Berlin - Erinnerungen sind trügerisch. Je häufiger ein Erlebnis im Gedächtnis abgerufen wird, desto mehr verändert es sich. „Neue Informationen werden angeheftet, alte Informationen können überschrieben werden“, sagte jüngst der Neuropsychologe Michael Niedeggen von der Freien Universität (FU) Berlin im Interview mit der Berliner Zeitung. 200 Beobachter eines Ereignisses lieferten 200 unterschiedliche Berichte. Menschen können sich sogar glaubhaft und plastisch an Dinge erinnern, die nie passiert sind. Forscher der Fernuniversität in Hagen haben nun in einer Studie untersucht, ob man solche falschen Erinnerungen korrigieren kann.

„Der muss es doch wissen, der war doch selbst dabei!“, solche Sätze hört man nicht selten, wenn es um Erinnerungen geht. Aber viele Psychologen, Kriminalisten und  Historiker wissen inzwischen, dass persönlichen Erinnerungen nur bedingt zu trauen ist. Denn es handelt sich nicht um „unveränderliche Aufnahmen“, wie es in einer Mitteilung zur Studie der Fernuniversität Hagen heißt. „Vielmehr sind sie situative Rekonstruktionen, die sich sogar aus fremden Quellen speisen können. Manche Kindheitserinnerungen setzen sich zum Beispiel allein aus anschaulichen Erzählungen der Eltern zusammen. So können sich unbemerkt auch falsche Erinnerungen ins Gedächtnis einschleichen.“

Spektakuläres Gerichtsverfahren um Missbrauchsvorwürfe

„Das ist höchst relevant für die psychologische Praxis“, sagt die Psychologie-Professorin Aileen Oeberst, Leiterin des Lehrgebiets Medienpsychologie an der Fernuniversität. Für die Frage, wie beeinflussbar die Erinnerungen sind, interessiert sich seit einigen Jahrzehnten die Gedächtnisforschung. Eine ihrer wichtigsten Vertreterinnen ist die US-amerikanische Psychologin Elizabeth Loftus, 1944 in Los Angeles geboren. Bereits seit den 1970er-Jahren machte sie mit ihren Studenten Gedächtnis-Experimente, an denen bis Ende der 1990er-Jahre etwa 20.000 Probanden teilnahmen. Elizabeth Loftus interessierte vor allem die Glaubwürdigkeit von Augenzeugenberichten. Sie sagte: „Setzt man die Zeugen eines Geschehens nachträglich neuen und irreführenden Schilderungen eines Ereignisses aus, so werden ihre Erinnerungen daran verzerrt.“ 

Loftus war Gutachterin in etwa 250 Gerichtsverfahren. In einem bekanntesten davon ging es um Missbrauchsvorwürfe in einer Vorschule in Manhattan Beach (Kalifornien) in den 1980er-Jahren. Bei Untersuchungen der Vorwürfe durch Mitarbeiter einer Klinik in Los Angeles waren hier etwa 400 Kinder mit suggestiven Methoden befragt worden. Unter anderem hatte man dabei anatomisch korrekte Puppen genutzt. Im Ergebnis der Untersuchungen wurde 1984 behauptet, dass an mehr als 360 Kinder sexualisierte Gewalt ausgeübt worden sei. Die Direktorin der Klinik, des Children’s Institutes International (CII), Kee MacFarlane, sprach sogar von satanischen Ritualen und einer landesweiten Verschwörung. Doch die Vorwürfe erwiesen sich als haltlos. Der Prozess endete mit dem Freispruch aller Angeklagten. Die Ereignisse bildeten auch die Vorlage für ein Justizdrama. 1995 erschien der Film Unter Anklage – Der Fall McMartin.

„Selbst die kostbarsten Erinnerungen an unsere Kindheit lassen sich formen und umformen wie eine Kugel aus Lehm“, sagte Julia Shaw, Autorin des Buches „Das trügerische Gedächtnis: Wie unser Gehirn Erinnerungen fälscht“ (Carl Hanser Verlag, 2016). Die 1987 geborene deutsch-kanadische Rechtspsychologin berichtete unter anderem über eigene Versuche, Gedächtnisse zu beeinflussen.

Dies kann übrigens in ganz verschiedene Richtungen geschehen. So können Menschen sich auch selbst glaubhaft einreden, dass bestimmte Dinge nicht passiert seien, dass sie zum Beispiel bestimmte Taten nicht begangen hätten. Psychologen sprechen von einer „tatbezogenen Amnesie“, die allerdings nicht selten auch vorgespielt wird. Im Interesse und zum Schutz der Opfer haben Fachleute hier eine große Verantwortung. Dies gilt nicht zuletzt auch bei Fällen von sexualisierter Gewalt, bei der sich Opfer mitunter allein gelassen fühlen, weil Täter sich „nicht mehr erinnern“ können. „Ein Sachverständiger, der anlässlich einer forensischen Begutachtung mit einer geltend gemachten tatbezogenen Amnesie konfrontiert wird, tut gut daran, diese kritisch zu hinterfragen“, schrieb eine Autorengruppe von Psychologen, Neurologen und Forensikern in der 2012 erschienenen Publikation „Tatbezogene Amnesien – authentisch oder vorgetäuscht?“ 

Falsche Kindheitserinnerungen glaubhaft eingepflanzt

Experten, die sich mit der Psyche und den Erinnerungen von Menschen befassen, haben generell eine hohe Verantwortung. Die Psychologinnen der Fernuniversität Hagen wollten mit ihrer Studie auch an diese Tatsache erinnern. Und sie wollten herausfinden, ob man falsche Erinnerungen wieder rückgängig machen kann. „Und zwar auf eine Art, die sich in der Praxis auch tatsächlich umsetzen ließe“, sagt die Psychologin Aileen Oeberst.

Zunächst unternahmen die Psychologinnen dafür ähnliche Versuche wie Elizabeth Loftus. Unter einem bestimmten Vorwand interviewten sie 52 erwachsene Versuchspersonen, mehrere Male in einem bestimmten Zeitraum. Durch wiederholtes Nachfragen gelang es, bei mehr als der Hälfte der Testpersonen innerhalb von zwei Wochen unechte Kindheitserinnerungen hervorzurufen. „Dabei handelte es sich um negative aber nicht traumatische Erinnerungen“, heißt es in der Mitteilung der Fernuni. „Manche machte das Forschungsteam zum Beispiel glauben, sie seien als Kind im Urlaub verloren gegangen oder ein Hund hätte sie angefallen.“ Die Eltern der Probanden hätten dabei geholfen, die erfundenen Geschichten zu plausibilisieren, indem sie den Forschenden Kontextinfos lieferten und Ereignisse beschrieben, die ihre Kinder tatsächlich erlebt hatten.

Solche Versuche werden sicher auch sehr kritisch betrachtet, greift man doch dabei in die ureigene Sphäre eines Menschen ein. Aber den Psychologinnen ging es eigenen Aussagen zufolge darum, mehr Erkenntnisse zu gewinnen, aufzuklären und die Sensibilität für die „suggestive Beeinflussbarkeit von Erinnerungen“ zu erhöhen.

Im zweiten Teil der Studie versuchten sie, „die Fehler im Gedächtnis zu korrigieren“. „Die erste Maßnahme war ein Quellen-Monitoring. Hier haben wir die Versuchspersonen gebeten, nochmal zu überlegen, ob sie wirklich selbst die Quelle ihrer Erinnerung sind – oder nicht vielleicht doch ein Foto oder die Erzählung von Verwandten“, erzählt die Psychologin Merle Wachendörfer. Die zweite Maßnahme sollte die Probanden noch weiter sensibilisieren. „Wir haben erklärt, was die Forschung über falsche Erinnerungen weiß und dass wiederholtes Abrufen von Kindheitserinnerungen gelegentlich dazu führen kann, dass man sich an etwas erinnert, das gar nicht stattgefunden hat.“

Danach seien die Versuchspersonen gebeten worden, ihre Erinnerungen nochmal durchzugehen und sich zu melden, sollte ihnen zufällig auch eine ihrer Erinnerungen falsch vorkommen. Die meisten hätten sich gemeldet, so die Psychologinnen. „Wir haben am Ende natürlich alle aufgeklärt, worum es in der Studie ging“, versichert Oeberst. Niemand sei mit der falschen Erinnerung zurückgelassen worden.

Suggestive Therapien können großen Schaden anrichten

In der Praxis findet dies aber oft nicht statt – nicht nur in juristischem Kontext, wenn es zu Aussagen aufgrund falscher Erinnerungen kommt, sondern auch in der klassischen Therapie-Situation. Wenn Therapeuten von einer bestimmten Theorie überzeugt sind, können sie Patienten versehentlich die dazu passenden Erinnerungen einpflanzen. „Stellen Sie sich vor, Sie leiden unter etwas und suchen Hilfe“, sagte die Rechtspsychologin Julia Shaw in einem Interview. „Besonders wenn es um Depressionen, Angstzustände oder Essstörungen geht, erklärt Ihnen der Therapeut möglicherweise: Ihr Problem wurzelt in Ihrer Kindheit, Sie haben ein Trauma.“ Und oft versuchten Therapeuten, „verschüttete Erinnerung auszugraben“, indem sie die Patienten anregten, sich detailliert vorzustellen, was passiert sein könnte. So baue sich über Wochen eine falsche Erinnerung auf, die sich absolut echt anfühle.

„Über die Hälfte unserer Versuchspersonen hat in nur zwei Wochen falsche Erinnerungen entwickelt“, sagt die Hagener Psychologin Aileen Oeberst. Und sie fragte, was dann eine suggestive Therapie anrichten könne, die über Monate und Jahre geht. „Leuten, die erst nach vielen Jahren in der Therapie anfangen zu glauben, ihnen sei in der Kindheit dieses und jenes passiert, muss man also sagen: Es ist nicht unwahrscheinlich, dass es sich dabei um falsche Erinnerungen handelt.“