Berlin - Bremen hat eine Quote von mehr als 82 Prozent bei den vollständig gegen das Coronavirus Geimpften. Der Stadtstaat ist Spitzenreiter hierzulande. Berlin belegt mit rund 71 Prozent laut Statistik des Robert-Koch-Instituts vom Donnerstag einen Platz im Mittelfeld unter den 16 Bundesländern. In der Hauptstadt wird der Ruf nach härteren Maßnahmen laut. Sie sollen die Ungeimpften treffen. Ein Vorschlag lautet: Zusatzbeiträge zur Krankenversicherung im Fall einer Behandlung gegen Covid-19. Ein anderer: Lockdown.

Pauschales Urteil über Ungeimpfte

Die Ungeimpften – bis auf den Status ihrer Immunisierung werden sie nicht näher definiert. In der öffentlichen Wahrnehmung führt dies dazu, dass nicht Geimpfte pauschal verwirrten Corona-Leugnern zugeordnet werden, was übrigens auch mit Verfassern abwägender Kommentare gelegentlich passiert. Draufhauen, das ist das Gebot der Stunde. Dass sich unter den Ungeimpften Menschen befinden, die wegen einer Vorerkrankung die neuartigen Vakzine meiden: egal. Dass es Menschen gibt, die hinter Sprachbarrieren oder kulturellen Hürden zurückbleiben oder aus anderen Gründen mit ihren Ängsten und ihrer Entscheidung alleine dastehen: sei’s drum. Dass es Möglichkeiten für Verantwortliche aus Politik und Gesundheitswesen gegeben hätte, vor Ausbruch einer vierten Infektionswelle und einer Panik präventiv tätig zu werden: kein Wort darüber.

Bremen ging auf Menschen zu, half ihnen über Hürden, betrieb früh Aufklärung, statt zu spät auf Abkanzeln zu setzen. Deutschland ist ein Land der Pole geworden, auch bei anderen Themen. Ein Land der Debatten in Schwarz und Weiß. Das krankmachende Virus verweist auf eine gesellschaftliche Krankheit: die Unfähigkeit zum Austausch von Argumenten, zum sachlichen Dialog. Höchste Zeit, miteinander zu reden, nicht übereinander. Zeit für Heilung.