Dicht gedrängt genießen Camper an einem See in Eichhorst die Sommersonne.
Foto: dpa/Klaus Franke

BerlinIm Sommerurlaub 2020 ist nichts, wie es war. Wer Flugreisen in Corona-Zeiten scheut, der sucht nach Alternativen. Das kann Urlaub auf Balkonien sein. Oder man nimmt das Zuhause einfach mit: Im Wohnmobil oder Caravan bleibt die Familie unter sich. Die jüngst vom Caravaning Industrie Verband (CIVD) veröffentlichten aktuellen Zulassungszahlen belegen, dass der seit Jahren anhaltende Boom nach dem pandemiebedingten Einbruch im April ungebrochen ist.

Demnach hat die Zahl der Neuzulassungen von Wohnmobilen im Mai den höchsten Stand der Branchengeschichte erreicht. Mehr als 10.000 neue Wohnmobile seien seit der Lockerung der Corona-Einschränkungen registriert worden, teilte der Verband mit – eine Steigerung um mehr als 30 Prozent im Vergleich zum Mai 2019. Der Verband erwartet auch in den kommenden Monaten eine hohe Nachfrage: „Caravaning ist in diesen Zeiten eine der sichersten Urlaubsformen, da man mit einem Freizeitfahrzeug nur mit Personen des eigenen Haushaltes verreist“, sagte CIVD-Chef Daniel Onggowinarso.

Das mobile Heim ist nichts Neues. Schon vor Beginn der christlichen Zeitrechnung ließen sich Königin Kleopatra und ihr Geliebter Marcus Antonius in einem von 22 Ochsen gezogenen wohnlich ausgestatteten Wagen durch Ägypten kutschieren, erzählen sich Campingfreunde. Im 13. Jahrhundert berichtete der venezianische Händler Marco Polo dann von seiner Asienreise: Die Tartaren, ein Nomadenvolk in China, nutzten mit Filz überdeckte Fuhrwerke, auf denen sie ihren gesamten Hausstand mit sich führten und in denen sie ganze Tage geschützt vor Wind und Wetter verbringen konnten.

Frankreichs Kaiser Napoleon Bonaparte (1769–1821) soll seine Schlachten von einem Wohnwagen aus gelenkt haben. Und der Dichter Johann Wolfgang von Goethe habe seine Italienreise Ende des 18. Jahrhunderts aus einer mit Sekretär, Bett und Kohleofen ausgestatteten Post-Chaise beschrieben, heißt es. Historische Belege dafür sind allerdings kaum zu finden.

Die Anfänge des motorisierten Reisens im Wohnmobil sind dagegen dokumentiert, denn sie erregten Aufsehen. So berichtete die New York Times 1915 von einem um- und ausgebauten Bus, den der New Yorker Investor Roland R. Conklin nutzte, um sich und seine Familie in aller Bequemlichkeit nach Kalifornien kutschieren zu lassen. Mit an Bord: ein Koch, ein Chauffeur und ein Mechaniker. Zur Ausstattung des Doppeldeckers gehörten „ein Bad, ein Herd, Geschirrfächer, ein Eisfach, und genügend Schränke, um die meisten Frauen zufriedenzustellen“.

In Deutschland finden sich in den 30er-Jahren erste Berichte über Reisen mit wohnlich ausgestatteten Anhängern. Arist Dethleffs, Sohn eines Peitschenfabrikanten im Allgäu, wollte 1931 seine Verlobte Fridel mit auf Geschäftsreisen nehmen. Sie stellte sich einen Wagen vor, „in dem wir zusammen fahren und ich auch malen könnte“, heißt es dazu in der Firmengeschichte. Weil es so ein Gefährt aber nicht zu kaufen gab, baute der Bräutigam das gewünschte „Wohnauto“ eben selbst. Der Anhänger diente der wachsenden Familie auch zu Urlaubszwecken. Vor allem aber war er Grundstein für eine Neuorientierung des Familienunternehmens. Peitschen hatten schließlich mit der Motorisierung weitgehend ausgedient. Reisemobilen gehörte die Zukunft.

Dethleffs blieb nicht der einzige Innovator in Sachen mobiles Wohnen. 1938 fanden sich nach Angaben des Deutschen Museums bereits ein Dutzend Konkurrenten auf dem Anhängermarkt. Mit Kriegsbeginn 1939 war das Vergnügen des Heims auf Rädern dann schnell beendet. In den Folgejahren wurden zwar weiter möblierte Anhänger produziert, sie dienten aber Armeestäben und Kriegsbeobachtern.

In der Nachkriegszeit gab vor allem die Massenproduktion des VW Käfers auch dem Wohnwagenmarkt einen neuen Anstoß. Dessen Zugkraft war jahrelang das Maß aller Dinge für die Anhängerproduzenten. Nicht nur für deutsche Urlauber wurde das „Haus am Haken“ zum Begleiter bei Reisen in Europas Süden.

1950 war auch das Geburtsjahr für den VW-Bus, bis heute liebevoll „Bulli“ genannt. Er war und ist – wie die Vans und Kleinbusse anderer Hersteller – vor allem Arbeitstier. Die ausgebauten und mit Mobiliar ausgestatteten Gefährte haben als Wohnmobil Generationen in alle Welt begleitet und nebenbei Filmkarriere gemacht. Die skurrile Familienkomödie „Little Miss Sunshine“ aus dem Jahr 2006 ist ohne das VW-Wohnmobil ebenso wenig denkbar wie die Song-Dramatisierung „Alice’s Restaurant“ von Arlo Guthrie aus dem Jahr 1969.

Mehrheitsfähig war es nie, dafür ist die Anschaffung oder auch die Miete eines Eigenheims auf Rädern vielen zu teuer. Ein Wohnwagen von vier bis fünf Metern Länge, in dem eine vierköpfige Familie angemessen unterkommt, kostet neu ab etwa 14.000 Euro, dabei ist Zubehör noch nicht mitgerechnet. Anhängerkupplung und zusätzliche Außenspiegel fürs Auto schlagen schnell mit weiteren 1000 Euro zu Buche. Die Preise für neue Wohnmobile starten bei etwa 35.000 Euro mit Basisausstattung. Möchte man etwas mehr Ausstattung, kommt man schnell auf 45.000 Euro. Flexibilität und Unabhängigkeit haben eben ihren Preis. (mit avo.)

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