Menschen mit starkem Übergewicht haben ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf einer Covid-19-Erkrankung.
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BerlinSind Sie zu dick? Oder gar zu fett? Diese Frage zielt nicht auf Ihr subjektives Empfinden beim Blick in den Spiegel. Nein, es geht um die wissenschaftliche Definition von Übergewicht. Also, ob Ihr Body-Mass-Index (BMI) über 30 liegt. Oder sogar deutlich darüber. Starkes Übergewicht, auch Adipositas genannt, liegt zum Beispiel vor, wenn ein 1,80 Meter großer Mann mehr als 128 Kilogramm wiegt.

In diesem Fall sollten Sie sich noch besser vor einer Corona-Ansteckung schützen und alle neuen Regeln besonders sorgfältig beachten. „Denn Menschen mit starkem Übergewicht haben nicht nur ganz allgemein ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes, sondern auch für einen schweren Verlauf einer Covid-19-Erkrankung“, warnt Knut Mai. Er muss es wissen. Der Professor ist Oberarzt der Medizinischen Klinik für Endokrinologie und Stoffwechselmedizin der Charité hat sich unter anderem auf Adipositas-Forschung und auf die Untersuchung und Behandlung von Menschen mit starkem Übergewicht spezialisiert.

Erkrankt also ein stark übergewichtiger Patient an Corona, ist es oft nicht mit einfachen Grippe-Symptomen getan, wie bei den meisten Betroffenen. Dann drohen öfter Klinik, Intensivstation und sogar künstliche Beatmung.

60 bis 80 Prozent der Intensiv-Fälle sind übergewichtig

Für Menschen mit Übergewicht lohnt es sich also, den eigenen Body-Mass-Index anhand von Körpergröße und -gewicht auszurechnen, um zu wissen, ob und wie stark man dieser erhöhten Gefahr ausgesetzt ist.

Ein Blick in die Intensivstationen weltweit zeigt: Oft sind 60 bis 80 Prozent der dort behandelten Corona-Patienten übergewichtig oder adipös. Neben Alter, Bluthochdruck sowie Vorerkrankungen an Lunge, Herz und Kreislauf wurde starkes Übergewicht als weiterer gefährlicher Risikofaktor entdeckt. Das haben wissenschaftliche Studien inzwischen bewiesen.

Eine aktuelle Untersuchung an über 4100 Covid-Patienten in New York hat beispielsweise gezeigt, dass das Risiko für einen schweren Verlauf bei einem BMI zwischen 30 und 40 um das Vierfache und bei einem BMI über 40 sogar um das Sechsfache anstieg.

Im Deutschen Ärzteblatt berichten Intensivmediziner der Uniklinik Aachen immerhin noch von einem doppelt so hohen Risiko durch Adipositas. Bei den von ihnen untersuchten künstlich beatmeten Corona-Patienten litten sogar 83 Prozent unter starkem Übergewicht.

Fettgewebe hindert Lunge bei der Arbeit

Auf die Frage, warum das so ist und auf welche Weise ein hohes Körpergewicht den Verlauf einer SARS-Cov-2 Erkrankung beeinflusst, hat Charité-Oberarzt Mai gleich mehrere Erklärungen: „Zum einen drückt das reichlich vorhandene Fettgewebe im Bauchraum von unten auf das Zwerchfell und schränkt seine Bewegung ein. Dadurch kann sich die Lunge nicht mehr richtig ausdehnen, sie wird nicht mehr gut belüftet. Durch diese verminderte Atmung wird sie anfälliger für Infektionen und Infekte in der Lunge können nicht mehr so gut heilen.“

Ein zweiter Grund läge in entzündlichen Prozessen, die gerade bei einer bauchbetonten Adipositas besonders aktiv seien. Denn das Fettgewebe verfüge wie auch die Schleimhaut in der Lunge oder die Innenhaut der Blutgefäße über Rezeptoren für sogenannte ACE-2-Enzyme. An diesen Rezeptoren docken jedoch nicht nur die Enzyme, sondern auch die Corona-Viren an und dringen über sie in die Zellen ein, um sich dort zu vermehren. Weil bei adipösen Menschen sehr viel Fettgewebe vorhanden sei, hätten sie auch mehr ACE-2-Rezpetoren. Je größer das Übergewicht, desto mehr Viren können sich vermehren. Das wiederum setze Entzündungsbotenstoffe frei und führe verstärkt zu entzündlichen Prozessen nicht nur im Fett- sondern auch in anderen Geweben wie zum Beispiel in den Gefäßen.

Fit statt fett - Ernährungs-Tipps bei Adipositas

Portionen: Vermeiden Sie große Portionen und häufigen Verzehr von fettreichen Lebensmitteln, z. B. fettreiches Fleisch, fettreiche Wurstwaren, fettreicher Käse, fettreiche Backwaren, fettreiche Fertigprodukte, fettreiches Fast-Food, Sahne, Schokolade, Chips usw.
Fett: Essen Sie weniger Fett, bevorzugen Sie pflanzliche Fetten, z. B. Öle, Nüsse, Samen.
Ballaststoffe: Verzehren Sie öfter Lebensmittel, die reich an Ballaststoffen sind, z. B. Gemüse, frisches Obst, Vollkorngetreideprodukte.
Getränke: In Maßen können Sie energiereiche nichtalkoholische Getränke (z. B. Erfrischungsgetränke, Säfte, Nektare, Fruchtsaftgetränke, Eistees) konsumieren. Besser sind jedoch kalorienfreie Alternativen wie z.B. Wasser.
Fastfood: Achten Sie bei Fertiggerichten auf einen möglichst geringen Energiegehalt.
Alkohol: Schränken Sie Ihren Alkoholkonsum ein. Trinken Sie keinesfalls mehr als ein bis zwei kleine Gläser an alkoholischen Getränken pro Tag.
Auswahl: Nutzen und Genießen Sie die Vielfalt des Lebensmittelangebotes.
Wiegen: Kontrollieren Sie regelmäßig Ihr Körpergewicht.Kalorien-Zufuhr: Reduzieren Sie die Energieaufnahme um 500-800 kcal/Tag vor allem durch Verkleinerung von Portionsgrößen und Wahl energieärmerer Nahrungsmittel.
Überblick: Führen Sie ein Ernährungstagebuch. Notieren Sie, wann Sie was gegessen haben. Dieses Protokoll sowie ein regelmäßiger Mahlzeitenrhythmus erleichtern die Einhaltung der vorhergenannten Empfehlungen.

Durch entzündliche Prozesse in den Blutgefäßen nimmt die Dehnbarkeit ihrer Wände ab, der Blutdruck kann ansteigen. Außerdem wird die Gefäßwand rau. Das Fettgewebe produziert darüber hinaus auch Stoffe, die die Blutgerinnung fördern. Entzündungen, Veränderungen an den Gefäßwänden und eine erhöhte Bereitschaft zur Blutgerinnung führen dazu, dass sich Thromben bilden können. Diese Blutgerinnsel wiederum können wichtige Gefäße in der Lunge verstopfen, es kommt zu Embolien. Hamburger Pathologen haben jüngst bei Obduktionen verstorbener Corona-Patienten überraschend viele Lungenembolien entdeckt.

Übergewicht schwächt das Immunsystem

Zuletzt gibt der Charité-Spezialist noch zu bedenken, dass Adipositas ganz allgemein das Immunsystem schwächt: „Adipöse Patienten neigen häufiger zu Infekten. Die Entzündungsprozesse im Gewebe führen zu einer schlechteren Körperabwehr.“ Das verschlechtere die Prognose von Covid-19-Patienten zusätzlich.

„Doch vielleicht sind diese alarmierenden Erkenntnisse gerade in der jetzigen Zeit geeignet, bei den Betroffenen die Motivation zu erhöhen, abzunehmen und ein zu hohes Körpergewicht zu reduzieren“, hofft Knut Mai.

Besonders möchte er damit die rund 850.000 Berlinerinnen und Berliner ansprechen, die an starkem Übergewicht leiden. Das betrifft fast jeden vierten.

„Für Übergewicht“, so Mai, „kommen in den allermeisten Fällen drei Ursachen in Frage. Dazu gehören eine erbliche Veranlagung, Bewegungsmangel und eine falsche Ernährung.“ Der genetische Hintergrund sei aber nie allein ausschlaggebend, der Lebensstil spiele die entscheidende Rolle: „Wer von seinen Eltern eine familiäre Vorbelastung geerbt hat und gesund lebt, kann trotzdem sein Leben lang superschlank bleiben.“

Die Ausrede „dick durch Veranlagung“ zählt also nicht. Deshalb kann nahezu jeder aus eigener Kraft Übergewicht abbauen. Dabei käme es selbst bei ausgeprägter Adipositas laut Mai gar nicht darauf an, 15 oder 20 Kilogramm abzunehmen: „Für Covid ist das zwar noch nicht erforscht, aber vom Fettgewebe der Leber wissen wir, dass schon ein Verlust von vier bis fünf Kilo ausreichen, um positive gesundheitliche Veränderungen zu erzielen. Deshalb ist es immer sinnvoll, mit kleinen Schritten zu beginnen.“

Alltagsbewegungen können schon helfen

Menschen, die schon lange keinen Sport mehr betrieben haben, brauchen nicht gleich mit Joggen anzufangen. „Im Prinzip ist jede Alltagsbewegung vorteilhaft“, erklärt Mai. Dazu reiche es schon, Rolltreppen und Aufzüge zu vermeiden, Im Bus eine Station früher auszusteigen und zu Fuß weiterzugehen, oder für kurze Wege das Auto stehen zu lassen und das Fahrrad zu benutzen. „WennSie dann noch zusätzlich Sport machen, ist das ein positiver Add-on-Faktor.“ Wer körperlich fit ist, könne natürlich versuchen, durch schnelles Laufen oder Radfahren zweimal pro Tag außer Puste zu kommen.

Damit eine dauerhafte Umstellung der Ernährung gelingt, sei es wichtig, Fett zu reduzieren und mehr Eiweiß, Ballaststoffe und ungesättigte Fettsäuren zu sich zu nehmen: „Es sollte gut schmecken, damit sich der Patient daran gewöhnen kann. Das gelingt am besten mit einer regelmäßigen Ernährungsberatung. Leider wird das von den Kassen oft noch nicht übernommen. Aber es gibt Ernährungsberatungen über die Hausärzte.“ Auch Krankenkassen böten oft entsprechende Programme an. Eine Nachfrage kann sich also lohnen.