Ein Asteroid fliegt auf die Erde zu und verglüht in der Erdatmosphäre. So etwas kann jederzeit geschehen.
Foto: iStockphoto

BerlinEs könnte jeden Tag passieren, so wie am 15. Februar 2013 in Tscheljabinsk, einer russischen Großstadt am Ural. Es war ein kalter Wintertag. Gegen 9.20 Uhr zog plötzlich ein Meteor seine Bahn über den blauen Himmel. Es gab einen Blitz, hell wie die Sonne, und einen gewaltigen Knall. In tausenden Gebäuden sprangen Türen auf, Fensterscheiben splitterten, Wände und Dächer wurden beschädigt, fast 1500 Menschen verletzt. Der Asteroid war nur etwa 20 Meter groß, wie ein Mietshaus. Er brach in etwa 30 Kilometern Höhe auseinander - mit einer Sprengkraft von 33 Hiroshima-Atombomben. Das Ereignis – genannt Airburst – ist auf vielen Videoaufnahmen zu sehen und zu hören. 

Das Ereignis von Tscheljabinsk war noch regelrecht harmlos im Vergleich zu dem, was der Erde blühen könnte, wenn ein größerer Asteroid auf ihr einschlägt. Erst Anfang 2020 bestätigten Forscher nach der Untersuchung von Bohrkernen die Theorie, dass es nicht verstärkter Vulkanismus war, der vor 66 Millionen Jahren die Ära der Dinosaurier auf der Erde beendete, sondern ein gewaltiger Einschlag – Impakt genannt. Ein Asteroid mit rund zehn bis 15 Kilometern Durchmesser schlug im heutigen Golf von Mexiko ein. Er setzte die Energie von zehn Millionen Hiroshima-Atombomben frei. Es gab gewaltige Tsunamis, Erdbeben, die Erde umlaufende Druckwellen, ausgedehnte Brände, gefolgt von einer drastischen Abkühlung des Klimas über Jahrzehnte. 

Könnte so etwas heute wieder geschehen? „Die Gefahr eines großen Einschlags ist gering, aber nicht auszuschließen“, sagt der Asteroidenforscher Alan Harris vom Institut für Planetenforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. Die Wahrscheinlichkeit des Einschlags eines Brockens von 100 Metern Größe liege bei einem Prozent in 100 Jahren. „So etwas könnte eine Großstadt oder Teile Deutschlands zerstören“, erklärt der Wissenschaftler anlässlich des Asteroidentages am 30. Juni. 

Die Vereinten Nationen haben den Asteroidentag im Jahre 2016 offiziell proklamiert, um auf die offenbar unterschätzte Bedrohung aus dem Weltall hinzuweisen. Zuvor hatten mehr als hundert Wissenschaftler, Astronauten, Ingenieure und Künstler wie der Queen-Gitarrist und Astrophysiker Brian May eine Erklärung unterzeichnet. Sie warnten davor, dass es im Sonnensystem eine Million Asteroiden gebe, die das Potenzial hätten, auf der Erde einzuschlagen und zumindest Städte zu zerstören. Bislang habe man jedoch nicht einmal ein Prozent von ihnen entdeckt. Die Unterzeichner forderten, intensiv im All nach möglichen Bedrohungen zu suchen. Das Datum des Asteroidentages soll an den 30. Juni 1908 erinnern. Damals war es in der Tunguska-Region im russischen Sibirien zu einer Asteroidenexplosion gekommen. Die Druckwelle legte Millionen Bäume auf einer Fläche um, die fast so groß wie das Saarland war.

Grafik: BLZ/Galanty

Ein Ziel der Akteure des Asteroidentages ist, dass Forscher pro Jahr etwa 100.000 Asteroiden entdecken. In den vergangenen Jahren wurde dafür die Suche aktiviert. Man gründete ein Internationales Netzwerk zur Asteroidenwarnung. „Es gibt zwei große Überwachungsprogramme, beide von der Nasa finanziert, die quasi jede Nacht den Himmel scannen und nach diesen Objekten suchen“, sagt Detlef Koschny, Asteroidenexperte der Europäischen Raumfahrtagentur Esa. Mit den Daten könnten die Bahnen der Asteroiden ausgerechnet werden. In Europa werde derzeit ein zusätzliches Überwachungsteleskop entwickelt, das 2022 auf Sizilien in Betrieb gehen soll. Die Amerikaner arbeiteten an einem satellitengestützten Teleskop. „Ein Teleskop auf der erdabgewandten Seite des Mondes wäre natürlich noch besser“, sagt Koschny. Nur wäre es auch sehr teuer.

Asteroiden werden Objekte genannt, die um die Sonne kreisen und keine Planeten oder Zwergplaneten sind. Es gibt schätzungsweise viele Millionen davon. Sie können einige Meter bis Hunderte Kilometer groß sein, aus Gestein und Metall bestehen. Die meisten finden sich im sogenannten Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter. Von ihnen sind etwa 800.000 bisher bekannt. Beobachtet werden aber vor allem die erdnahen Asteroiden – auf Englisch Near-Earth Asteroids (NEA) -, ganz speziell die sogenannten Erdbahnkreuzer. Viele sind seit Jahren auf dem Schirm. So weiß man zum Beispiel, dass am Freitag, den 13. April 2029, der Asteroid Apophis, groß wie ein Sportstadion, in etwa 38.000 Kilometern Entfernung an der Erde vorbeifliegen wird.

Ende 2019 hatten die Wissenschaftler bereits mehr als 21.500 erdnahe Objekte verschiedener Größe erfasst, darunter etwa 900 Asteroiden mit einem Durchmesser von mindestens einem Kilometer. Sie werden ständig beobachtet. Im Jahre 2010 hatte man zum Beispiel jenen 310 Meter großen Asteroiden entdeckt, der erst vor wenigen Tagen, am 24. Juni 2020, an der Erde vorbeiraste, im Abstand von etwa 3,8 Millionen Kilometern – dem zehnfachen Abstand vom Mond zur Erde. Dies klingt viel, ist aber für Astronomen recht nah, weil ein solcher Brocken der Erde gefährlich werden könnte, wenn er aus irgendeinem Grund seine Bahn ändert. In der gleichen Woche flogen laut Nasa noch acht weitere Asteroiden relativ nah an der Erde vorüber. 

Es ist auch gar nicht ungewöhnlich, dass Asteroiden die Erde treffen – meist unbemerkt von Menschen. So zeichneten Sensoren zum Beispiel in den ersten 14 Jahren dieses Jahrtausends 26 Explosionen auf, die nicht von Kernwaffenversuchen stammten, aber eine Sprengkraft von bis zu 40 Hiroshima-Atombomben hatten. Die meisten Asteroiden explodieren irgendwo über dem Ozean.  Aber sie könnten auch zu sogenannten City-Killer-Asteroiden werden, wenn sie über Städten niedergehen.

Bei Asteroiden mit einer Größe von 50 Metern und mehr müsse man über eine Ablenkung nachdenken, sagt der Asteroidenexperte Detlef Koschny. Das Szenario wäre dann, Satelliten auf Konfrontationskurs zu schicken und die Flugbahn der Brocken zu ändern. Der US-Kinofilm „Armageddon“ war keine reine Science-Fiction. Denn in den USA gibt es durchaus Diskussionen über den Einsatz von Nuklear-Raketen gegen Asteroiden. Mitunter könnte es aber vielleicht auch schon genügen, eine Sonde an einem Asteroiden vorbeifliegen zu lassen, um diesen per Gravitation abzulenken. 

Forscher schätzen, dass bereits Asteroiden mit einem Kilometer Durchmesser die Zivilisation vernichten könnten. Nicht wegen des Einschlags selbst, sondern vor allem wegen des sogenannten Impakt-Winters, der möglicherweise über Jahre hinaus die Nahrungsgrundlagen zerstören würde. Die Gefahr des Einschlags eines großen Asteroiden ist den Experten zufolge eher gering, aber nicht komplett auszuschließen. „Von den ganz großen, größer als ein Kilometer, sind 95 Prozent bekannt“, sagt Detlef Koschny. Einen mehr als zehn Kilometer großen Riesen wie den „Dino-Killer“ von vor 66 Millionen Jahren könnte man Forschern zufolge mit heutigen Teleskopen bereits Jahrhunderte vor seiner Annäherung entdecken. Und dann hätte man genug Zeit, eine Abwehrstrategie zu entwickeln. (mit dpa)