Wegen Corona gehen derzeit viele Patienten auch mit ernsten Beschwerden nicht zum Arzt.
Foto:  imago images/photothek

BerlinBereits seit Wochen warnen Berliner Kliniken, dass viel weniger Patienten mit Herzinfarkt oder Schlaganfall in die Rettungsstellen kommen. Sie scheuen Wartezimmer, weil sie fürchten, sich bei anderen Patienten anzustecken. Doch es gibt noch viel mehr Krankheiten, die die Betroffenen jetzt nicht ernst genug nehmen. „In unseren Praxen haben wir immer noch 30 bis 40 Prozent weniger Patienten als sonst“, klagt Wolfgang Kreischer, Vorsitzender des Hausärzteverbandes Berlin und Brandenburg. Zahnärzte verzeichnen sogar ein Minus von bis zu 80 Prozent. Bei vielen Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen nahmen die Anfragen einer Umfrage zufolge um bis zu 50 Prozent ab.

Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin befürchtet sogar, dass unbehandelte Beschwerden über kurz oder lang zu vermehrten Todesfällen führen könnten. „Das sind die stillen Opfer der Krise“, warnt Chefarzt Roland Raakow vom Vivantes-Klinikum Am Urban. Nachfolgend ein Überblick, bei welchen ernsthaften Beschwerden Patienten dringend ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen sollten.

Grafik: Berliner Zeitung/Galanty

1. Gehirn: Rund 130.00 Berlinerinnen und Berliner erleiden pro Jahr einen Schlaganfall. Oft sind die Symptome deutlich. Manchmal treten sie aber nur leicht auf – und einseitige Lähmungen, Sprech- oder Sehstörungen verschwinden wieder. „Trotzdem sind auch diese vorübergehenden Erscheinungen absolute Notfälle und gehören umgehend in die Klinik“, gibt Neurologie-Chef Matthias Endres von der Charité zu bedenken. „Sie sind oft nur Vorboten eines schweren Schlaganfalls.“ Dann müsse die Behandlung innerhalb weniger Stunden einsetzen, andernfalls sterbe Hirngewebe ab.

2. Zähne: „Zahnschmerzen sind immer ein Alarmsymptom, selbst wenn sich die Beschwerden wieder bessern“, sagt Zahnärztin Katrin Perka aus Lichtenrade. Die Besserung wäre mitunter nur vorübergehend, etwa wenn der Nerv abgestorben ist, sich Bakterien ansiedeln und Entzündungen auslösen können. Bei Schmerzen also immer zum Zahnarzt. „Wir sehen jetzt leider auch viele gefährliche Schäden durch Zahnfleischentzündungen“, sagt Katrin Perka. Was sie auf unzureichendes Zähneputzen zurückführt. Falls man die professionelle Zahnreinigung ausfallen ließ, sollte man sie nachholen.

3. Schilddrüse: Wenn Schilddrüsen-Patienten ohne erkennbaren Grund an Gewicht verlieren oder Symptome wie Herzklopfen oder Durchfälle auftreten, sollte man die Sprechstunde aufsuchen, empfiehlt Allgemeinmediziner Wolfgang Kreischer aus Dahlem. Mit Ultraschall und Szintigrafie kann der Arzt etwa Knoten erkennen. „Das ist wichtig, weil sie manchmal zu Krebs entarten können“, so Kreischer.

4. Schulter: Etwa vier bis fünf Prozent aller eingesetzten Schulterprothesen können sich später durch Bakterien und Infektionen im Körper entzünden. „Die Schulter tut dann weh, wird warm und die Funktion ist oft beeinträchtigt“, so Orthopädie-Chef Carsten Perka von der Charité. „In solchen Fällen muss man zum Arzt, um das Gelenk funktionstüchtig zu erhalten.“

5. Herz: Auch in Berlin ging die Zahl der Infarktpatienten zuletzt um 25 bis 30 Prozent zurück. „Doch bei akuten Brustschmerzen oder plötzlicher Atemnot sollte man nach wie vor sofort den Notarzt rufen“, fordert Volkmar Falk, Chef des Deutschen Herzzentrum Berlin. „Verschlossene Herzkranzarterien im Rahmen eines Infarktes müssen sofort eröffnet werden, da darf man nicht stundenlang warten, weil sonst Herzmuskelgewebe abstirbt.“ Auch Patienten mit Herzschrittmachern sollten ihre Kontrolltermine unbedingt wahrnehmen, damit die Batterien immer genug geladen sind.

6. Brust: „Knoten in der Brust, blutige Absonderungen aus der Brustwarze und tastbar vergrößerte Lymphknoten in der Achselhöhle können auf Brustkrebs hindeuten“, warnt Chefarzt Michael Untch vom Helios-Klinikum Berlin-Buch. „Knoten muss man immer abklären, denn nur mit Ultraschall und Mammographie kann der Arzt unterscheiden, ob Krebsverdacht vorliegt oder nur eine harmlose mit Flüssigkeit gefüllte Zyste.“

7. Wirbelsäule: „Nur wenn zusätzlich zu starken Rückenschmerzen auch Taubheit oder Lähmungserscheinungen im Bein oder Störungen beim Wasserlassen und Stuhlgang auftreten, dann muss man Bandscheibenvorfälle oder Entzündungen an der Wirbelsäule rasch behandeln“, sagt Wirbelsäulen-Liga-Präsident Reinhard Schneiderhan.

8. Haut: „Wenn sich innerhalb weniger Wochen und Monate ein neuer Leberfleck bildet oder wenn sich bestehende Muttermale oder Leberflecken verändern und etwa asymmetrisch oder mehrfarbig aussehen, zum Beispiel in mehreren Brauntönen, dann sollte man das möglichst bald von einem Hautarzt begutachten lassen“, rät Dermatologe Matthias Steinhoff aus Schöneberg. „Hier könnte ein schwarzer Hautkrebs vorliegen, der häufig Metastasen bildet, wenn man ihn zu spät behandelt.“ Ein weiterer Notfall wäre die Wundrose. „Dabei kommt es zu schmerzhaften Rötungen, häufig am Unterschenkel, die meist mit Schüttelfrost und Fieber einhergehen. Hier muss der Arzt dringend Antibiotika geben, weil sonst sogar eine Blutvergiftung droht.“ Auch eine oft schmerzhafte Gürtelrose am Kopf oder im Gesichtsbereich ist ein Notfall für den Hautarzt.

9. Magen: In der Corona-Zeit greifen viele Patienten mit Gelenk- oder Rückenproblemen zu starken Schmerzmitteln wie zum Beispiel Ibuprofen oder Diclofenac. „Bei lang anhaltender Einnahme und hoher Dosierung greifen diese Tabletten typischerweise die Magenschleimhaut an“, sagt Chefarzt Raakow vom Vivantes-Klinikum Am Urban. „Es können dann Magenblutungen bis hin zu gefährlichen Durchbrüchen entstehen. Dabei treten dramatische Schmerzen auf, die man deshalb rasch vom Arzt abklären lassen sollte.“

10. Darm: In den vergangenen Wochen wurden deutlich weniger Vorsorgetests auf Blut im Stuhl und Darmspiegelungen zur Krebsfrüherkennung gemacht. „Dadurch wurden möglicherweise schwere Erkrankungen verschleppt“, beklagt Chefarzt Christoph Sarrazin aus Wiesbaden. „Diese Vorsorgeuntersuchungen sollten jetzt dringend wieder starten.“

11. Galle: Bei akuten starken Schmerzen im rechten Oberbauch direkt unter dem Rippenbogen bestehe der Verdacht auf eine Entzündung der Gallenblase, sagt Chefarzt Roland Raakow vom Vivantes-Klinikum Am Urban. „Das sind dann Dauerschmerzen und keine Koliken mehr“, so der Mediziner. Bestätigen die Untersuchungen den Verdacht, sollte innerhalb von 24 Stunden operiert werden. Das geht heute in der Regel minimalinvasiv mit endoskopischen Sonden. „Wartet man mit der OP zu lange, steigt die Komplikationsrate.“

12. Bauch: Bei schwersten kolikartigen Schmerzen, die oft zusammen mit Verstopfung und Erbrechen auftreten, besteht die Gefahr eines Darmverschlusses. Vivantes-Chefarzt Raakow: „Oft ist dabei auch der Bauch aufgebläht und die Patienten schwitzen stark, sodass manche an einen Herzinfarkt denken. Hier muss man zügig in die Notaufnahme der Klinik, eine OP ist dann dringend erforderlich.“

13. Blinddarm: Hinter heftigen Schmerzen im rechten Unterbauch kann sich eine akute Blinddarmentzündung verbergen. „Das muss man schnell operieren, sonst droht ein Blinddarmdurchbruch“, sagt Chirurg Raakow. Das wiederum sei gefährlich, weil sich dadurch das gesamte Bauchfell entzünden kann. „Wegen Corona kommen die Patienten leider deutlich später als sonst“, klagt Raakow. „Statt bei nur acht bis zehn Prozent der Patienten sehen wir in letzter Zeit bei 25 bis 30 Prozent der Betroffenen solche gefährlichen Durchbrüche.“

14. Gebärmutter: „Wenn auch nach den Wechseljahren wieder Blutungen auftreten, kann das ein Zeichen für Gebärmutterkrebs sein“, so Chefarzt Michael Untch vom Helios-Klinikum Berlin-Buch. „Wenn der Bauchumfang ohne erklärbaren Grund zunimmt und Kleider und Röcke enger werden, könnte auch Eierstockkrebs vorliegen. Chemo- und Antikörpertherapien sollten auf jeden Fall fortgeführt werden.“

15. Schwangerschaft: „Die Ultraschalluntersuchungen zur Mutterschaftsvorsorge im ersten, zweiten und dritten Drittel der Schwangerschaft sind trotz Corona sehr wichtig“, erklärt Frauenarzt Michael Untch. Dabei würden auch Blutdruck sowie Blut- und Urinwerte kontrolliert. „Bei Risikoschwangerschaften sind sogar noch häufigere Untersuchungen nötig.“ Kurse zur Geburtsvorbereitung finden online statt und jetzt auch wieder häufiger ganz normal in den Kliniken unter Einhaltung der Hygieneregeln.

16. Hüfte: „Neu aufgetretene oder plötzlich schlimmer gewordene Schmerzen, die auch nach ein bis zwei Wochen nicht besser werden, sollte man untersuchen lassen“, rät Orthopäde Perka. Es könnte ein Knorpelschaden vorliegen, der im Anfangsstadium eventuell noch gut behandelbar wäre. „Bei akuten Schmerzen in der Leiste, bei denen der Patient hinkt, könnte auch eine Durchblutungsstörung des Hüftkopfes vorliegen. Dabei stirbt Knochengewebe ab.“

17. Leiste: Schmerzen in der Leiste, die bei Männern auch in den Hodensack ziehen können, können ein Zeichen für einen Leistenbruch sein. „Besonders dann, wenn man dabei eine deutliche Vorwölbung sieht und spürt, die nicht mehr zurückrutscht, droht Gefahr“, beschreibt Vivantes-Chefarzt Raakow die wichtigsten Symptome. „Wenn hier nicht rechtzeitig operiert wird, könnte sich dabei ein Stück Darm einklemmen und absterben. Spätestens bei einer solchen Einklemmung sollte die OP notfallmäßig innerhalb von zwölf Stunden erfolgen.“

18. Knie: Bei Bewegung und Belastung auftretende Knieschmerzen, die länger als zwei Wochen anhalten, können auf einen Meniskus- oder Bänderschaden hinweisen. „Ohne Behandlung drohen Folgeschäden durch Schon- und Fehlhaltungen“, warnt Klinik-Direktor Perka. „Bei Ruheschmerzen könnte auch eine Infektion vorliegen.“

19. Venen: „Wenn das Bein plötzlich weh tut, dick wird, sich rötet und warm anfühlt, könnte eine tiefe Beinvenenthrombose vorliegen“, sagt Chefarzt Michael Knop von der Havelklinik in Gatow. Das trete häufig nach längerem Sitzen auf oder auch wenn man zu wenig getrunken habe. Knops Tipp: Hier sollte der Arzt zeitnah eine Ultraschalluntersuchung machen. Ähnliche Symptome treten auf, wenn sich eine Venenentzündung gebildet hat. Auch diese wäre ein gefäßmedizinischer Notfall.

20. Beine: Viele ältere Menschen leiden unter verengten Arterien im Bein. Ursache sind z. Bsp. Rauchen und Arteriosklerose. Werden die Engstellen nicht rechtzeitig durch Medikamente oder in fortgeschrittenen Fällen auch durch eine Operation behandelt, können die Patienten einen Beininfarkt erleiden, wenn sich das Blutgefäß plötzlich ganz verschließt. „Bei diesen akuten Notfällen kommt es zu verheerenden Schmerzen und das Bein erscheint fast weiß, weil es nicht mehr durchblutet wird“, so Chirurg Raakow. „Hier muss sofort behandelt werden, meist durch gefäßchirurgische Katheter-Eingriffe oder Operationen, sonst stirbt Gewebe ab.“