Desinfizieren gehört für viele nach dem Hände waschen dazu. 
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BerlinSauber soll es zuhause zugehen. Mit desinfizierenden oder bakterienhemmenden Substanzen in Putz- und Waschmitteln, Seifen und Zahnpasten bedienen manche Hersteller das offensichtlich verbreitete Verständnis, sauber heiße auch keimfrei. Wie anders ist zu erklären, dass in den Regalen von Drogerie- und Supermärkten immer noch Produkte mit aufgedruckten Versprechen wie „hygienisch rein“ oder „entfernt 99,9 % der Bakterien“ stehen – obwohl Experten seit langem mahnen, Desinfektionsmittel seien in einem normalen Haushalt nicht nur überflüssig, sondern eher schädlich?

„Die meisten Menschen unterschätzen die Bedrohung durch Mikroben im Haushalt“, sagt der Biochemiker Mark Lohmann. Er leitet beim Bundesinstitut für Risikoforschung (BfR) in Berlin die Fachgruppe, die sich unter anderem mit der Wahrnehmung von Risiken befasst. Diese erhebt halbjährlich im BfR-Verbrauchermonitor, einer repräsentativen Befragung, wie die Bevölkerung gesundheitliche Risiken einschätzt und inwieweit sich diese Wahrnehmung mit der wissenschaftlichen Einschätzung dazu deckt.

Die Gefahr, sich im eigenen Heim unsichtbare Krankheitserreger einzufangen, geht nicht etwa von Oberflächen aus, die nur mit gewöhnlichem Allzweck- oder Essigreiniger ausgewischt werden. Wahrscheinlich könnte man hierzulande von den meisten Fußböden essen und Wasser aus Toilettenschüsseln trinken, ohne von Bakterien oder Viren verursachte Erkrankungen befürchten zu müssen. Die bedeutendste häusliche Infektionsquelle, so Risikoforscher Lohmann, sei ein unsachgemäßer Umgang mit Lebensmitteln.

Warnung vor Triclosan

Wer etwa rohes Hühnerfleisch schneidet und auf demselben Brett, ohne es gewaschen zu haben, auch Rohkost, riskiert eine Infektion mit Campylobacter. Der von diesem Bakterium verursachte Brechdurchfall ist die häufigste gemeldete bakterielle Erkrankung des Magen-Darm-Trakts in Deutschland. Das für Infektionskrankheiten zuständige Robert-Koch-Institut (RKI) zählt jährlich 60 000 bis 70 000 Fälle. Nach dem BfR-Verbrauchermonitor kennt aber nur knapp ein Viertel der Bevölkerung ab 14 Jahren diesen Erreger – und vermutet die Hauptursache für Durchfallerkrankungen eher in der Gastronomie als zuhause.

Um die potenziellen Gefahren, die im Haushalt lauern, zu umgehen, genügt es, einfache Hygieneregeln zu berücksichtigen. Die Desinfektionskeule hat eher schädliche Nebenwirkungen auf die Gesundheit und auf die Umwelt. Die Nebenwirkungen haben BfR und RKI gemeisam mit dem Umweltbundesamt sowie dem Bundesamt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin vor fünf Jahren in einer gemeinsamen Arbeit untersucht. Das Ergebnis, in zwei Sätzen zusammengefasst: „Der Nutzen von Desinfektionsmitteln für den Haushalt ist gegenwärtig nicht belegbar. Nicht auszuschließen sind dagegen Risiken für den Anwender, für unbeteiligte Personen, für die Umwelt und bezüglich einer möglichen Resistenzbildung.“ Diesem Befund sei nach heutigem Stand nichts hinzuzufügen, sagt Mark Lohmann.

In der professionellen Lebensmittelverarbeitung und in der Gastronomie ist genau vorgeschrieben, welche Mittel in welcher Konzentration und mit welcher Einwirkzeit anzuwenden sind. Bei Haushaltsreinigern mit antibakteriellen Zutaten hingegen weiß niemand genau, ob die Dosierung für eine effektive Vernichtung der Keime ausreicht. US-amerikanische Wissenschaftler haben schon vor mehr als 20 Jahren gezeigt, dass die bakterielle Besiedlung auf der Oberfläche von Küchengeräten gleich bleibt – egal ob die Utensilien mit einem einfachen Reinigungsmittel gereinigt werden oder mit einem antibakteriellen Mittel, aber ohne vorherige Einweisung.

Nur bei fachgerechter Anwendung kurz vor der Probenahme war die Zahl der Bakterien deutlich verringert. Ähnlich verhält es sich mit bakteriziden Seifen und Handdesinfektionsmitteln: In Krankenhäusern und Arztpraxen, wo ein besonders hohes Übertragungsrisiko für Krankheitserreger besteht, ist ihre Anwendung sinnvoll. Zuhause indessen besitzen sie gegenüber einer Handwäsche mit Seife keinen Zusatznutzen. Im Gegenteil: Was angeblich die Hygiene fördert, birgt Risiken und Nebenwirkungen.

Reizungen durch Inhaltsstoffe

Zum einen können die desinfizierenden Substanzen Reizungen verursachen, wenn sie in die Hände von Kindern oder empfindlichen Personen geraten. Darüber hinaus gelangen sie mit dem Abwasser in die Kläranlagen, wo einige Stoffe nur teilweise oder gar nicht abgebaut werden können – und schließlich in Gewässern, im Boden und in der Luft landen.

Zum Beispiel Triclosan: Das chlorhaltige Antiseptikum, das auch als Konservierungsmittel dient, ist zwar in der EU seit Juli 2015 teilweise verboten, weil es im Verdacht steht, Allergien auszulösen und den Hormonhaushalt zu stören. In abzuwaschenden Kosmetika, manchen Zahnpasten und Deos ist der Stoff aber nach wie vor enthalten.

Triclosan und seine Abbauprodukte lassen sich in der Umwelt nachweisen, wo sie sich möglicherweise anreichern. Sie wirken giftig auf Fische, Wasserflöhe und Algen. Überdies tragen Triclosan und verwandte Substanzen in den Ökosystemen womöglich dazu bei, die Resistenzbildung gegen antimikrobielle Mittel zu befördern. Denn sie erhöhen den evolutionären Druck auf freilebende Bakterien, ähnlich wie es Antibiotika bei bakteriellen Krankheitserregern tun.

Stets überleben einige Bakterien, die zufällig genetisch dafür ausgerüstet sind, dem Angriff eines Keimkillers zu widerstehen. Weil Bakterien sich rasch vermehren, geben sie die Gene, die ihnen Widerstandsfähigkeit gegen eine bestimmte Substanz verleihen, rasch an ihre Nachkommen weiter. Zudem können sie solche Resistenzgene über gesonderte Erbgutstücke an andere Bakterienarten weiterreichen und so für deren Verbreitung sorgen.

Dank dieser eingebauten Mechanismen haben Bakterien im evolutionären Wettlauf gegen den Menschen immer einen Vorsprung. Der verbreitete Einsatz diverser Antibiotika in der Human- und Tiermedizin hat den Druck verstärkt und zunehmend multiresistente Bakterien hervorgebracht, auch als Krankenhauskeime berüchtigt, gegen die gängige Antibiotika nicht mehr helfen.

Der Einsatz von Desinfektionsmitteln im alltäglichen Gebrauch spielt zwar im Hinblick auf Resistenzbildung eine geringere Rolle. Aufhorchen lässt jedoch, dass australische Forscher kürzlich in zwei Krankenhäusern eine Bakterienart gefunden haben, die nicht nur resistent gegen mehrere Antibiotika ist, sondern auch eine Behandlung mit Isopropanol überlebt, der Standard-Handdesinfektion in Krankenhäusern.

Wenn Bakterien unempfindlich gegen Desinfektionsmittel werden, birgt dies zudem das Risiko sogenannter Kreuzresistenzen, also der gleichzeitigen Entwicklung weiterer Resistenzen – auch gegen Antibiotika.

Nützliche Keime in Gefahr

Schließlich besteht auch das Risiko, mit übertriebener Hygiene die eigene Mikroflora zu schädigen. Denn desinfizierende Verbraucherprodukte machen nicht nur „bösen“ Keimen den Garaus, sondern setzen auch den Billionen von Bakterien und Viren zu, die jeder Mensch beherbergt, im Darm und im Mund, auf der Haut und in den Atemwegen einschließlich der Lunge.

Ohne sie wären wir nicht in der Lage zu verdauen. Sie wehren Krankheitserreger ab und beeinflussen maßgeblich nicht nur Gesundheit und Körpergewicht, sondern auch Stimmung und Denkfähigkeit. Verändert sich die Zusammensetzung der mikrobiellen Untermieter-Gemeinschaft, zum Beispiel durch Bakterizide in der Umgebung, kann dies langfristig die Gesundheit beeinträchtigen.

Ein Indiz dafür liefert eine Beobachtungsstudie, die ein kanadisches Forscherteam letztes Jahr veröffentlichte: Der – gut gemeinte – häufige Einsatz von Desinfektionsmitteln in Haushalten mit Säuglingen führte dazu, dass sich deren Darmflora drei Monate nach der Geburt deutlich verändert hatte. Die betreffenden Kinder neigten im Alter von drei Jahren eher zu Übergewicht als jene in einer Vergleichsgruppe, deren Eltern mit umweltverträglichen Mitteln geputzt hatten.