Nur sechs Hausnummern trennen das neue Zuhause von Gertraut Tzschoppe von ihrem alten, doch es sind ganze Lebensabschnitte, die dazwischen liegen. Die 84-Jährige ist vor fünf Monaten in ein Altenheim gezogen: aus der Gürtelstraße 38 in Weißensee in die Gürtelstraße 32a zur Seniorenstiftung Prenzlauer Berg.

Nach einem Krankenhausaufenthalt traf sie diese Entscheidung, die noch nicht selbstverständlich geworden ist für sie. „Man muss vernünftig sein. Ich sage mir: Hier bist du gut aufgehoben, aber leicht ist es nicht.“

Fremde Möbel und eigene Bilder

An diesem Morgen scheint die Sonne kräftig in ihr Zimmer im vierten Stock. Gertraut Tzschoppe, eine zarte Frau in beigefarbener Hose und Bluse in Leopardenprint, zieht die orangegelben Vorhänge zu. Der langgezogene Raum ist vielleicht 20 Quadratmeter groß.

Darin stehen Standardmöbel in hellem Holz, ein Bett, ein Nachttisch, eine Kommode, ein kleiner Tisch. An den Wänden hängen Malereien in aufwändig geschnitzten Holzrahmen. Die Mischung aus funktionalen Möbeln und privater Dekoration will sich nicht recht verbinden.

Nur weniges hat sie aus ihrer Wohnung mitgebracht. Neben den Gemälden sind zwei Polstersessel in Altrosa markant, die in feines Nussbaumholz eingefasst sind. Zwischen ihnen steht ein kleiner runder Tisch mit bestickter Tischdecke, darauf eine goldene Kerze. Gertraut Tzschoppe sitzt aufrecht in einem der Sessel und blickt prüfend in ihr neues Zuhause.

Aussortiert für den Neuanfang

Als sie aus dem Krankenhaus kam und auswählen musste, was sie ins Altersheim mitnimmt, entschied sie, sich auf das Nötigste zu beschränken. „Hier sind nur meine Bilder und ein bisschen Nippes. Es ist besser, vollkommen neu anzufangen“, sagt sie. Zu viele Möbel von früher wollte sie nicht mitnehmen. „Die hier zu sehen – das ging nicht.“

Diesen Neuanfang zu machen, bedeutete für Gertraut Tzschoppe 55 Jahre ihres Leben hinter sich zu lassen. So lange hatte sie in ihrer alten, 60 Quadratmeter großen Wohnung, gewohnt. Die war der Mittelpunkt ihres Lebens gewesen, denn ihr Mann war „sehr fürs Häusliche“, wie sie es ausdrückt.

In der Klinik überredet

Sie haben viel in die Wohnung investiert und es sich dort so richtig gemütlich gemacht. Mit Holzvertäfelung, Wandschmuck, Büchern, CDs. „Es war so warm, daran darf ich nicht denken“, sagt Frau Tzschoppe. Sie ließ alle Zeugnisse ihres vergangenen Lebens zurück, und das fiel ihr in dem Moment, als es passierte, nicht schwer. Eine Mangelerkrankung hatte dazu geführt, dass sie im Frühjahr in ihrer Wohnung das Bewusstsein verlor.

Dank eines Notknopfs wurde sie, die von 57 auf 43 Kilogramm abgemagert war, gerettet. Doch der Zusammenbruch traf sie schwer. „Ich konnte nicht mehr denken, sprechen oder laufen – ich konnte gar nichts mehr“, sagt sie. In der Klinik rieten Ärzte und ihre Familie dazu, das eigene Zuhause, in dem sie allein lebte, aufzugeben. „In dem Moment, wo du dich nicht mehr bewegen kannst, sagst du ja“, erinnert sie sich. Ihre Schwägerin habe geholfen, dass sie den Heimplatz bekam.

Vorher hatte sie nie daran gedacht, ins Heim zu ziehen. „Genauso wie man nicht daran denkt, wie es ist, seinen Mann zu verlieren“, sagt sie. Aus der Klinik führte ihr Weg noch einmal in ihre Wohnung. „Ich bin da reingegangen wie eine Fremde.“ Mechanisch wählte sie aus, was fortan ihr Besitz sein sollte. Jetzt, ein Vierteljahr später, merkt sie, dass vieles fehlt. „Ich habe keine Wintersachen, nicht mal Socken. Ich muss mir alles neu kaufen.“

„Man muss sich einschränken“

Wie auf Bestellung klingelt der Hermes-Paketbote, der zwei Strickjacken und ein paar Strümpfe bringt. Knapp 20 Euro kostet eine der Jacken. „Man muss sich einschränken“, sagt Gertraut Tzschoppe. Nach Abzug des Eigenbetrags für das Seniorenheim bleiben ihr ein paar hundert Euro.

In der DDR war die Berlinerin im Exporthandel tätig. In verschiedenen Firmen arbeitete sie und reiste durch den ganzen Ostblock. Ihr Mann war als Gebietsleiter für mehrere Konsum-Geschäfte in Berlin zuständig. Die beiden hätten ein zufriedenes Leben geführt, erzählt sie. Hätte Gertraut Tzschoppe nicht häufig gesundheitliche Probleme gehabt, hätte sie auch gern Kinder bekommen. So blieben die beiden zu zweit.

Nach der Wende gingen die Tzschoppes bald in Rente. Dann erkrankte ihr Mann an Lungenkrebs und starb 2005. Das war der zweite große Einschnitt in ihrem Leben. Auch ihr erster Ehemann ist verstorben. Da war Gertraut Tzschoppe erst 22 Jahre alt und nur kurz verheiratet gewesen. An einem 11.11., als sie sich gerade für eine Karnevalsfeier fertiggemacht hatte, kam die Polizei und teilte ihr mit, dass ihr Mann, ein Fahrstuhlmonteur, bei der Arbeit verunglückt sei. „Ich habe zwei Männer beerdigt“, sagt sie und die Trauer um jeden der beiden ist deutlich zu hören.

Ihre Familie ist heute ihr jüngerer Bruder, seine Frau, ihr Neffe mit Ehefrau und ihr Großneffe mit Freundin. Sieben Menschen. Viel Zeit, sie zu besuchen, hätte ihre Familie aber nicht. „Doch wenn einer Hilfe braucht, sind die anderen zur Stelle“, sagt sie mit fester Stimme. Ihre Nachbarin kommt jeden Samstag, das ist eine Abwechslung, auf die sie sich verlassen kann. Dann gehen die Frauen spazieren und der übliche Tagesablauf aus Frühstück, Mittagessen, Abendessen und Fernsehen wird unterbrochen.

Lange Tage

Noch hat sich Gertraut Tzschoppe nicht ganz ans Leben im Heim gewöhnt. Das Essen schmecke ihr manches Mal zu wenig gehaltvoll. „Alte Menschen mögen es etwas kräftiger. Aber das Heim bekommt nur 6,50 Euro für die Mahlzeiten je Bewohner pro Tag. Da sollte die Politik was drauflegen“, sagt sie. Doch es geht um mehr: „Zu Hause hatte ich den Haushalt, da war ich den ganzen Tag ausgelastet.“ Jetzt seien die Tage so lang. Manchmal sei sie so müde, dass sie nach dem Frühstück noch einmal schlafe. Das sei für sie ganz ungewohnt. „Ich muss noch etwas finden, was mich richtig befriedigt.“

Ihr Kämpfergeist ist in den letzten Wochen wieder erwacht. „Wenn etwas nicht anders geht, dann muss es so sein. Mach kein Problem draus, ist mein Wahlspruch“, sagt sie.

Kürzlich ist sie mit dem Rollator allein bis zur Berliner Allee gegangen. Das war für sie ein großer Erfolg. „Ich will das jetzt öfter machen“, sagt sie. Auf dem Weg zur Allee kam sie auch an ihrem früheren Wohnhaus vorbei. Kann sie sich vorstellen, es noch einmal zu betreten? Vielleicht die Nachbarin zu besuchen? Sie bleibt eine Weile still. Dann sagt sie: „Im Moment kann ich es nicht.“