Winzig klein und für manche irgendwie immer noch nicht wahr: Sars-CoV-2-Viren unter dem Rasterelektronenmikroskop. 
Foto: NIH

GießenSeit ein paar Tagen hat sich ein altbekannter Querulant in den immer schneller rotierenden Corona-Katastrophendiskurs gemischt: Doktor med. Wolfgang Wodarg, pensionierter Lungenarzt und bis zum Ausscheiden mit 47 Jahren im Jahre 1994 auch Leiter des Flensburger Gesundheitsamts. Auf YouTube behauptet er, dass die Virologen die Welt an der Nase herum führen würden, indem sie ein paar alte Erkältungsviren zu einer rasenden Pandemie gepimpt hätten. „Der Kaiser hat keine Kleider an“, sagt Wodarg.

Wie eine Mischung aus dem aufmüpfigen YouTuber Rezo, Boris Johnson mit seinem 350-Millionen-Pfund-Bus für den Brexit und Harald Lesch mit Haaren erklärt Wodarg bedächtig und sciency, aber mit beinharten Anschuldigungen gespickt, die Beweisführung seiner vermeintlich skandalösen Entdeckung.

Die Kernbehauptungen - und was dahinter steckt

Warum regt das uns Virologen so auf, dass wir Gefahr laufen wegen Bluthochdrucks allesamt in die Covid-19-Hochrisikogruppe zu geraten? Wodargs Kernbehauptungen bestehen darin, dass (a) der von Victor Corman und Christian Drosten an der Berliner Charité entwickelte Gentest – eigentlich ist es eine Serie von drei hintereinander geschalteten Tests – gar nicht validiert wäre, und (b) der Test auch die schon lange bekannten „Standard“-Corona-Erkältungsviren erfassen würde.

Zur Behauptung (a): Ein Blick in die entsprechende, frei zugängliche Publikation zum Test vom 23. Januar 2020 hätte dem Mann geholfen. Schon im Abstract, also der Zusammenfassung, auf der ersten Seite ist nachzulesen, dass der Test validiert ist, also seinen Anforderungen gerecht wird („Here we present a validated diagnostic workflow for 2019-nCoV…”).

Zur Behauptung (b): Selbstverständlich wurde auch abgesichert, dass die altbekannten Standard-Coronaviren von diesem Test, auf Englisch assay genannt, nicht erfasst werden. Ebenfalls im Abstract auf der ersten Seite ist nachzulesen, dass anhand von 297 Proben von anderen Coronaviren aus Kliniken ausgeschlossen wurde, dass der Test bei ihnen womöglich auch anschlägt – was ja die Ergebnisse wertlos machen würde. („…we confirmed assay exclusivity based on 297 original clinical specimens containing a full spectrum of human respiratory viruses”).

Wer es genau wissen will, kann in Tabelle 2 auch die Testergebnisse dazu anschauen. Dazu muss ich jetzt die Virusnamen zitieren, auch wenn das so aufregend wie eine Matheformel ist: Beim Menschen schon länger im Umlauf sind die sogenannten Humanen Coronaviren HCoV-229E, -NL63, -OC43, und -HKU1. Außerdem kursieren regional begrenzt Mers-Coronaviren (Mers-CoV). Wie die Autoren schreiben, wurden diese Virusarten in allen drei Testabschnitten überprüft – und in keinem davon gab es eine Reaktion („No reactivity with any of three assays”).

Fazit zu (b): Selbstverständlich ist der Test auf Covid-19 also trennscharf und spricht ausschließlich auf das neue Coronavirus Sars-CoV-2an - und nicht auf seine alten Verwandten, selbst wenn diese sich genetisch verändert hätten.

Ein pseudowissenschaftlicher Aufreger

Im Übrigen ist zusätzlich zu diesem Schnelltest, der einzelne Genabschnitte detektiert, bei fast 100 Patienten mittlerweile das gesamte Genom des neuen Coronavirus entschlüsselt worden. Alle diese Virus-Sequenzen zeigen übereinstimmend, dass Sars-CoV-2 neu ist und mitnichten von einem der schon lange im Menschen kursierenden Corona-Erkältungsviren abstammt.

Verzweifelt möchte man Wolfgang Wodarg also zurufen „Hey Woody, alter Zerstörer, das ist schon arg, was du behauptest. Hast du dir denn eigentlich mal die Fakten angesehen?“ Offenbar nicht, und: Wozu auch? Wie bei jedem pseudowissenschaftlichen Aufreger muss der Anschein der Seriosität genügen, denn das geringste Eintauchen unter die Oberfläche gefährdet das wackelige Skandalgebäude.

Auch sonst wird halber oder ganzer Unsinn erzählt, und unbekümmert sich selbst widersprochen.

Friedemann Weber, Virologie-Professor

Sehr anschaulich wird das auch bei den Statistikkurven auf Wodargs Website. Er will damit belegen, dass die Sterblichkeitsraten im Vergleich zu den Vorjahren gar nicht zugenommen hätten. Was man beachten sollte: Die Kurven zeigen nur die europäischen Länder und enden zum Zeitpunkt der Videoveröffentlichung mit der 10. Kalenderwoche (KW); die speziell für England gezeigte Grafik sogar mit der 9.KW.

Bis zu dieser 10. KW, also bis zum 8. März, gab es im am stärksten betroffenen europäischen Land Italien erst 366 Covid-19 Tote. Mittlerweile, keine zwei Wochen später, sind wir schon bei 3.400 Todesfällen – und in dem Moment, in dem Sie das lesen, ist diese Zahl wohl schon überholt. Darüber hinaus ist zu bedenken: Hätte Herr Wodarg auch Daten aus dem chinesischen Wuhan präsentiert, wo die Pandemie anfing, hätten schon am 8. März mehr als 3.000 Tote optisch die Grafik gesprengt.

Auch sonst wird halber oder ganzer Unsinn erzählt – und unbekümmert sich selbst widersprochen. In seinem Video sagt Wodarg in Minute 1: „Die Viren müssen sich verändern, denn wenn die selben Viren nochmal kämen, dann könnte sie unser Immunsystem erkennen und sie könnten uns nicht krank machen.“ Blöd nur, dass das in der Pauschalität nur für wenige, wie zum Beispiel Grippeviren gilt. Viele Viren, etwa die Auslöser von Hepatitis B, Pocken, Masern und auch die Coronaviren sind genetisch so stabil, dass unser Immunsystem, einmal aktiviert, noch viele Jahre später vor  Infektionen damit schützen kann. Deshalb muss man die Impfstoffe dagegen auch nicht laufend neu designen. Aber was soll man sich mit virologischem Basiswissen belasten, wenn man gerade am großen Skandalrad dreht.

Wissenschaftler werden als geldgeiler Haufen und Politiker-Einflüsterer dargestellt. Aber: Wieviel bekommt man von YouTube für 1.263.316 Aufrufe?

Friedemann Weber, Universität Gießen

Video Minute 7:24: „Tests auf Coronaviren sind bisher nicht geschehen.“ Video Minute 7:04: „Coronavirus-Infektionen machen 10 bis 14 Prozent der Fälle aus.“ Woher hat er diese Zahlen, wenn doch bisher angeblich nicht getestet wurde? Selbstverständlich wird bei schweren Lungenentzündungen nach den Standard-Coronaviren geschaut. Dass ansonsten Coronaviren auch mal mit Grippeviren verwechselt werden (Minute 7:03) macht das Ganze auch nicht seriöser. Und, das darf nicht fehlen, Wissenschaftler werden pauschal als geldgeiler Haufen und Politiker-Einflüsterer dargestellt. Ich frage mich: Wieviel bekommt man von YouTube für 1.263.316 Aufrufe?

Die Infektionszahlen und Todesfälle steigen täglich rasant. In Italien müssen Militärkonvois die Särge abholen, weil den Kliniken der Platz dafür ausgegangen ist. Videos aus China und Italien zeigen hastig improvisierte Kliniken, überfüllte Intensivstationen, auf dem Bauch liegende Patienten im Endstadium, und die nackte Verzweiflung des überlasteten Personals. Kaputte Teile von Beatmungsgeräten werden im Eilverfahren per 3D-Druck nachgebaut. Unser Corona-Erklärbär hält das trotzdem alles für eine von Virologen-„Hofschranzen“ (Video Minute 7:43) inszenierte Luftnummer und mokiert sich darüber, dass Fachleute ihre Hilfe bei der Bekämpfung anbieten.

Wir alle würden es bevorzugen, wenn Herr Wodarg recht hätte mit seiner Behauptung, dass es sich um eine normale Erkältung handelt. Leider sprechen die von ihm verleugneten Befunde dagegen. Aber Fakten haben ja nicht erst seit Covid-19 einen schweren Stand. Greta, hilf!

Foto: privat
Der Autor

Professor Dr. Friedemann Weber, 54, leitet an der Universität Gießen das Institut für Virologie im Fachbereich Veterinärmedizin. Mit seiner Arbeitsgruppe untersucht der Professor, wie hochpathogene RNA-Viren mit dem angeborenen Immunsystem interagieren. Als Modelle setzen die Forscher dabei Vertreter der Bunyaviren, Coronaviren und Influenzaviren ein.