Unter Schwarzen in den USA ist die Corona-Impfquote vielerorts geringer als in anderen Bevölkerungsgruppen. Ein Grund dafür soll das Misstrauen der Regierung und dem Gesundheitssystem gegenüber sein. US-Medienberichten zufolge wirken hier auch Erfahrungen mit einem grausamen Experiment nach, das vor 50 Jahren aufgedeckt wurde. Einige nennen es den Tuskegee-Effekt. Es geht um eine Studie, bei der Menschen von Regierungsärzten einem oft furchtbaren Weg in den Tod überlassen wurden.

„Die entscheidende Lehre aus der Tuskegee-Studie ist, dass das Gewissen des Forschers viel wichtiger ist als alle Vorschriften der Welt“, erklärt der Intensiv- und Lungenmediziner Martin Tobin im American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine. Die Tuskegee-Studie hatte im Jahr 1932 begonnen, durchgeführt vom Public Health Service, einer dem US-Gesundheitsministerium unterstehenden Behörde und Vorläufer des heutigen Centers for Disease Control and Prevention (CDC).

In der Studie wurde 399 afroamerikanischen, mit Syphilis infizierten Männern aus der Gegend um die Kleinstadt Tuskegee in Alabama absichtlich und ohne ihr Wissen eine wirksame Therapie vorenthalten. 201 nicht infizierte Männer bildeten die Kontrollgruppe. Ziel war es, das Fortschreiten der Krankheit und ihre Spätfolgen zu beobachten. Bei Verstorbenen wurde eine Autopsie gemacht. Die Studie hatte überhaupt keinen wissenschaftlichen Wert. Denn die grausigen Folgen der Syphilis waren schon seit Jahrhunderten bekannt.

US-Mediziner infizierten Guatemalteken absichtlich mit Syphilis und Gonorrhoe

Dutzende der Männer litten und starben an der Krankheit, obwohl sie seit 1943 durch Penizillin hätten geheilt werden können. Die Studie wurde erst 1972 beendet, als der junge Sozialarbeiter Peter Buxtun die Medien über das menschenverachtende Experiment informierte und diese breit berichteten. Zu diesem Zeitpunkt lebten noch 74 der Menschen, die den Beginn der Studie mitgemacht hatten. Zuvor hatte Buxtun jahrelang vergeblich versucht, bei den Behörden die Einstellung der Studie zu erreichen. Die amerikanische Öffentlichkeit war entsetzt, der Kongress führte Vorschriften zur Durchführung medizinischer Forschung ein. Strafen für die Verantwortlichen gab es nicht.

Erst im Jahr 2010 sei dann bekannt geworden, dass dieselbe Gruppe von Forschern in den 1940er-Jahren Hunderte Guatemalteken absichtlich mit Syphilis und Gonorrhoe infiziert hatte, um bessere Mittel zur Verhinderung dieser Infektionen zu entwickeln, ergänzt Martin Tobin, Professor an der Loyola University of Chicago in Maywood, in seinem Beitrag. Auch sie erlitten schlimme Qualen, viele starben.

Als die Menschenversuche in der Region Tuskegee begannen, sei Syphilis noch eine der am meisten gefürchteten Krankheiten der Welt gewesen, sagte Tobin. Schätzungen zufolge sei im frühen 20. Jahrhundert einer von zehn Amerikanern erkrankt. Es handelt sich um eine sexuell übertragbare, chronisch verlaufende Erkrankung, verursacht vom Bakterium Treponema pallidum.

Wird sie nicht behandelt, können Haut und Organe massiv befallen werden, es bilden sich Ausschläge, Knoten und Geschwüre. Im Endstadium kommt es zur Zerstörung des zentralen Nervensystems – mit furchtbaren Auswirkungen für die Betroffenen wie Lähmungen, Schmerzanfällen, Erblindung und fortschreitendem Verlust des Verstandes, die auch eine immense Last für betreuende Angehörige bedeuteten.

Die beteiligten Forscher nahmen bewusst Leid und Tod in Kauf

Seit den 1920er-Jahren gab es Tobin zufolge Behandlungsmöglichkeiten. Diese wurde aber den Männern aus der Tuskegee-Studie – zumeist arme, in sklavereiähnlichen Zuständen lebende Landarbeiter – jahrzehntelang vorenthalten. Frauen wurden angesteckt, die wiederum tote oder infizierte Babys zur Welt brachten. Den beteiligten Forschenden war das unsägliche Leid bewusst, sie nahmen es in Kauf.

Als Arzt, der selbst seit mehr als 45 Jahren Forschung an Patienten betreibe, frage er sich, wie sich Ärzte und Wissenschaftler selbst davon überzeugen konnten, dass es moralisch akzeptabel sei, verstörende Experimente an unwissenden Menschen durchzuführen, sagt Tobin, der auch am Hines Veterans Affairs Hospital arbeitet.

Die Studie sei zudem nicht etwa im Geheimen durchgeführt worden. Die US-Gesundheitsbehörde CDC habe über die schrecklichen Komplikationen einer unbehandelten Syphilis in 15 Artikeln berichtet, die in öffentlichkeitswirksamen medizinischen Fachzeitschriften präsentiert wurden. „Aber kein einziger Arzt irgendwo auf der Welt veröffentlichte einen Protest.“

Es geht „um die gesamte Ärzteschaft auf der ganzen Welt“

„Es geht also nicht nur um amerikanische Ärzte. Es geht nicht nur um die CDC, sondern um die gesamte Ärzteschaft auf der ganzen Welt“, sagt Tobin. Es habe auch danach noch fragwürdige Studien gegeben – etwa zur Behandlung von HIV, bei der schwangeren Frauen in Afrika in der Kontrollgruppe ein Placebo statt des wirksamen Mittels gegeben wurde, das eine Übertragung auf das Neugeborene verhindert.

„Man muss immer auf der Hut sein“, ist Tobin überzeugt. Es sei naiv zu glauben, dass sich etwas Schreckliches nicht wiederholen könne. „Und so naiv dürfen wir nicht sein.“ Unethische Studien werde es immer wieder geben – ebenso wie Beteiligte, die nicht nachdenken, sondern blindlings den Vorgaben folgen. Vorsichtsmaßnahmen und Regeln, wie die nach den Berichten über das Tuskegee-Experiment in den USA entwickelten, seien sehr wichtig. Das wichtigste aber sei, dass ein Forscher oder Arzt selbst über ethische Fragen nachdenke und diese auch anspreche, betont Tobin. „Schweigen kann tödlich sein.“

Umstrittene Human-Challenge-Studien in Großbritannien

Man solle nicht zu überzeugt davon sein, selbst gegebenenfalls auf jeden Fall die moralisch richtige Entscheidung zu treffen. Es sei viel wahrscheinlicher, in die Fußstapfen der vielen an der Tuskegee-Studie beteiligten, schweigenden Ärzte und Wissenschaftler zu treten, als der eine Peter Buxtun in über 40 Jahren zu sein, der das System mutig infrage stelle und dafür auch Anfeindungen ertrage. Schließlich drohe Ärger mit Vorgesetzten oder sogar der Verlust von Arbeitsplatz und Karriere.

Für viel Aufsehen hatten im vergangenen Jahr sogenannte Human-Challenge-Studien in Großbritannien gesorgt. Junge Freiwillige wurden ohne vorherige schützende Impfung gezielt mit Corona infiziert. „Das Human-Challenge-Programm wird die Entwicklung von Impfstoffen und Behandlungen gegen Covid-19 verbessern und beschleunigen“, hieß es von der britischen Regierung.

Kritiker wiesen darauf hin, dass sich Langzeitschäden bei Covid-19 auch bei jungen, gesunden Menschen nicht ausschließen lassen. Menschen würden vorsätzlich in Gefahr gebracht, obwohl es Alternativen gebe. Zu jener Zeit infizierten sich allein in Großbritannien täglich Tausende Menschen mit Corona, die Analyse ihrer Daten brachte etliche neue Erkenntnisse, ganz ohne die absichtliche Ansteckung von Menschen.

Ethische Fragen bleiben für Forscher immer aktuell

Erst im Februar waren dann erste Zwischenergebnisse der Human-Challenge-Analysen präsentiert worden – die allerdings bereits veraltet waren, weil inzwischen ganz andere Varianten des Virus kursieren. Ursprünglich hatten die Wissenschaftler gehofft, mit ihrer Forschung die Entwicklung von Impfstoffen beschleunigen zu können. Doch diese kamen auch mit klassischen klinischen Tests in Rekord-Geschwindigkeit zum Einsatz.

Das Beispiel zeigt: Ethische Fragestellungen bleiben aktuell. Einfach blindlings allen anderen zu folgen, sei für Ärzte und Wissenschaftler keine Option, betont Tobin. „Wenn jemand in der Forschung tätig ist und glaubt, dass die Forschung, an der er beteiligt ist, unethisch ist, hat er natürlich die moralische Verpflichtung, dem nachzugehen, weil sonst Patienten zu Schaden kommen.“

Dinge zu reflektieren, das eigene Gewissen zu prüfen, der Mut zu sprechen und „vor allem der Wille zum Handeln“ seien in allen Lebensbereichen von zentraler Bedeutung, betont Tobin. Sich Ereignissen wie der Tuskegee-Studie bewusst zu sein, sei die „beste Verteidigung gegen zukünftige Fehler und Übertretungen“.

Der Lungenspezialist Martin Tobin war im April 2021 Sachverständiger für die Staatsanwaltschaft im Strafprozess gegen einen Polizeibeamten, der im Mai 2020 in Minneapolis George Floyd getötet hatte. Struktureller Rassismus sei nach wie vor ein Problem in den USA, auch im Gesundheitswesen, ist er überzeugt.

Rassendiskriminierung senkt Impfbereitschaft ethnischer Minderheiten

Eine gerade erst im Journal of the Royal Society of Medicine veröffentlichte Analyse belegt, dass Rassismus und ethnische Diskriminierung im Gesundheitswesen die Impfbereitschaft ethnischer Minderheiten beeinflussen. Viele Menschen aus solchen Gruppen in Großbritannien, die eine Impfung ablehnten, hatten demnach seit Beginn der Pandemie rassistische Diskriminierung in einem medizinischen Umfeld erlebt. Rassendiskriminierung im Gesundheitswesen führe zu geringerem Vertrauen der Betroffenen in das Gesundheitssystem, in der Folge werde die Corona-Impfung häufiger verweigert, erläutern die Forschenden um Elise Paul vom University College London. (dpa/fwt, BLZ)