, wenn man auf Bettkante der jungen Mutter sitzen, ihr zuhören und in Ruhe zeigen kann, wie sie ihr Baby richtig anlegt. Durch Corona denken Emine Babaç und ihre Kolleginnen viel darüber nach, welche ihrer Leistungen sich eigentlich „digital abbilden“ lassen? Babaç glaubt, dass das nur wenige sind.

Ihre Kollegin Sabine Kroh ist da optimistischer. Aber sie hat auch jahrelang ein kleines Unternehmen geführt, das sich „Call a midwife“ nennt. Oder besser gesagt: nannte. Denn es entbehrt nicht einer bitteren Ironie, dass „Call a midwife“ im Januar Insolvenz anmelden musste. „Vor wenigen Monaten war die Zeit noch nicht reif für eine Digitalisierung der Hebammenleistungen. Durch Corona ist sie es auf einmal“, sagt Kroh.

Sie begrüßt, dass Hebammen nun plötzlich ihre videotelefonischen Beratungen bei den Krankenkassen mit ordentlichen Sätzen abrechnen können. In der Vor-Corona-Zeit war das ein Ding der Unmöglichkeit. Außerdem ist Kroh überzeugt, dass Hebammen so ihre Ressourcen schonen für die Fälle, bei denen es auf ihre körperliche Anwesenheit und Geistesgegenwart ankommt.

Mit der Hand durch den Bildschirm greifen

Welche Fälle sind das? „Stillprobleme, schlechte Rückbildung und schwerwiegende Gedeihstörungen beim Kind,“ sagt Kroh. Sie überlegt sich gern, wie sie Handlungen umschreiben kann, die sie früher einfach ausgeführt hat. Doch einmal, als sie mit einer Schwangeren in Portugal skypte, hat sie sich dabei ertappt, wie sie mit der Hand durch den Bildschirm greifen wollte.

Eine Kollegin von Kroh ist gerade schwer an Corona erkrankt. Deshalb versteht sie jene Kolleginnen, die sich ohne Erkrankung krank melden, um sich und ihre eigenen Familien zu schützen. Sie findet es unmöglich, dass viele Freiberuflerinnen im Moment ohne richtige Schutzkleidung auskommen müssen. Und dass sie in manchen Kliniken nach nur sieben Tagen Quarantäne wieder arbeiten sollen. „Hier werden Menschen verheizt,“ sagt sie wütend.

Vor ein paar Nächten war sie selbst noch als Beleghebamme im Krankenhaus. Es war ungewöhnlich still im Kreißsaal. Keine Paare klingelten an der Tür, um ihre kleinen Sorgen vorzutragen. Nur diejenigen Schwangeren, die gar nicht anders konnten, machten sich auf den Weg. Und so konnten sich alle Beteiligten ganz auf den Geburtsvorgang konzentrieren.

Langsames Kennenlernen: Die ersten Tage auf der Eltern-Kind-Station. 
Foto: Kelsey Smith/ Imago 

Die Ruhe vor dem Sturm?

Professor Dr. Wolfgang Henrich ist Chefarzt der Klinik für Geburtsmedizin an der Berliner Charité und ein Mann, der schon auf viele Lebensanfänge sein wachsames Auge geworfen hat: An den Standorten in Wedding und Mitte werden jährlich über 5700 Kinder geboren. Ich hatte gar nicht damit gerechnet, ihn ans Telefon zu bekommen. Aber er nimmt mich sogar mit auf eine kleine „Tour“ durch sein Haus, reicht sein Mobiltelefon an die leitende Hebamme weiter und an eine nette Argentinierin, die in der vergangenen Nacht eine Tochter geboren hat. Beide schwärmen von der großartigen Zusammenarbeit, die sich in den Tagen der Not entwickelt hat.

Ein Chefarzt mitten in der Corona-Krise, der sich diese Zeit nehmen kann, wie kann das sein? In den Fluren herrscht eine Stimmung, die man vielleicht als „Die Ruhe vor dem Sturm“ beschreiben kann. Die Vorbereitungen sind getroffen, alles, was man schon tun konnte, wurde getan. Es wurden getrennte Räume eingerichtet und getrennte Schränke für die Instrumente. Sämtliche Mitarbeiter tragen permanent eine Maske und werden engmaschig getestet. Bisher sind nur sehr wenige ausgefallen. Diejenigen, die nach 2-3 Wochen aus der Quarantäne zurückkehren, müssen zwei Mal negativ abgestrichen werden, bevor sie wieder zum Einsatz kommen. „Das sind dann im Grunde die idealen Mitarbeiter, da sie immun sind“, sagt Henrich pragmatisch.

Durch die Plazenta geschützt

Um zu erklären, warum er und auch die werdende Eltern ruhig sein können, zaubert er ein bisschen mit Zahlen. „Also in Berlin gibt es ca. 42.000 Geburten pro Jahr. Bis Ende März gab es schon 12.000, bleiben noch 30.000. Bei einer maximalen Durchseuchung gehen die Experten von 60 Prozent Infizierten aus. Doch die meisten Verläufe sind milde, nur fünf Prozent brauchen eine intensivmedizinische Betreuung, macht 900 schwangere Frauen, die betroffen sein könnten. Denn diese fünf Prozent Schwerkranke gehen von der Gesamtpopulation aus und schließen die Risikogruppen ein: Also ältere Menschen, insbesondere Männer und solche mit Vorerkrankungen. Schwangere Frauen sind aber meistens jung und gesund.“

Henrich sagt, dass die Chefärzte der 19 Geburtskliniken Berlins sich jetzt täglich austauschen. Und dass es seit dem 8. März wohl vier Geburten im Kontext mit COVID 19 in vier Kliniken gegeben habe. Glücklicherweise gab es nur eine schwerwiegend Erkrankte bisher. Sie werde intensivmedizinisch versorgt, und dem Säugling gehe es gut. – „Viele Zusammenhänge sind noch nicht hinreichend erforscht. Doch im Moment sieht es so aus, als ob der Fötus durch die Plazenta geschützt wäre und eine Corona-Infektion bei Säuglingen und kleinen Kindern in der Regel asymptomatisch bzw. milde verläuft,“ beschwichtigt Henrich.

Väter dürfen bei der Geburt dabei sein - nach wie vor.

Außerdem: Die Väter - oder eine andere Person aus dem Haushalt der Schwangeren – dürfen in den Geburtsräumen der Charité weiterhin dabei sein. Danach dürfen sie auf Wunsch in „Familienzimmern“ auf der Eltern-Kind-Station bleiben, wenn sie das Haus zwischendurch nicht verlassen. Durch Corona verabschieden sich die meisten Mütter schneller von der Eltern-Kind-Station-Station als früher. Viele lassen die U2-Untersuchung, die man frühestens 42 Stunden nach der Geburt des Kindes machen kann, dann in einer Kinderarzt-Praxis vornehmen.

Das Erwägen einer Hausgeburt sieht Henrich allerdings kritisch: Schließlich müssten 35 Prozent der Erstgebärenden bei einer Hausgeburt ins Krankenhaus verlegt werden. Wegen eines Geburtsstillstandes, Schmerzen, Blutungen oder Verletzungen. 9 Prozent kämen anschließend wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung in psychiatrische Behandlung. - Emine Babaç würde wahrscheinlich kontern: „Es kommt im Leben immer darauf an, was man als Risiko empfindet.“

Gestern konnte Elena Barth übrigens zum ersten Mal mit ihrem Sohn nach draußen gehen. Als sie ihren Kinderwagen durch die leeren Straßen schob, schoss ihr ein seltsamer Gedanke durch den Kopf: Dass die ganze Welt gerade im „Wochenbett“ liegt. Nur zu Hause spielt noch die Musik.